Wertverlust in Hamburg

Diesel-Ärger wegen Fahrverboten – das sagen Betroffene

Malermeister Thorsten Ahrens vor einem seiner beiden Ford Transits. Er weiß noch nicht, wie er auf das Fahrverbot reagieren wird

Malermeister Thorsten Ahrens vor einem seiner beiden Ford Transits. Er weiß noch nicht, wie er auf das Fahrverbot reagieren wird

Foto: Roland Magunia/Hamburger Abendblatt

Der Gebrauchtwagenmarkt für Dieselfahrzeuge ist eingebrochen, Hamburgs Handwerker sind verunsichert – und fühlen sich als Bauernopfer.

Hamburg.  Für den Sprung in die Selbstständigkeit hätte er sich bessere Bedingungen gewünscht. „Der Gebrauchtwagenmarkt ist nach dem Diesel-Skandal komplett eingebrochen“, sagt Lennert Stadtlander, der seit eineinhalb Jahren als Einkäufer beim Gebrauchtwagenhandel Kiesow arbeitet und diesen im April als Eigentümer übernehmen wird. Ältere Dieselmodelle hätten enorm an Wert verloren, seit im vergangenen Jahr bekannt wurde, dass Autohersteller die Abgaswerte manipuliert und die Verbraucher getäuscht hatten.

Unternehmen hat bisher nur draufgezahlt

„Bei Autos, die wir vor einem Jahr für 10.000 Euro gekauft haben, betrug der Verlust zwischen 2500 und 3000 Euro“, so Stadtlander. So sei er einen Audi A4, für den er 12.000 Euro gezahlt habe, nur für 9000 Euro losgeworden. 60.000 Euro habe das Unternehmen bislang draufgezahlt, und es dürfte noch mehr werden: Auf dem Hof warten unter anderem drei VW Sharan, ein VW-Passat, ein Skoda Octavia und ein Ford Focus auf den Verkauf.

Der Wertverlust älterer Dieselmodelle ist das eine Problem, das Autohändler, private Besitzer und Firmen mit entsprechenden Fahrzeugflotten trifft. Das andere ist das Fahrverbot, das ab April für einen 1,7 Kilometer langen Abschnitt der Stresemannstraße (für Lkw ab 3,5 Tonnen und schlechter als Abgasnorm Euro VI) sowie für einen 580 Meter langen Teil der Max-Brauer-Allee (gilt für Pkw und Lkw schlechter als Euro 6/Euro VI) gelten soll.

Alternativen: Umwege fahren oder Auto verkaufen

Malermeister Thorsten Ahrens, dessen wichtigste Fahrzeuge zwei Ford-Transit-Transporter sind, überlegt, wie er auf das Fahrverbot reagieren kann. „Umwege fahren, die Autos verkaufen oder den kleinen Benziner nehmen, mit dem ich wegen der geringeren Ladekapazität aber Touren doppelt fahren müsste“, sagt der Bahrenfelder Maler. Er käme wohl nicht umhin, die Preise zu erhöhen. „Egal, für was ich mich entscheide: es kostet Geld. Mir wird nichts anderes übrig bleiben, als es mir von meinen Kunden wiederzuholen.“

Auch Marco Spehr, Geschäftsführer des Unternehmens SSG, das im Gebäude- und Spielplatzbereich tätig ist, fürchtet die Folgen des Fahrverbots. Zu den 25 Fahrzeugen seiner Flotte gehören Transporter und Lkw, dazu kommen Bagger und Radlager – alles Dieselfahrzeuge, die meisten älteren Datums. „Ich frage mich, wie wir unsere Kunden erreichen sollen, die in den Verbotszonen wohnen – und ob wir dort noch mit Baggern arbeiten dürfen.“ Seiner Meinung nach werde hier „mit Kanonen auf Spatzen geschossen. Was ist mit den Kreuzfahrtschiffen, die viel mehr Dreck in die Luft schleudern als unsere Autos?“, fragt er sauer. „Werden jetzt der Hafengeburtstag und die Cruise Days abgesagt? Natürlich nicht.“

Nahezu 80 Prozent der Fahrzeuge im Handwerk sind Diesel

Fast 80 Prozent der Handwerkerfahrzeuge seien Dieselfahrzeuge, sagt Josef Katzer, Präsident der Handwerkskammer Hamburg. „Handwerker und ihre Kunden gehören jetzt zu denen, die die Zeche bezahlen. Dabei sind die eigentlichen Verursacher der Stickoxid-Thematik nicht die Dieselfahrer, sondern die Hersteller der Dieselfahrzeuge. Die Autoindustrie hat es versäumt, saubere Fahrzeuge anzubieten. Die Politik hat die Kontrollen schleifen lassen.“

„Wir müssen das ausbaden, was andere versaut haben“, sagt auch Taxifahrer Kai Krüger – und meint damit die Autohersteller. Anfang 2014 hat er sich einen Mercedes der Abgasnorm Euro 5 gekauft. „Das galt damals als sparsam und fortschrittlich. Und jetzt ist dieses Autos im Wert gesunken und darf nicht mehr überall fahren.“ In die Max-Brauer-Straße darf er nur noch, um dort Kunden abzuholen oder hinzubringen. Touren, die dort hindurchführen, so befürchtet er, müsse er künftig ablehnen oder einen Umweg fahren.

Auch Ingrid Berg aus Ottensen darf mit ihrem alten Mercedes die Max-Brauer-Straße nicht mehr entlang fahren. „Das ist für mich eine wichtige Strecke, wenn ich in die Innenstadt oder in die Schanze will“, sagt sie. Dass sie künftig einen Umweg nehmen muss, findet sie lästig – und vor allem widersinnig. „Dann verpeste ich halt woanders die Luft.“ Einen neuen Wagen könne sie sich erst in zwei Jahren kaufen.

Autobesitzer können wegen Wertverlust Klage einreichen

Besitzer von Dieselfahrzeugen, die sich nicht mit einem erheblichem Wertverlust und einem Fahrverbot abfinden wollen, können unter Umständen auf Schadensersatz klagen. „Wir vertreten derzeit rund 500 Mandanten aus dem ganzen Bundesgebiet“, sagt der Hamburger Rechtsanwalt Peter Hahn, der unter anderem schon Mercedes Benz verklagt hat. Im Rahmen der Erstberatung werde kostenfrei geprüft, ob die Käufer vom Hersteller über die Fahrzeugbeschaffenheit, insbesondere die Abgaswerte, getäuscht worden wurden.

Unterdessen hat die Gewerkschaft der Polizei (GdP) angekündigt, die Einhaltung des Dieselfahrverbots nicht kontrollieren zu wollen. „Für die Überwachung sind nicht Polizisten zuständig, sondern die Städte und Gemeinden“, sagt der Chef des Hamburger Landesverbandes, Gerhard Kirsch. „Im übrigen hat die Hamburger Polizei für derartige Aufgaben zu wenig Personal.“