Arbeiten im Alter

Dr. Fritz Ducho ist Hamburgs ältester Arzt

Dr. Fritz Ducho in
seiner Praxis.
Zuletzt hat er
50 bis 60 Stunden
gearbeitet – pro
Woche. Jetzt soll
es weniger werden

Dr. Fritz Ducho in seiner Praxis. Zuletzt hat er 50 bis 60 Stunden gearbeitet – pro Woche. Jetzt soll es weniger werden

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Er ist 89 Jahre alt – doch ein Leben ohne seine Patienten kann sich der Mediziner noch nicht vorstellen.

Hamburg. Freitagnachmittag. Das könnte klappen. Aber erst so gegen halb vier oder vier. Wenn alle Patienten weg sind. Wenn die Praxis leer ist. Dann hat er Zeit. Freitagnachmittag. Halb vier. Die Patienten sind weg. Die Praxis ist leer. Doch Zeit hat Fritz Ducho trotzdem nicht. Er muss noch einen Befund besprechen, mit einer Patientin telefonieren. Seine Sprechstundenhilfe entschuldigt ihn. Bittet, vor dem Behandlungszimmer zu warten. Das Gespräch dauert. Fünf Minuten, zehn. 15. Als Dr. Ducho schließlich die Tür öffnet, entschuldigt er sich vielmals. Nein, das ist ihm wirklich unangenehm. Aber seine Patienten gehen vor. Immer, wirklich immer. Sonst würde er heute nicht mehr arbeiten.

Mit heute meint er nicht Freitagnachmittag. Nicht nur, wenn Sprechstunde ist. Sondern auch, wenn er nicht in der Praxis ist. Abends, am Wochenende. Wenn ein Patient ihn braucht. „Ich arbeite nicht als Arzt. Ich führe ein Leben als Arzt“, sagt Fritz Ducho und beißt in einen Keks. Selbstgebacken. Von einer Patientin, die er noch aus seiner Zeit als Oberarzt am Israelitischen Krankenhaus kennt. Das war vor, kurz überlegen, rechnen ...., vor mehr als 50 Jahren. Himmel! In solchen Momenten merkt er dann doch, wie lange er den Job schon macht. Wie alt er schon ist.

Altern ist ein Geschenk

Im Alltag, bei der Arbeit, ist sein Alter unwichtig. Ohne Bedeutung. Den Alterungsprozess hat er kaum wahrgenommen. Gut, irgendwann brauchte er eine Brille, später ein Hörgerät. Eingeschränkt habe ihn das aber nie. Wirklich nie. Denn sonst, das sagt er mit Nachdruck, würde er den Job nicht mehr machen. Das könnte er dann nicht verantworten!

89 Jahre ist er jetzt, bald wird er 90. 90!! Das muss man sich mal vorstellen. Manchmal wundert er sich selbst darüber. Irgendwann ist er mal gefragt worden, ob er das Alter als Belastung empfindet. Da hat er nur gelacht und gesagt, dass Altern etwas Schönes sei. Ein Geschenk. Ein Geschenk des Lebens. Denn mal ehrlich: Wer nicht altert, nicht alt wird, der stirbt früh. Und wer will das schon! Es ist keine Frage, es ist ein Statement. Fritz Ducho spricht sehr bestimmt, sehr eindringlich.

„Ich denke heute mehr in Zusammenhängen“

Er ärgert sich, dass alle nur über die Nachteile des Alterns sprechen, nie über die Vorteile. So wie das assoziative Denken. Das Verknüpfen von bekannten Eindrucken mit neuen Informationen. „Ich denke heute nicht mehr so partial, sondern mehr in Zusammenhängen.“ Er ist sicher, dass das am Alter liegt. Und der Arbeit. „Wenn man ständig Neues aufnehmen und umsetzen muss, bleibt man munter.“

Jeder Neunte über 65 Jahren arbeitet

Er war immer der Motor fürs Neue. Hat eine moderne EDV-Anlage eingeführt, als seine jüngeren Kollegen noch Zweifel hatten. Ein Ultraschallgerät angeschafft, als das als neumodischer Kram galt. Sonografiebilder nicht mehr ausdrucken, sondern digital speichern lassen. Immer weit mehr Fortbildungen gemacht, als laut Berufsordnung vorgeschrieben waren. Psychodiagnostik, Psychotherapie. Neurosenlehre, Hypnosebehandlung.

Nichts lange aufschieben

„Mir hat es nie gereicht, einen Patienten als Ansiedlung von Organen zu sehen. Ich hatte immer das Gefühl, dass es da noch mehr gibt.“ Ducho will noch mehr sagen, wird aber unterbrochen. Das Telefon klingelt. Die Apotheke hat eine Frage zu einem Medikament, das er einer Patientin verschrieben hat. Dr. Ducho hört zu, fragt nach, gibt Anweisungen, legt auf. Problem behoben. Weiter!

So arbeitet er am liebsten. Nichts lange aufschieben, lieber alles gleich klären. Schließlich geht es nicht nur um ein Medikament. Sondern um einen Patienten, der darauf angewiesen ist. Auch wenn andere das oft vergessen. „Viele Ärzte lassen sich gar nicht mehr voll und ganz auf den Beruf und die Menschen ein. Sondern fertigen ihre Patienten nur ab.“ Den Eindruck hatte er zumindest, als er einen Nachfolger gesucht hat. Jemanden, dem er seine Praxis übergeben kann. Seine Patienten anvertrauen kann. „Es ist ja nicht so, dass ich hier ein Möbelhaus übergebe, wo mit Sachen gehandelt wird. Hier geht es schließlich um Menschen“, sagt Ducho.

An die Totenscheine hat er sich nie gewöhnt

Er steht auf, holt ein Glas Wasser. Aus der Leitung. Er spricht nie von den Patienten. Sondern immer von seinen Patienten. Seinen. Für die er verantwortlich ist. Bis zum Schluss. Wenn er daran denkt, wie viele Totenscheine er schon ausgefüllt hat. Mein Gott! Daran hat er sich nie gewöhnt, daran kann man sich nicht gewöhnen. Darf man auch nicht! Sonst verliert man den Respekt vor dem Leben. Wenn Ducho heute zurückdenkt, denkt er nicht an den Tod. Sondern an das Leben.

An Patienten, bei denen er Krankheiten erkannt hat, ihnen helfen konnte. Wie diesem Patienten, der während eines Italien-Urlaubs sein Gedächtnis verlor und im Krankenhaus „auf sonst was untersucht werden sollte“ – bis seine Frau Dr. Ducho in Deutschland anrief und dieser eine Transiente Globale Amnesie diagnostizierte, die am nächsten Tag vergangen war.

Medizin statt Altphilologie

Immer wieder setzt er an und erzählt Geschichten, erinnert sich an interessante Fälle. Von dieser alten Dame aus seiner Praxis, die unter seinen Händen einen Herzstillstand hatte. Die er wiederbelebte und mit dem Rettungswagen in die Klinik begleitete, wo sie einen Herzschrittmacher bekam. Den ersten, den er je gesehen hat. So ein externes Ding, das um den Hals gehängt wurde und bei dem alle zwei Wochen die Batterie gewechselt werden mussten. Das hat Ducho selbst gemacht, mit einem Schraubenzieher. „Musste immer in Sekunden gehen, sonst wäre es ja zu einem Stillstand gekommen“, sagt Ducho. Sein Name, das hat er recherchiert, kommt aus der altslawischen Liturgie vom Wort duch. Es bedeutet Geist. Oder Seele.

Manchmal glaubt Fitz Ducho, dass er zwei Seelen hat. Zwei Wesen. Vereint, aber total gegensätzlich. Auf der einen Seite der Arzt, der Praktiker. Und auf der anderen Seite der Altphilologe. Historiker. Literaturwissenschaftler. Der er immer werden wollte – und nicht durfte. Nicht konnte. Nicht damals, direkt nach dem Zweiten Weltkrieg, als Deutschland in Trümmern lag. Neu aufgebaut werden musste. Und als alle erwarteten, dass er etwas Praktisches lernt, was Nützliches macht.

Der Krieg hat ihn verändert

„Wie hätte ich da in einem Elfenbeinturm sitzen und Altphilologie studieren können?“, sagt er. Es ist eine rhetorische Frage, die Antwort war selbst ihm klar. Ihm, diesem jungen „Spinner“, als den er sich heute selbst bezeichnet. Der Sohn eines Bäckers, der morgens vor der Schule Brötchen austragen musste und abends Gedichte schrieb. Der Literatur liebte, in einem Mädchenchor sang – und in den letzten Tagen des Krieges noch eingezogen wurde. Am 1. April 1945. Mit noch nicht mal 17 Jahren. Keine Möglichkeit zu entkommen. Kaum eine Chance zu überleben, ohne militärische Ausbildung, ohne Erfahrung. Es ist das erste Mal, dass er ein Gewehr in der Hand hat, schießen muss. Mit dem Tod konfrontiert wird, Sterbende sieht. Leichen.

Es ist die Zeit in seinem Leben, über die Fritz Ducho am wenigsten erzählt. Sätze immer wieder anfängt und nicht beendet. Weil es einfach keine passenden Worte gibt. Weil der Krieg ihn verändert hat, die Gefangenschaft. Irgendwann wechselt er das Thema. Erzählt vom Studium in Berlin, seiner vorläufigen Approbation 1951, seinem ersten Job. Ein Leben im Zeitraffer. Jahre eingeschmolzen zu wenigen Sätzen.

In der Pathologie ist es ruhiger

Irgendwann wird er doch ausführlicher. Schwärmt von der Chirurgie. Von seiner ersten Stelle, 1953, als Stationsarzt. 67 Betten galt es zu versorgen. Außerdem drei Räume mit TB-Patienten. Tuberkulose. Während Ducho erzählt, braut sich langsam ein Verdacht zusammen. Ein Verdacht, wohin seine Geschichte führen wird. Was sich wirklich hinter der Erkältung verbirgt, die er damals monatelang nicht los wurde. Bis ihn sein „Oberdoktor, ein ganz prächtiger Kerl“, schließlich aufforderte, in ein Taschentuch zu spucken.

Ducho ist damals 25 Jahre alt – und hat Tuberkulose. „Das war schon ein schwerer Schicksalsschlag“, sagt er. Die Operation setzt ihm zu, er ist Monate krank. Danach kann er nicht mehr in die Chirurgie zurück, die als härteste Fachrichtung gilt. Er soll weniger arbeiten, sich schonen. Sein Chef rät ihm, in die Pathologie zu gehen. Zu den Leichen. Weil es dort ruhiger ist. Weil dort niemand schreit.

Ducho, der Literaturliebhaber

„Am Anfang hab ich gedacht, ich schaffe keine Woche“, erinnert sich Ducho. Es ist die Zeit, als er alle großen Werke der Weltliteratur liest, sich penibel pflegt und kleidet. Er braucht die Ästhetik als Ausgleich. Sein Bruder ist Gerichtsmediziner und rät ihm, sich sechs Wochen zu geben. Es werden sechs Monate. Ein Jahr, zwei. „Irgendwann wird man …“, setzt er an und ringt mit den Worten. „… gleichgültig.“ Und trotzdem, oder gerade deswegen, verlässt er die Pathologie, geht in die Innere.

Wenn Fitz Ducho erzählt, erkennt man den Literaturliebhaber. Für ihn ist Sprache nicht nur ein Kommunikationsmittel. Sondern eine Kunst. Er baut Spannung auf, schmückt aus, lässt Erinnerungen lebendig werden. Als er irgendwann anfängt, von seiner Arbeit in Ostberlin zu erzählen, Anfang der 1960er-Jahre, wird klar, dass es nicht nur um den Job im Krankenhaus geht.

Er flieht aus Ostberlin

Sondern um etwas Existenzielles. Ducho baut die Geschichte langsam auf, mit Bedacht. Erzählt von der Zeit im geteilten Berlin, von seinem Leben als Ost-West-Grenzgänger. In der einen Hosentasche Ost-Mark, in der anderen D-Mark. Als Arzt durfte er die Sektorengrenze passieren. Sogar ein Auto hatte er damals. So einen P70, den er liebevoll Papp 70 nannte. Weil es so ein Plastikding war.

Aber was er eigentlich erzählen wollte … das, was in jener Nacht passiert ist. Jener Nacht des 13. August 1961. Als ein Kollege ihn im Krankenhaus anrief und die Worte sagte, die er heute noch manchmal in der Erinnerung hört: Sie bauen die Mauer. „Da war ich schon sehr aufgeschreckt“, sagt Fritz Ducho und spricht schneller und schneller, als er von der Flucht erzählt. Von der „dringenden Familienangelegenheit“, die er seinem Oberarzt vorlügt. Von dem Stau vor dem Brandenburger Tor. Von der Grenzkon­trolle. Der Durchsuchung seines Autos. Der Leibesvisitation. Der Angst. Angst.

Arzttasche rettet ihn

Seine Arzttasche rettet ihn. Täuscht dem Grenzsoldaten vor, dass er beruflich unterwegs ist. Zu einem Notfall muss. Sonst nimmt er nichts mit. Keine Kleidung, keine Dokumente, keines seiner kostbaren Bücher. „So bin ich durchgekommen“, sagt Ducho. Er ist niemals wieder zurückgekehrt.

Er steht auf, geht ein paar Schritte. Die Erinnerung hat ihn aufgewühlt. Kann man sich ja kaum noch vorstellen, wie das war. Welche Angst er hatte, erwischt zu werden. Selbst Wochen, Monate, sogar Jahre später. Als er irgendwann zu einem Seminar in den Osten muss, bittet er einen Freund, die Fahndungslisten zu überprüfen. Er hat Angst, immer noch gesucht zu werden. Als er in das Flugzeug steigt, hat er genaue Anweisungen hinterlegt, was zu tun ist. Im Notfall. Wenn er nicht zurückkehrt.

Fast 20 Jahre ist er verheiratet

Zurück nach Hamburg. In die Stadt, in die er einst aus Ostberlin geflohen war. In der er wochenlang nach einem Job suchen musste und schließlich hinter Gittern landete – als Arzt im Zentralkrankenhaus der Hamburger Haftanstalten. Wenn Ducho aus seinem Leben erzählt, bedient er sich gerne Aufzählungen, die er mit seinen Fingern unterstreicht. Daumen: erster Job in Hamburg: Zentralkrankenhaus. Zeigefinger: Oberarzt im Israelitischen Krankenhaus. Mittelfinger: eigene Praxis. „Wollte mich niederlassen, solange ich noch tatkräftig und jung bin.“ Damals ist er 38 Jahre alt. Die Praxis in der Oderfelder Straße betreibt er fast 45 Jahre. Dann muss er raus aus den Räumen.

Irgendwann klopft es. Seine Mitarbeiterin verabschiedet sich. Sagt: Bis gleich. Es ist seine Frau. Fast 20 Jahre sind sie verheiratet, ihre Tochter ist 18. „Hab meiner Frau geraten, einen Jüngeren zu heiraten. Wollte sie aber nicht“, sagt Fritz Ducho. Woher sie sich kennen? Was für eine Frage! Aus der Praxis!

Er selbst war fast nie krank

Er selbst war fast nie krank, immer nur verletzt. Hatte mal den Oberschenkelknochen gebrochen, dann einen Muskel abgerissen. Kann passieren, in jedem Alter. Trotzdem will er nichts mehr riskieren, hat mit 70 mit dem Reiten aufgehört. Wenn er heute Sport machen will, steigt er zu Hause auf ein kleines Trampolin und läuft zehn Minuten. Draußen joggen ist in seinem Alter zu gefährlich. Das respektiert er. Er nimmt die Dinge so, wie sie kommen. Hat nie dagegen aufbegehrt. Selbst dann nicht, als sein Sohn aus erster Ehe mit 14 Jahren krank wurde. Die Diagnose hat Ducho selbst gestellt: Morbus Hodgkin. Lymphdrüsenkrebs. Dieselbe Krankheit, an der sein Vater gestorben war. Mit 51. Ducho macht eine Pause, räuspert sich. Schlimme Zeit war das. Und jetzt, mein Gott, jetzt ist sein Junge Chemie-Professor. Arzt wollte er nicht werden.

Im Zimmer wird es langsam dunkel. Ducho knipst eine Lampe auf dem Schreibtisch an, schiebt ein paar Akten zur Seite. Darum wird er sich später noch kümmern. Irgendwann am Abend. Er hat nie verstanden, warum andere Ärzte Mittwoch- und Freitagnachmittag nicht arbeiten, keine Sprechstunde anbieten. Er selbst hielt das immer für unanständig. Als ob die Menschen dann nicht krank sind, keinen Arzt bräuchten!

Kein Gedanke an Rente

Die Zeit wird knapp, er muss morgen früh raus. Seit ein paar Jahren achtet er mehr auf sich. Damals war er 82. Und hatte gerade eine neue Praxis im Orchideenstieg eröffnet. Kein Gedanke an Rente. Ruhestand. Wegen der Patienten. „Mir war immer klar, dass ich nur aufhöre, wenn ich einen guten Nachfolger finde – und den gab es eben nicht.“ Bis jetzt. Ducho übergibt seine Praxis an einen Kollegen – mehr als 50 Jahre, nachdem er sich niedergelassen hat.

Ein guter Abschluss für diese Geschichte. Schluss. Aus. Aber zu Ende ist sie nicht. Denn Ducho will weitermachen. Auch mit fast 90. Oder gerade dann. „Je älter man wird, um so weniger Zeit hat man“, sagt er. Nicht sentimental oder schwermütig, sondern energisch, tatkräftig. Er hat sich viel vorgenommen. Er macht weiterhin jede Woche Vertretung in seiner Praxis und will bei diesem neuen Arztruf mitwirken, an den sich Patienten wenden können, die eine Frage haben. Wann er aufhören will? Vielleicht, wenn seine Frau in Rente geht. Das ist zirka in zehn Jahren.

Nächsten Sonnabend erscheint die nächste Folge: Seniorenmodell mit 73 Jahren