Matthiae-Mahl

Zum letzten Mal? Scholz begrüßt Ehrengäste wie alte Freunde

Beim ältesten Festessen der Welt wehte ein Hauch von Abschied durchs Rathaus. Fischer und Juncker setzten ganz eigene Akzente.

Hamburg. Einmal im Jahr, traditionell immer an einem Freitag rund um den Tag des heiligen Matthias, den 24. Februar, legt das Rathaus Gala an: Der Erste Bürgermeister bittet die Hamburg „wohlgesonnen Mächte“, so will es die Überlieferung, zum Matthiae-Mahl, diesmal mit etwas Verspätung am 2. März. Das opulente Bankett, seit 1356 historisch belegt, gilt als das älteste noch begangene Festmahl der Welt.

Rund 400 Gäste aus Politik, Wirtschaft, Kultur, Sport und Medien sowie das konsularische Korps waren geladen. Die beiden Ehrengäste des Abends – EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und Ex-Außenminister Joschka Fischer – kamen mit einer halben Stunde Verspätung um kurz vor 19 Uhr im Rathaus an. An diesem eiskalten Winterabend nahm von Juncker und Fischer kaum ein Hamburger Notiz.

Außen-Staatsrat Wolfgang Schmidt begrüßte zuerst Fischer und kurz darauf Juncker unter dem Eingangsportal und geleitete beide über den roten Teppich ins Rathaus. Zu den ehernen Traditionen gehört, dass der Bürgermeister seine Gäste erst am oberen Ende der prachtvollen Senatstreppe begrüßt – dem sogenannten Spiegel. Diese machtbewusste Geste des obersten Vertreters der alten Stadtrepublik wurde Scholz als Bundesfinanzminister in spe nun vermutlich zum letzten Mal zuteil.

Eintrag ins Goldene Buch

Es lag also auch ein Hauch von Abschied über der Begrüßung. Aber Scholz, der sich gegen 18.45 Uhr zusammen mit seiner Ehefrau Britta Ernst oben an der Senatstreppe postiert hatte, um die beiden Ehrengäste zu empfangen, ließ sich nichts anmerken. Zum Pflichtprogramm gehört der Eintrag ins Goldene Buch der Stadt. „Ich bin froh, hier zu sein. Den Hamburgern alles Gute“, schrieb Juncker und versah seine Unterschrift mit einem Herzchen. Fischer beließ es bei seinem Namenszug. Um kurz nach 20 Uhr erhoben sich die Gäste im Großen Festsaal, als Scholz Fischer und Juncker zu ihren Plätzen am Ehrentisch führte. Zum Auftakt sprach der Bürgermeister – nach der Vorspeise.

Scholz stellte seine Rede unter das Motto Europa. „Jean-Claude Juncker und Joschka Fischer stehen beide mit Person und Werk für das, was jetzt nötig ist: Leidenschaft für das europäische Einigungsprojekt“, sagte Scholz. „Die Sterne stehen günstig für einen neuen Aufbruch“, sagte der Bürgermeister und merkte an: „Europa braucht ein widerstandsfähiges Finanzsystem. Überall erinnern sich die Bürger an die Finanzkrise, und sie wollen, dass wir das Auftreten einer vergleichbaren Problematik verhindern.“ Scholz schlug die Weiterentwicklung des Europäischen Stabilitätsmechanismus zu einem Europäischen Währungsfonds vor. Sprach da schon der künftige Finanzminister?

Fischer fordert neues Europa

Mit einem leidenschaftlichen und dramatischen Plädoyer für eine Reform der EU folgte Joschka Fischer nach dem Suppengang. „Nur ein gemeinsames starkes Europa wird sich den Herausforderungen stellen können und nicht angstgetrieben in Nationalismus und Abschottung verfallen.“ Wer auf Abschottung setze, habe schon verloren, bevor er auch nur begonnen habe, sagte Fischer unter dem Applaus der Gäste.

„Das abgelaufene Jahrzehnt wurde in der EU im Wesentlichen von Stillstand bestimmt. Wir können uns ein weiteres verlorenes Jahrzehnt nicht erlauben. Das Risiko, abgehängt zu werden, ist zu groß. Es wird faktisch auf eine Neubegründung der Union hinauslaufen“, sagte Fischer. „Das wird nicht mit den 27 Staaten gehen, nicht mit den Herren Orban und Kaczyński.“ Eine Gruppe um Frankreich und Deutschland müsse die EU neu organisieren. „Scheitert Europa und werden wir abgehängt, dann sehe ich schwarz“, sagte Fischer. „Das 21. Jahrhundert wird für uns keine zweite Chance bereithalten.“

Juncker besticht durch Humor

Juncker erwies sich zu vorgerückter Stunde nach dem Hauptgang als humorvoll-ironischer Redner. Er lasse sich die Chance nicht entgehen, an einer der vielleichten letzten Hamburger Amtshandlungen von Olaf Scholz teilzunehmen, sagte Juncker unter dem Gelächter der Gäste. Da es das Matthiae-Mahl schon Jahrhunderte gebe, habe er sich gewundert, dass er so lange auf eine Einladung habe warten müssen.

Juncker zeigte sich vom Ambiente des Großen Festsaals beeindruckt: "Diese Pracht ist unerreicht, da kommt die Kommission nicht mit.“ In Brüssel dominiere dagegen ein "Ikea-Ambiente“.

„Europa ist ein Hort des dauernden Friedens geworden“, sagte Juncker. „Unser Problem ist, dass wir das nicht zu schätzen wissen. Eine Woche Krieg kostet mehr als ein Jahr Euro.“ Mit Blick auf die EU zeigte sich Juncker vorsichtig optimistisch. „Europa nimmt langsam wieder Tempo auf. Es geht um die Frage, was können wir tun, um ein besseres Europa hinzubekommen.“