Hamburg

Bessere Fußwege, weniger Parkplätze

Für Hoheluft-Ost und Alsterdorf haben Experten Konzepte für Gehwege der Zukunft entwickelt – zulasten des Autoverkehrs. Kritik der CDU

Hamburg. Darüber, dass die Hamburger Gehwege in keinem guten Zustand sind und sie schnell sicherer und moderner werden sollen, sind sich in der Hamburger Bürgerschaft wohl alle weitgehend einig (siehe Seite 1). Streit aber dürfte es darüber geben, wie viel Raum man Fußgängern künftig geben und zu wessen Lasten das gehen soll. Dabei geht es nicht nur um den möglichen Wegfall von Parkplätzen oder um die Schädigung oder sogar Fällung von Bäumen, deren Wurzeln derzeit an vielen Stellen die Wege kaputtmachen. Das Beratungsbüro teamred, das im Auftrag des Bezirks Nord „Fußverkehrsstrategie“-Konzepte für Hoheluft-Ost und Alsterdorf erstellt hat, schlägt an einer Stelle auch vor, „Vorgärten als Verkehrsfläche (verbreiterte Gehwege) umzunutzen“.

Ziel ist die Schaffung „einladender Straßenräume zum Spaziergehen, Flanieren und spontanem Leute treffen“. Dabei sollen Menschen mit Behinderung und Senioren ebenso an der Nutzung der öffentlichen Räume teilhaben wie Kinder mit großem Bewegungsdrang. Mehr Sitzgelegenheiten auf den Gehwegen und Plätzen könnten auch ein Mittel gegen Alterseinsamkeit sein, so das Papier.

Für die Untersuchungen wurden mit dem weitläufigen Alsterdorf und dem hochverdichteten Hoheluft-Ost zwei sehr unterschiedliche Stadtteile gewählt. Dabei wurden nicht nur alle Daten zum Zustand des Wegenetzes oder zu Unfällen auf den Wegen gesammelt, auch die Bürger wurden beteiligt: Es gab einen Workshop und eine Begehung der Stadtteile mit einer Senioren- und einer Jugendgruppe. In Hoheluft-Ost wurde dabei klar, dass „eine Lösung der Fußgängerprobleme nicht ohne Maßnahmen beim Parken möglich ist“.

Anteil des Fußverkehrs am Gesamtverkehr: 28 Prozent

Denn die Autos verhinderten in dem Stadtteil nicht nur eine Verbreiterung der Wege – es gebe insgesamt einfach zu viele davon. „Vermutlich lassen sich die im Stadtteil gemeldeten Pkw schon rein physisch nicht im Straßenraum auf mit der Straßenverkehrsordnung konforme Weise unterbringen“, heißt es in dem 54-seitigen Gutachten zu Hoheluft-Ost. Mögliche Lösung laut teamred-Konzept: Quartiersgaragen, mehr Überwachung gegen Falschparker, Anwohnerparken und Car-Sharing. Aber auch Radfahrer sollen sich umstellen. So soll etwa das Anketten von Rädern an Geländern unterbunden werden, da es den Raum für Fußgänger, Rollstuhlfahrer oder Nutzer von Rollatoren teilweise stark einengt.

Im weitläufigeren Alsterdorf plädieren die Gutachter für den Aufbau eines „Hauptfußwegenetzes, das sich aus der sozialen Infrastruktur ergibt“ und vor allem vor Alteneinrichtungen und Schulen für gute Wege sorgt. Zudem müssten die Fußwege zu den U-Bahn­stationen und der Alsteruferweg als Teile eines Netzes betrachtet und entsprechend ausgebaut werden. Als einen weiteren Baustein der Fußverkehrsförderung sehen die Gutachter die Ausweitung von Tempo 30 – etwa im Eppendorfer Weg und in der Alsterdorfer Straße. Insgesamt fordern sie, die Belange von Fußgängern in der Hamburger Politik stärker zu berücksichtigen. Dabei lässt die Studie offen, ob man das Thema der Radverkehrs-Beauftragten zuschlagen, einen eigenen Fußverkehrs-Beauftragten berufen oder einen Arbeitskreis aller zuständigen Stellen gründen solle.

Zugleich verweist das Papier auf die dänische Hauptstadt Kopenhagen. Dort gebe es umfassende Untersuchungen über den Fußverkehr und ein gezieltes Monitoring „entsprechend dem Ziel einer belebteren Stadt“. In Deutschland dagegen gebe es dazu kaum Erhebungen. Bei der bisher letzten Erhebung lag der Anteil des Fußverkehrs am Gesamtverkehr in Hamburg bei 28 Prozent. Besonders hoch war der Anteil der Fußgänger in Bergedorf (32 Prozent), Hamburg-Nord (31) und Altona (30), besonders niedrig in Wandsbek (17 Prozent).

CDU lehnt die Vorschläge von Rot-Grün ab

Die CDU hat den Zustand der Gehwege bereits mehrfach scharf kritisiert und gerade erfolglos ein neues Millionenprogramm zur Sanierung in der Bürgerschaft beantragt. Die nun diskutierten Vorschläge von Rot-Grün auf Kosten von Parkplätzen, Bäumen oder Vorgärten lehnt CDU-Verkehrspolitiker Dennis Thering jedoch ab.

„Grüne Vorgärten zu grauem Beton – auf so eine Schnapsidee kann nur kommen, wer wie die Grünen die Fußgänger jahrelang vor lauter Fahrradfantasien komplett aus dem Blick verloren hat“, so Thering. „Stattdessen sollten SPD und Grüne endlich die maroden Gehwege in Hamburg sanieren. Auch das Fällen von Bäumen ist mittlerweile fester Bestandteil der grünen DNA. Dass SPD und Grüne zudem kein Pro­blem damit haben, Parkplätze für alles Mögliche zu opfern, wundert mich da schon gar nicht mehr. Immerhin wurden seit 2011 weit mehr als 2000 öffentliche Parkplätze vernichtet, die Parkgebühren um mehr als 60 Prozent erhöht und die schädlichen Parksuchverkehre dadurch massiv gefördert“, sagte der CDU-Verkehrspolitiker. Die rot-grüne Verkehrspolitik sei ein „Scherbenhaufen“.

Der Grünen-Fraktionschef aus Hamburg-Nord, Michael Werner-Boelz, betont dagegen, dass man den Gutachter-Vorschlag zur Nutzung von Vorgärten nicht umsetzen werde. Insgesamt hätten die Fußverkehrskonzepte für Alsterdorf und Hoheluft-Ost aber „Vorbildcharakter für ganz Hamburg“, so Werner-Boelz. „Erstmals wurden damit in Hamburg strategische Konzepte für ganze Stadtteile zur Förderung des Fußverkehrs entwickelt.“ Derzeit würden die Ergebnisse in den Regionalausschussfraktionen diskutiert. Bis April sollten Anträge zur Umgestaltung der Gehwege in den beiden Stadtteilen beschlossen werden.

Auch der Grünen-Bürgerschaftsabgeordnete Martin Bill sagte, man werde Eigentümer von Vorgärten nicht enteignen. In manchen Fällen gebe es aber auch Einigungen mit den Eigentümern, die beide Seiten zufriedenstellten. „Der Fußverkehr ist für uns ein enorm wichtiger Baustein der Mobilität“, so Bill. „Ähnlich wie in dem Pilotprojekt für Hoheluft-Ost und Alsterdorf wollen wir die konzeptionelle Förderung des Zufußgehens weiter vorantreiben.“

Das sieht auch SPD-Verkehrspolitikerin Martina Koeppen so. „Ein höherer Anteil des Fußverkehrs liegt im allgemeinen Interesse“, so Koeppen. „Dazu brauchen die Menschen anständige Gehwege mit hoher Verkehrssicherheit und Aufenthaltsqualität.“

Seite 2 Leitartikel