Hauptgeschäftsführerin

Christi Degen: Unter Handelskammer-Rebellen

Christi Degen mit
Objekten der Ausstellung
„Wir handeln
für Hamburg“
in der Handelskammer

Christi Degen mit Objekten der Ausstellung „Wir handeln für Hamburg“ in der Handelskammer

Foto: Klaus Bodig / HA

Christi Degen, neue Hauptgeschäftsführerin der Handelskammer, muss wieder Ordnung in die einst stolze Institution bringen.

Hamburg. Es ist 17.30 Uhr in der Handelskammer. Zwischen zwei Terminen hat Christi Degen Zeit für ein Gespräch über ihre ersten Eindrücke gefunden. Seit sechs Wochen ist sie nun Hauptgeschäftsführerin der Hamburger Wirtschaftsvertretung und damit zuständig für 160.000 Betriebe. Das ist zeitraubend. Degen verlässt zumeist spätabends das Büro. Von der Stadt hat sie noch nicht so viel gesehen. „Wenn ich nach Hause komme, reicht es gerade noch für die ,Tagesthemen‘ – und dann ab ins Bett.“ Ist das nicht eintönig? „Nicht schlimm, ich arbeite gern“, sagt die 53-Jährige und lächelt.

Diese Antwort ist insofern überraschend, als Christi Degen um ihren Job in Hamburg nicht beneidet wird. Seitdem die Kammerrebellen im Frühjahr 2017 bei den Plenumswahlen fast alle Sitze erringen konnten und das Präsidium stellen, ist die Handelskammer in Aufruhr – und permanent in den Schlagzeilen.

3 Fragen

Dabei stehen sich zwei auf den ersten Blick unversöhnliche Lager gegenüber: auf der einen Seite die neuen Kammerrepräsentanten, die der alten Kammerführung vorwerfen, sie und ihre Bedürfnisse über Jahre ignoriert zu haben; auf der anderen Seite viele Vertreter traditionsreicher Firmen, die ihre Plätze im Plenum für Inhaber und Geschäftsführer von kleinen und Kleinstbetrieben räumen mussten. Sie fühlen sich von diesen nicht mehr vertreten und sprechen ihnen gar die Fähigkeit ab, die Hamburger Wirtschaft würdig zu repräsentieren. Bestätigt sehen sich die Kritiker durch gebrochene Wahlversprechen der neuen Kammervertreter und durch einen radikalen Sparkurs, den die Kammerführung durchsetzen will.

„Kammer wird kaputtgespart“

„Die Kammer wird kaputtgespart“, bemängeln viele Unternehmer. Die Mitarbeiter haben Angst um ihren Job, auch im Präsidium gibt es immer wieder Querelen über den richtigen Kurs – und in dieser schwierigen Situation muss Christi Degen das einst so stolze Haus am Adolphsplatz übernehmen und ordnen. Da muss man schon besonders leidensfähig sein, oder? „Das finde ich nicht“, widerspricht sie. „Leidensfähig muss sein, wer leidet, aber ich leide nicht. Ich habe diese Aufgabe als Reiz empfunden, ob Sie es glauben oder nicht.“

Degens Aufgabe hat es in sich: Sie muss einerseits die Umstrukturierung der Kammer nach den Vorstellungen der neuen Mehrheit umsetzen, aber gleichzeitig muss sie versuchen, das Vertrauen der verprellten Manager der etablierten Unternehmen zurückzugewinnen. Und schließlich müssen die rund 265 Mitarbeiter des Hauses wieder beruhigt werden. Aber wie manche Kritiker – wenn auch ganz leise – inzwischen einräumen, macht Degen das ganz gut. Vor allem macht sie es mit Geduld: „Ich gerate nicht so schnell in einen Kriegsmodus.“

Als Erstes ging sie auf die Mitarbeiter zu

Als Erstes ging sie auf die Mitarbeiter zu und schloss mit dem Personalrat eine Dienstvereinbarung, wonach bis Ende 2021 betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen sind. „Das hatten aber schon andere ausgehandelt, ich musste nur noch den Vertrag unterzeichnen“, sagt Degen bescheiden. Aber auch kritische Kammermitarbeiter loben die Offenheit, mit der ihre neue Chefin von Anfang an auf sie zugegangen ist. „Wenn Sie Offenheit und Transparenz versprechen, dann können Sie nicht erst mal drei Wochen zur Eingewöhnung verstreichen lassen. Ich habe von Anfang an gesagt, dass ich jederzeit ansprechbar und aufrichtig im Umgang bin“, sagt Degen. „Meine Bürotür ist die meiste Zeit auf, und der Inhalt meines Mail-Postfachs wird von niemand anderem gelesen als von mir selbst.“ Jeden Montag lädt sie ihre gesamte Geschäftsleitung zum informellen Mittagessen. „Damit man sich auch außerhalb der Tagesordnung austauschen kann.“

Darin unterscheidet sich die in Ratingen bei Düsseldorf geborene, aber eigentlich waschechte Kölnerin von ihrem Amtsvorgänger Hans-Jörg Schmidt-Trenz, der sein Amt zwar freundlich, aber sehr präsidial führte. Er vertritt das wirtschaftliche Establishment und ist damit die Reizfigur der neuen Kammerführung, die ihm sogar die Entlastung für den letzten Haushalt verweigert hat. Degen pflegt hingegen einen entspannten Umgang mit ihm.

Sie trägt zur Entspannung bei

Aber nicht nur nach innen, auch nach außen trägt sie zur Entspannung bei. So will sie das angeknackste Verhältnis zu den anderen Handelskammern im Norden wieder kitten. Diese hatten dem Präses der Hamburger Vertretung, Tobias Bergmann, verübelt, dass er ihnen überraschend den Austritt aus der Gemeinschaft der Industrie- und Handelskammern im Norden (IHK Nord) angedroht hatte. Degen entschuldigte sich für die Form und damit für etwas, das sie gar nicht zu verantworten hatte.

Bei einigen Hitzköpfen der Kammerrebellen sorgte das für Verärgerung: „Man muss sich nur entschuldigen, wenn man etwas falsch gemacht hat. Wir haben nichts falsch gemacht“, sagen sie. Degen, die seit ihrem Amtsantritt einiges abgefedert hat, sagt: „Bei der breiten Mehrheit habe ich Unterstützung für die Aktion erfahren.“

Zur Fastnacht nach Namibia

Wer ist die Frau, der die meisten Kammerrebellen vertrauen? Christi Degen, Jahrgang 1964 und studierte Volkswirtin, ist ledig, hat einen Lebensgefährten in Tirol, der aber die Hälfte der Zeit in Hamburg lebt. Sie spricht mehrere Sprachen und ist einerseits sehr heimatverbunden, andererseits sehr international. Beispiel gefällig? Fastnacht in Afrika. So hat Degen in Namibia die dort ansässigen deutschen Karnevalsvereine besucht („Sehr traditionell, aber nicht so lustig wie bei uns“) und hält noch heute Kontakt dorthin. Am Karneval ihrer Heimat hängt sie, das merkt man ihr an. Bis 2013 war Degen Geschäftsführerin in der IHK Köln, danach Geschäftsführerin der F.A.Z. Executive School, einer Tochterunternehmung der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Im August 2014 wurde sie Hauptgeschäftsführerin der IHK Oberfranken in Bayreuth.

Das blieb sie bis zum April 2017, dann verlor sie von einem Tag auf den anderen ihren Posten, ganz kurz nach der Wahl einer neuen IHK-Präsidentin. Dabei hatte Degen noch zwei Jahre ihres Fünfjahresvertrags vor sich. „Das Aus kam für mich völlig überraschend. Ich hatte eine Reihe von Projekten angeschoben, die auch immer noch laufen“, sagt sie. „Ich kann mir das nur so erklären, dass die neue Kammerführung andere strategische Vorstellungen hatte.“ Im Nachhinein ist Degen über die weitere Entwicklung nicht unglücklich. „Ich habe den Traumjob in einer Traumstadt bekommen“, sagt sie.

Berufung verlief alles andere als glücklich

Dabei verlief ihre Berufung nach Hamburg alles andere als glücklich: Im Dezember 2017 wählte das Plenum Degen in ihr Amt, dabei war ihre Bewerbung zunächst nicht favorisiert worden. Nach Auseinandersetzungen im Präsidium wurde sie schließlich doch ausgewählt. Dann musste sie auch noch, dem Transparenzversprechen des Plenums folgend, ihr Gehalt offenlegen, das mit 195.000 Euro pro Jahr nicht einmal halb so hoch ist wie das ihres Vorgängers. Degen findet es okay: „Es ist hoch genug, um der Position zu entsprechen, und niedrig genug, um nicht anstößig zu sein“, sagt sie. Und die Verwicklungen über ihre Berufung kommentiert sie so: „Ich hatte natürlich aufmerksam verfolgt, was hier alles passiert ist. Ich wusste also genau, was mich erwartet.“

Dass sie den Job dennoch angenommen hat, liegt nicht zuletzt an ihrem Charakter. Degen selbst beschreibt sich als „Weltreisende und Entdeckerin“. In ihrer Freizeit befasst sie sich mit Alexander von Humboldt und James Cook. Sie reist zu den Stätten, die diese besuchten, und erzählt von Kealakekua, jener Bucht auf Hawaii, in der Cook einst von Einheimischen niedergemetzelt wurde. „Im übertragenen Sinne erklären diese Eigenschaften auch, warum ich dieses Amt gern übernommen habe“, sagt Degen. „Entdeckertum hat viel mit Lust auf Innovation und Mut zu strategischen Entscheidungen zu tun.“

Vorbehalte abbauen

Und mit dem Präsidium der Hamburger Handelskammer liegt sie auf einer Wellenlänge. Verschlankung und Effizienzsteigerung der Kammer findet Degen richtig. Abschaffung der Pflichtbeiträge? „Geht wohl nicht, aber schon die deutliche Senkung ist der richtige Weg zur Entlastung der kleineren Mitgliedsunternehmen“, sagt die Hauptgeschäftsführerin.

Und auch die Vorbehalte der großen Unternehmen der etablierten Wirtschaft glaubt die engagierte Hauptgeschäftsführerin bald abbauen zu können: „Das, was wir vorhaben, die Umstrukturierung der Handelskammer, ist den Unternehmenslenkern ja per se nicht fremd“, sagt sie. Auch jene wüssten, dass Modernisierung und Strukturanpassungen notwendige Schritte sind, um ihre Unternehmen erfolgreich fortzuführen. „Wenn es uns gelingt, die Handelskammer zu modernisieren und effizienter zu gestalten, aber gleichzeitig ihre Schlagkraft zu erhalten, dann müsste das eigentlich in der Hamburger Wirtschaft konsensfähig sein“, sagt Degen.

Dann schaut sie auf die Uhr, der nächste Termin wartet. Zum Abschluss hat sie eine Frage: „Wissen Sie, wo man in Hamburg Karneval feiern kann?“

Nächste Woche: Ann-Kathrin Cornelius, neue Kapitänin der „Cap San Diego“