Harvestehude

Wann wird eine Frau Papst?

Premiere an einer Hamburger Schule: 150 Jugendliche diskutieren über Feminismus und Kirche mit Vertreterinnen von drei Weltreligionen

Harvestehude.  Kann eine katholische Frau Bischof oder Papst werden? Warum sind Frauen in vielen islamischen Ländern noch nicht gleichberechtigt? Dürfen Frauen in jüdischen Synagogen singen? Die rund 150 Schüler in der voll besetzten Aula der Ida Ehre Schule erlebten eine spannende Premiere an einer Hamburger Schule: Erstmals diskutierten Vertreterinnen von drei Weltreligionen mit Schülern über die Rolle der Frau im Christentum, im Judentum und im Islam.

Vor sechs Jahren hat sich in Hamburg das Interreligiöse Frauennetzwerk gegründet. Frauen aus christlichen und muslimischen Gemeinschaften suchen den Dialog. Einmal im Jahr veranstalten sie einen Begegnungstag, zuletzt in der Blauen Moschee an der Alster. Ihr Motto: Gerade in einer von Angst und Hass geprägten Zeit ist es wichtiger denn je, dass sich Menschen unterschiedlicher Religionen zusammentun. Und darum gehen die Frauen, die in ihren Kirchen buchstäblich seit Ewigkeiten um die Gleichstellung kämpfen, nun voran.

Sanam Tariq (28) hat Rechtswissenschaften studiert. Die pakistanische Muslimin ist in Deutschland aufgewachsen und gehört der Ahmadiyaa-Gemeinde an, einer islamischen Reformbewegung mit mehreren Millionen Gläubigen in 200 Ländern. Ihre Frauenorganisation, Lajna Imaillah, ist die älteste und weltgrößte muslimische. In Deutschland gehören ihr 13.000 Frauen und 4000 Mädchen an. Sie hat das Ziel, Mädchen ab 15 Jahren in allem Lebensbereichen zu fördern, auch in der Bildung.

„Mohammed war der erste Feminist“, sagt Sanam Tariq, die als ehrenamtliche Gesundheitsmediatorin im Projekt MiMi (mit Migranten für Mi­granten) und als Einbürgerungslotsin im Projekt „Ich bin Hamburger“ arbeitet. Staunen im Publikum. „Erst mit der Botschaft des Islams durch den Propheten bekamen die Frauen ihre Rechte.“ Vorher seien sie Besitztum des Mannes gewesen, von dem sie sich auch nicht trennen durften.

In der katholischen Kirche gebe es ein langsames Umdenken

Sanam Tariq zitiert dann Stellen aus dem Koran, mit denen die Gleichstellung von Frau und Mann belegt wird. „Die Gleichberechtigung von Mann und Frau ist sowohl im Islam als auch in den Verfassungen der Länder verankert.“ Dass trotzdem viele Frauen in zahlreichen islamischen Ländern unterdrückt werden und rechtlos sind, sei nicht dem Islam geschuldet, sagt Sanam Tariq. „Das hängt mit der Vermischung von Kultur und Religion zusammen, mit einem niedrigen Bildungsniveau und patriarchalen Strukturen.“

Eva Schmitz hat in Münster katholische Theologie studiert. „Erst gegen Ende des Studiums entdeckte ich die feministische Theologie, für mich ein Aha-Erlebnis.“ Ihr „nicht zu definierendes Unwohlsein“ als Frau in der katholischen Kirche, klärte sich mit einem Mal. Auch weil sie entdeckte, dass es vielen Frauen so ging. „Ich war nicht allein.“ Über Jahrhunderte hatten Frauen keine große Rolle im theologischen Denken gespielt. Ausgangspunkt für alle Denkmodelle waren Männer. Und heute? „Inzwischen setzt auch in der katholischen Kirche ein langsames Umdenken ein“, sagt Eva Schmitz. „Frauen in Führungspositionen sind nicht mehr ganz so selten.“

Dass es dafür höchste Zeit wird, findet Maja (17): „Schlechter als die Männer im katholischen Erzbistum, die nun acht Schulen schließen, weil sie wohl jahrelang zu wenig Rückstellungen für Lehrerpensionen getätigt haben, können es die Frauen auch nicht machen.“

Wie weit der Weg der Frauen noch ist, zeigt die Vertreterin einer jüdischen Reformgemeinde, die ihren Namen und ihr Foto jedoch nicht in der Zeitung sehen möchte. Zu extrem ist wohl ihre Position für so manchen orthodoxen Gläubigen. Sie erzählt den Schülern, dass es auch im Judentum sehr verschiedene Strömungen gibt. Dass die orthodoxen Juden an dem alten Rollenverständnis von Mann und Frau festhalten, dass die Reformer in den vergangenen 200 Jahren aber zunehmend an Einfluss gewonnen haben. Nun sei Frauen in Synagogen auch das Singen erlaubt, sie dürften Kantorin und Rabbinerin werden. „Die Berlinerin Regina Jonas war 1930 weltweit die erste Rabbinerin“, sagt sie.

„Diese Debatte ist auch unabhängig von der Religion ungemein relevant für die Gesellschaft“, sagt Sabine Matton, die den Abend zusammen mit Hildegard Fleischer moderierte. Die beiden Lehrerinnen vom Arbeitskreis „Schule ohne Diskriminierung“ haben die Veranstaltung auch mit Blick auf den Internationalen Frauenkampftag am 8. März organisiert.

Frauen erledigen den Großteil der Haus- und Pflegearbeit

Immer noch verdienen Frauen in Deutschland für die gleiche Arbeit 22 Prozent weniger als Männer. Und sie erledigen nach wie vor den Großteil der Haus- und Pflegearbeit. „Deshalb sind Feminismus und der Kampf für Gleichberechtigung immer noch ganz wichtig“, sagt Schülerin Paulina.

Das findet auch Sanam Tariq: „Es ist eine bedauerliche Wahrheit, dass die Gesellschaften weltweit feministische Bewegungen benötigen und dass wir über gleichen Lohn für die Geschlechter oder eine Frauenquote diskutieren müssen.“ Deshalb seien solche Veranstaltungen so wichtig. „Um junge Menschen zu sensibilisieren und einer Stigmatisierung durch Vorurteile entgegenzuwirken.“

Eva Schmitz hatte nicht mit einem so großen Interesse der Schüler gerechnet. „Die intensiven Diskussionen haben mich gefreut. Feminismus und Religion scheint ein Thema zu sein, was für Schüler heute spannend ist. Außerdem hat mir gefallen, dass Judentum, Christentum und Islam miteinander im Gespräch sind.“

Ob es denn in der katholischen Kirche vielleicht auch irgendwann eine Frau als Papst geben werde, wird sie am Ende gefragt. „Ich glaube, das werde ich nicht mehr erleben“, sagte Eva Schmitz. Kurze Pause: „Und ihr wahrscheinlich auch nicht.“