Schauspielerin

Was Christiane Paul an Hamburg mag – und was nicht

Christiane Paul spielt Famke Oejen, die Kommissar Borowski (Axel Milberg) Rätsel aufgibt

Christiane Paul spielt Famke Oejen, die Kommissar Borowski (Axel Milberg) Rätsel aufgibt

Foto: NDR/Christine Schroeder

Die Berliner Schauspielerin, die jahrelang in der Hansestadt lebte, über die Filmbranche und den ersten „Tatort“ ihrer Karriere.

Hamburg.  Der neue Kieler „Tatort“ spielt fast gar nicht in Kiel. Da sich Kollegin Sarah Brand (Sibel Kekilli) hat versetzen lassen, muss Kommissar Borowski (Axel Milberg) den Fall auf der (fiktiven) Nordseeinsel Suunholt allein aufklären: Oliver Teuber, der in einen Korruptionsskandal verwickelt war, ertrinkt in der Badewanne. Seine Freundin Famke Oejen (Christiane Paul) und der Ermittler kommen sich näher. In „Borowski und das Land zwischen den Meeren“ spielt Paul die Femme fatale mit großer Intensität.

Frau Paul, Sie stehen seit mehr als 25 Jahren vor der Kamera und haben jetzt in Ihrem ersten „Tatort“ gespielt. Gab es vorher keine guten Angebote?

Christiane Paul: Doch, schon. Ich glaube, es gab zwei Angebote, wenn ich mich richtig erinnere. Es ist aber schon sehr lange her, und ich habe sie damals abgelehnt. Borowskis „Tatorte“ waren für mich immer sehr besonders. Axel Milberg fand ich schon toll, bevor ich ihn kannte, jetzt noch mehr. Mit dem Regisseur Sven Bohse hatte ich vorher gerade den Küstenkrimi „Ostfriesenkiller“ abgedreht. Danach hat er mich angerufen und mich gebeten, das „Tatort“-Drehbuch zu lesen. Es ist ein tolles Buch mit einer sehr speziellen Frauenfigur. Ich habe mich unendlich gefreut, dass Sven mir diese Rolle zutraute.

Wie schwer war es, diese ungewöhnliche Femme fatale zu spielen?

Paul: Es war gar nicht so einfach. Man muss ja glauben, dass diese Frau eine unheimliche Anziehungskraft auf Männer hat. Regie, Kamera und Mitspieler unterstützen das, aber als Zuschauer muss man dieser Behauptung auch folgen können. Und das zu kreieren, war für mich nicht so leicht. Ich habe mit dem Regisseur vorher alles ausgiebig besprochen, um dann am Drehort entspannt und mit den gleichen Vorstellungen gemeinsam zu arbeiten.

Sie steigen zu Beginn des Films aus dem Wasser, so ein bisschen wie Ursula Andress in „James Bond jagt Dr. No“ – nur nicht ganz so karibisch.

Paul: Das war tatsächlich der erste Drehtag im März in der Nordsee. Wir hatten nur fünf Grad Wassertemperatur. Trotz des Neoprenanzuges habe ich so gefroren, man kann sich das gar nicht vorstellen. Meine Füße habe ich erst im Hotel wieder gespürt. Das Team am Set hat mich umarmt, um mich warm zu halten, es war extrem liebevoll. So etwas trägt einen.

Es gibt Schauspieler, die man bei den Dreharbeiten kaum ansprechen kann, weil sie sich so intensiv mit ihrer Rolle auseinandersetzen. Ist das bei Ihnen auch so?

Paul: Man ist schon sehr konzentriert, und ich lasse mich dann auch nur ungern ablenken. Bei mir ist das allerdings eher vor dem Dreh so. Die Vorbereitungszeit ist oft schlimm, für mich sehr intensiv, da bekomme ich gar nichts anderes mehr mit.

Sie haben auch schon in Hamburg gewohnt. Was haben Sie aus dieser Zeit mitgenommen?

Paul: Wenn wir am Fluss spazieren gegangen sind, hat mein Sohn immer gesagt „Fischebooteelbe“. Darüber muss ich heute noch schmunzeln. Hamburg ist sehr überschaubar, das hat etwas Beruhigendes – und ist einfach eine schöne Stadt. Ich mochte sehr gern den Jenischpark und den Hirschpark. Da war ich am Wochenende oft. Als Berlinerin ist mir die Stadt vielleicht ein bisschen zu klein, man ist andere Entfernungen gewohnt. Aber es kann einem hier sehr gut gehen. Nur: Wie sollen Leute mit ei-nem normalen Einkommen hier überleben? Die Mietentwicklungen sind beunruhigend. Da trügt das ansonsten schöne Bild. Unabhängig davon bin ich hier immer wieder gern. Hamburger sind freundlich und zugewandt. Berliner können manchmal sperriger, kantiger und polarisierender sein. Das muss man erst mal aushalten.

Das Fernsehen steht zurzeit unter heftigem Konkurrenzdruck. Glauben Sie, dass der deutsche Film von den Streaming-Diensten profitieren kann?

Paul: Tut er doch bereits.

Geht es ihm gut?

Paul: Kino ist momentan gerade ein bisschen schwierig, es hat Schnupfen. Aber zumindest zeigen wir mit Serien wie „Dark“, „You are wanted“, „Deutschland 83“ oder „Verschwinden“, dass wir linear-horizontal erzählen können, auf internationalem Niveau. Wir haben die Drehbuchautoren, Regisseure, Schauspieler und Kameraleute dazu. Das ist für unser Selbstbewusstsein in unserer Branche total wichtig. Damit halten wir den kreativen Anschluss zum Weltmarkt. Wir Filmschaffenden leben auch ein bisschen in unserer eigenen Blase, gucken und reden immerzu über die Serien auf Streaming-Diensten. Wahrscheinlich sind wir aber nur zwei Prozent der normalen Fernsehzuschauer. Die amerikanischen Serien dieser Art, die ProSie-ben gekauft hat, wurden dort von nur sehr wenigen Zuschauern geguckt. Aber wir können uns in kreativer Hinsicht ja nicht ausschließlich auf die Einschaltquote bei den 50- bis 70-Jährigen beziehen.

Was sehen Sie am liebsten?

Paul: Tatsächlich Kinofilme. Ich brauche etwas Abgeschlossenes, das mich emotional berührt. Bei Serien stelle ich trotz der ganzen Begeisterung, die ich habe, nach einiger Zeit doch einen Ermüdungsprozess fest. Es gibt bei den Streaming-Diensten ja auch ein solches Überangebot, damit muss man erst mal zurechtkommen. Fernsehen zu gucken, ist natürlich kein Menschenrecht, aber viele Leute können sich diese vielen privaten Anbieter einfach gar nicht leisten. Da gibt es plötzlich eine Art Spaltung in der Gesellschaft. Und deshalb ist es unter anderem auch wichtig, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen stark bleibt.

„Tatort: Borowski und das Land zwischen den Meeren“, Sonntag, 20.15 Uhr, Das Erste