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Wo Studenten Obdachlose behandeln

Im CaFée mit Herz bietet ein Team der privaten Asklepios-Universität Patienten kostenlos medizinische Hilfe

hamburg. Der verdammte Husten quält Marcus Powering (42) seit Wochen. „Ich werde ihn einfach nicht los“, sagt er und streift Jacke, Pullover und mehrere T-Shirts ab, damit seine Brust abgehorcht werden kann. „Ich brauche die Klamotten bei diesem Wetter, es ist so kalt da draußen“, sagt er dann. Seinen Rucksack mit Unterwäsche, Hemden, Pullis und einer Zahnbürste bewacht sein Kumpel auf dem Flur.

Der Inhalt ist sein ganzer Besitz.

Marcus Powering lebt seit drei Jahren auf der Straße. Er hat kein Problem damit, dass sein kompletter Name in der Zeitung steht, aber bitte schreibt ihn richtig, mit c, nicht mit k, sagt er. Die Leute sollen ruhig wissen, wie wichtig es sei, dass es solche Läden wie das CaFée mit Herz an der Seewarten- straße gebe, eine Anlaufstation für Menschen wie ihn, die alles verloren haben. Sogar ihre Wohnung.

Gleich vier Frauen kümmern sich an diesem Montagnachmittag um Marcus Powering und weitere Patienten, die geduldig auf der Bank im Flur warten. Eine Waage, eine Liege, ein Schrank mit Medikamenten und Verbandsmaterial, viel mehr hat der Behandlungsraum nicht zu bieten. Und ist doch die vielleicht derzeit ungewöhnlichste Praxis der Hansestadt.

Drei der vier Frauen studieren noch, angeleitet werden sie von einer erfahrenen Ärztin. StuPoli nennt sich das Projekt, die Abkürzung steht für studentische Poliklinik, entwickelt von angehenden Medizinern der Asklepios Medical School, der privaten Universität des Krankenhaus-Konzerns.

StuPoli will Menschen helfen, denen ansonsten kaum noch jemand hilft. Obdachlosen, Flüchtlingen oder alten Menschen, die sich irgendwann ihren privaten Versicherungsschutz nicht mehr leisten konnten. In Frankfurt läuft ein ähnliches Projekt seit Jahren mit großem Erfolg.

„Diese Kooperation ist für uns wie ein Sechser im Lotto“, sagt Margot Glunz, Geschäftsführerin der Einrichtung im ehemaligen Hafenkrankenhaus. Denn zum Jahresende hat der Arzt, der sich mehrere Jahre um die Gäste des CaFées mit Herz kümmerte, aufgegeben – das Ehrenamt war für ihn zeitlich nicht mehr zu stemmen.

Nun also Asklepios. Der Konzern stellt neben den Studenten auch Geräte und Verbandsmaterial. Als Margot Glunz einwendet, dass man Medikamente aber weitgehend selbst bezahle, muss Christoph Jermann, Geschäftsführer der Asklepios Medical School lachen: „Liebe Frau Glunz, Sie dürfen sich von uns ruhig helfen lassen.“

Aber Eigenständigkeit ist Margot Glunz wichtig; jedes Jahr kämpft sie darum, den ausschließlich über Spenden finanzierten Etat von 16.000 Euro irgendwie zusammenzukratzen. Aber auch Jermann spricht von einer Win-win-Situation, hier könnten seine Studenten unschätzbare Erfahrungen sammeln, nämlich den Umgang mit einer Klientel, die auch in Krankenhäusern immer mehr anzutreffen ist. Auch deshalb behandeln Studenten einer teuren Privatuni (jedes Semester kostet 7800 Euro) nun Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben – und gerade deshalb besonders oft medizinische Hilfe benötigen.

Es sind Menschen mit Schicksalen wie Marcus Powering. Als seine Mutter starb, die Freundin ihn verließ, verlor er den Boden unter den Füßen. Sein Alkoholkonsum kostete ihn den Job als Installateur. Am Ende verlor der Bremer auch noch seine Wohnung. Immerhin: Er hat eine Versichertenkarte der AOK; die beiden Wohnungslosen aus Polen, die sich vor ihm behandeln ließen, hatten nicht einmal die.

Bei der Frage nach Vorerkrankungen klopft Powering gegen seinen Schädel: „Ich habe zuletzt im Sicherheitsdienst gearbeitet, da gab es die ein oder andere dicke Beule.“ Lisa Lohmann horcht ihn ab, diagnostiziert eine Bronchitis. Als Studentin im zehnten Semester leitet sie das Team, ihre beiden Kommilitoninen sind im achten und im sechsten Semester. Diese Mischung, sagt Jermann, gehöre zum Konzept. Lernen durch Lehren.

Immer dabei ist ein erfahrener Mediziner. An diesem Nachmittag trägt Sigrid Gartmann die Verantwortung, seit Jahren kümmert sie sich für die Caritas um Kranke in Armut. Sie kennt ihre Klientel, viele leiden durch die Jahre auf der Straße unter entzündeten Wunden oder Diabetes.

Insgesamt 20 Studenten werden bei diesem Projekt mitmachen, es gehört künftig als Wahlpflichtfach zum Fächerkanon der Uni. Mit den Behandlungen jeden Freitag zwischen 14 und 16 Uhr ist es nicht getan, die Studenten sammeln auch Spenden, etwa um besonders teure Medikamente oder Krankenhauskosten für Patienten ohne Versicherung zu finanzieren. Marcus
Powering erhält ein Rezept für ein Medikament, das seine Bronchitis lösen soll. Die Wohnung, die er so dringend benötigt, kann ihm kein Arzt der Welt verschreiben.