Hamburg

Die Krätze ist zurück in Hamburg

Untersuchung der Krankenkasse Barmer: Deutlich mehr Salben und Tabletten verordnet. Apotheken hatten zwischenzeitlich keine Medikamente mehr

Hamburg.  Es juckt fürchterlich. Und die betroffenen Hautstellen brennen beim Duschen. Die Rede ist von der Krätze. Krätze? Das klingt nach Kriegszeiten und Elend, nach einer längst ausgerotteten Krankheit. Aber weit gefehlt: Die Krätze (auch Scabies genannt, von scabere/lateinisch kratzen) ist wieder auf dem Vormarsch, auch in den hoch entwickelten Industrienationen.

„Wir stellen einen starken Anstieg bei den für die Behandlung von Krätze wichtigsten Wirkstoffmitteln fest,“ sagt Frank Liedtke, Landesgeschäftsführer der Barmer in Hamburg. Bei der entsprechenden Salbe stiegen die Verordnungen in der Hansestadt innerhalb eines Jahres um 64 Prozent, bei den Ta­bletten sogar um 90,5 Prozent. Ausgewertet wurden Verordnungen mit den Wirkstoffen Permethrin und Ivermectin der Jahre 2016 und 2017. Einen deutlichen Anstieg im Verkauf von Ektoparasitiziden – das sind Mittel gegen Parasiten wie Krätzemilben und Läuse – belegen auch die Zahlen der ABDA, der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände. Während 2015 rund zwei Millionen Packungen verkauft wurden, waren es im vergangenen Jahr knapp 500.000 mehr.

„Diesen Winter ist es mit der Krätze so schlimm wie noch nie,“ sagt Prof. Dr. Hartwig Mensing, Hamburger Dermatologe. Zwei bis drei Betroffene behandelt er in seiner Praxis mittlerweile täglich. Das war nicht immer so. In den letzten drei Jahren sei die Zahl der Krätze-Fälle enorm gestiegen. „Da im Krankheitsfall meist die gesamte Familie mitbehandelt wird, geht es so weit, dass die Apotheken zwischenzeitlich keine Medikamente mehr haben ,“ so Mensing.

Auch Dr. Anette Lingenauber, Sprecherin für den Berufsverband für Kinder- und Jugendärzte, vermutet, dass Krätze häufiger auftritt als vor der Flüchtlingswelle 2015/16. Ebenso hat Dr. Ute Siemann-Harms, Fachärztin für Dermatologie des UKE Hamburg, das Gefühl, die Fälle von Krätze seien in den vergangenen Jahren angestiegen, trotz der schwierigen Diagnose.

Die genaue Zahl von Krätze-Fällen lässt sich allerdings nur schwer ermitteln, da die Krankheit nicht meldepflichtig ist. Weltweit gelten 300 Millionen Menschen als betroffen.

Ausgelöst wird die Hautkrankheit durch kleine Parasiten unter der Haut. Dass die Krätze allein auf mangelnde Körperhygiene zurückzuführen sei, ist ein weit verbreiteter Irrtum. Vielmehr treten die Krätze-Milben dort auf, wo viele Menschen zusammenkommen. Für die Übertragung muss ein Hautkontakt von fünf bis zehn Minuten stattfinden, was in Kindergärten, Altersheimen und Krankenhäusern vorkommt – vor allem aber in Massenunterkünften. So gab es laut der Hamburger Gesundheitsbehörde die letzte größere Krätze-Plage vor drei Jahren in den großen Flüchtlingsunterkünften, wo viele Menschen auf sehr engem Raum zusammenleben mussten.

Die Krätze breitet sich auch deshalb so schnell aus, weil sich die Symptome erst nach zwei bis fünf Wochen zeigen. Der Betroffene ist dann aber schon längst ansteckend und kann bereits weitere Personen infiziert haben. Deshalb rät das Robert-Koch-Institut, das engere Umfeld des Patienten gleich mit zu behandeln.

Das wirkliche Problem liegt allerdings bei der Diagnose. „Krätze ist eine Krankheit, die aus unseren Köpfen verschwunden ist. Dadurch wird sie oft mit anderen Allergien verwechselt oder für einen einfachen Hautausschlag gehalten und auch so behandelt, was wiederum die Krätze kaschiert“, sagt Liedtke. Dies erhöht dann erneut die Gefahr von Ansteckungen.

Dabei lässt sich Krätze in den meisten Fällen unkompliziert behandeln. In der Regel genügt das einmalige Auftragen einer Permethrin-Creme oder das Einnehmen von Tabletten mit dem Wirkstoff Ivermectin, der Eier und Milben tötet und die Heilung in die Wege leitet.

Wichtig ist also vor allem, Krätze frühzeitig zu erkennen. Juckt die Haut sehr stark und zeigt ein entzündliches Ekzem, deutet alles auf den lästigen Parasitenbefall hin. Die winzigen Milben graben sich unter die Haut und bilden dort bis zu einem Zentimeter lange Tunnelgänge. Hier legen die Weibchen dann ihre Eier ab, und der Nachwuchs kehrt nach ein paar Tagen zur Befruchtung an die Hautoberfläche zurück. Die Milben bevorzugen Körperstellen mit warmer Temperatur und dünner Hornschicht, besonders oft sind die Finger- und Zehenzwischenräume sowie die Ellenbeuge und der Genitalbereich betroffen.

Zum Glück überleben die Parasiten außerhalb des menschlichen Körpers nur ein paar Tage, bei 34 Grad Celsius keine 24 Stunden. Dennoch raten Dermatologen, alle Textilien, die die Haut berühren, einmal bei 60 Grad zu waschen. Polster und Teppiche sollten abgesaugt werden und das Kuscheltier eine Woche in einem geschlossenen Plastiksack verbringen.

Prävention ist wie bei Läusen schwierig: Der enge Kontakt mit Betroffenen sollte vermieden werden, aber eine Umarmung oder ein Begrüßungsküsschen stellen keine Gefahr dar.

Dia­gnostiziert man bei seinem Kind Krätze, sollten die Kita und die Schule informiert werden, damit die anderen Eltern die Chance bekommen, einen etwaigen Befall frühzeitig zu erkennen und zu behandeln. Erst mit einem ärzt­lichen Attest dürfen die betroffenen Kinder nach Genesung wieder in ihren Kindergarten zurückkehren.