Hamburg

Die Frau, die das große Hafenmuseum plant

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Katja Engler
Ursula Richenberger an den 50er Schuppen, wo sie bereits das kleine Hafenmuseum leitet

Ursula Richenberger an den 50er Schuppen, wo sie bereits das kleine Hafenmuseum leitet

Foto: Roland Magunia/Hamburger Abendblatt

Ursula Richenberger bereitet als Leiterin das Konzept für das 120-Millionen Euro teure Projekt in Hamburg vor. Ein Porträt.

Hamburg. Als Ursula Richenberger 2013 als neue Leiterin im Hafenmuseum anfing, hatte sie einen kurzen Abstecher in die Schweizer Hotellerie, ein Studium der Kulturwissenschaften in Lüneburg und 15 Jahre klassischer Museumsarbeit am Altonaer Museum hinter sich. Beruflich hatte sie sich bis dahin eher nicht in einer Männerdomäne bewegt. Aber das wurde für sie kein Problem, im Gegenteil. Nicht nur, dass die 47-jährige gebürtige Schweizerin das Hafenmuseum im 50er Schuppen am anderen Elbufer erfolgreich geführt und innerhalb der Hafenwirtschaft vernetzt hat. Sie steigerte die Besucherzahlen in den vier Jahren außerdem von 22.000 im Jahr auf zuletzt 35.000.

Inzwischen hat Ursula Richenberger den neuen, herausfordernden Job der Projektleiterin für das Deutsche Hafenmuseum übernommen – und sich vorher gegen alle übrigen Bewerber durchgesetzt. Nicht zuletzt dank einer Vielzahl an Eigenschaften und Fähigkeiten, die ihre Wurzeln oft in der Kindheit und Jugend haben. Das wird deutlich, wenn man Richenberger, die eine offenherzige Gesprächspartnerin ist, zum Interview trifft.

Als der Vater starb, zog sie an den Nord-Ostsee-Kanal

Als ihr Vater starb, zog sie im Alter von neun Jahren mit der Mutter und ihrem Bruder nach Norddeutschland. In Rendsburg, unweit des Nord-Ostsee-Kanals mit seinen großen Pötten, lernte sie zum ersten Mal, sich in einem unbekannten Umfeld zu behaupten, und sie lernte die Welt der Schifffahrt lieben.

Die Mutter arbeitete damals am Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin. Sie war eine emanzipierte Frau, die nur deshalb nicht Chemie studiert hatte, weil zu Hause noch vier weitere Geschwister waren und nur der älteste Sohn das durfte. Ursula Richenbergers Mutter arbeitete als Medizinisch-Technische Assistentin und lebte ihrer Tochter vor, wie man mit der indirekten Durchsetzung eigener Interessen auch zum Ziel kommen kann. Oft gehe es nämlich auch darum, sagt Richenberger, eigene Ideen einzubringen, nicht zu still zu sein, mit allen ins Gespräch zu kommen – etwas, das sie bis heute beherzige.

Die Basketball-Schiedsrichterin hat in Männer-Domänen keine Probleme

Als passionierte Basketballspielerin hatte sie als junge Erwachsene oft den Schiedsrichterinnen-Posten, „relativ schnell durfte ich auch Männerspiele pfeifen, inmitten von Zwei-Meter-Riesen“. Selbstbewusstsein brauche man dafür, ohne Frage, „ich musste ja meine Entscheidungen gegen diese Riesen vertreten“. Das sei ein gutes Training gewesen, denn es sei stets darum gegangen, „auch in kritischen Situationen Ruhe ins Spiel zu bringen und Eskalation zu vermeiden“. Die ersten Jahre am Hafenmuseum seien schwer gewesen, die Kontakte zur männerdominierten Hafenwirtschaft musste sie erst mal knüpfen, „ich bin dabei mit klarer Kommunikation und Überzeugungsarbeit gut gefahren“.

Um die Technik eines Krans zu verstehen, klettert sie schon einmal hinauf

Wenn ihr ein Techniker die Funktionsweise einer Maschine oder eines Krans erklärte, ist sie immer gleich selbst hinaufgeklettert, um sich ein eigenes Bild zu machen. Wurde ein wichtiges hafengeschichtliches Objekt ausgemustert, so hat Ursula Richenberger durch etliche Gespräche erreicht, dass der erste Anruf beim Hafenmuseum eingeht – und nicht beim Schrotthändler.

Als 2013 der Sturm Xaver wütete und die Elbe über die Kaikante schwappte, bestand die Gefahr, dass die schwimmenden Objekte massive Schäden am Gebäude verursachten. „Es gibt in so einem Fall einen großen Zusammenhalt im Hafen. Jeder packt mit an, und ich habe auch dagestanden und die schmutzige Arbeit mitgemacht. Kälte hat mich nie geschreckt.“

Eine gewisse Robustheit gewöhnte sie sich schon als Kind an

Diese Robustheit hat sie sich schon als Kind angewöhnt, nachdem die Lust, mit Puppen zu spielen, verklungen war. Sie ging nämlich zu den Pfadfindern: „Lagerfeuer machen, im Kanu über den See paddeln und nachts im Zelt frieren – das war total mein Ding.“ Wenn sie heute Urlaub hat, macht sich Ursula Richenberger gern zusammen mit ihrer Lebensgefährtin, der Verlegerin Sabine Niemann, in ferne Welten auf, „mit dem Rucksack auf eigene Faust durch Indien, nach Guadeloupe oder Myanmar. Dabei entdecke ich immer Dinge für das Hafenmuseum. Reisen ist mein wichtigstes Hobby geblieben.“

Während ihrer Zeit am Altonaer Museum sollte das Haus 2010 unter Kultursenator Reinhard Stuth geschlossen werden. Daraufhin folgten monatelange Proteste und Solidaritätserklärungen: „Damals habe ich gelernt, was für Wünsche die Bevölkerung an ein Museum hat und dass darin auch die Gegenwart thematisiert werden sollte.“

Ihr Credo: "Ein Museum ist kein Objektlager"

Ein Museum sei ein Stück Heimat und kein reines Ausstellungshaus. Über die darin ausgestellten Objekte sollten Gespräche initiiert werden, Museen sollten „keine Objektlager“ sein, sondern emotionale Zugänge öffnen. Netzwerke innerhalb der Stadt, das hat die rührige Frau schon früh begriffen, „sind essenziell für meine Arbeit“.

Ob zu den Museen, deren Sammlungskonvolute natürlich in kleinen Teilen auch für das Deutsche Hafenmuseum im Gespräch sind, zu anderen Kulturinstitutionen wie dem Ohnsorg-Theater, mit dem für das Hafenmuseum eigens ein Stück entwickelt wurde, in die Wirtschaft oder zu den vielen Interessengruppen, die mitmischen sollen oder wollen.
Um ein international tragfähiges Konzept für das neue Deutsche Hafenmuseum entwickeln zu können, hat sie sich weltweit umgesehen, von Liverpool über Saint Nazaire bis nach Vancouver. Primär sei es aber wichtig, „die Ressourcen vor Ort zusammenzubringen und dem Ganzen eine persönliche Note zu geben“, zum Beispiel wünscht sie sich, dass die verbliebenen Hafen-Senioren, ehemalige Seemänner und Hafenarbeiter, ihre Geschichten und Erlebnisse für die Nachwelt erzählen. Die jungen Leute von heute können diese Art von Hafen, die die alten Seebären noch kannten, gar nicht mehr kennenlernen, weil sich durch die technische Entwicklung und den globalen Handel so viel verändert hat. In der Zeche Zollverein, einem ehemaligen Steinkohlebergwerk in Essen, das zum Museum umgebaut wurde, sehe man die ehemaligen Bergmänner in Lebensgröße auf Bildschirmen vor sich, wenn sie von früher erzählten. „Für Hamburg habe ich da noch keine Lösung gefunden“, sagt sie dazu. Vieles sei im Fluss, vieles im Gespräch – „ich wäre dankbar für ein wenig Geduld“.

Architektur-Wettbewerb für das Hafenmuseum geplant

Die Architektur, für die ein Wettbewerb ausgeschrieben wird, solle jedenfalls zum Hafen passen und dürfe nicht museal-steril sein. Der Erfolg und die authentische Ausstrahlung des bisherigen Hafenmuseums im urigen 50er Schuppen hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass „man in dieser Kathedrale der Arbeit die Dinge, um die es geht, riechen, spüren und sogar schmecken kann“, sagt Ursula Richenberger. Sie mag das, und sie vermisst es ein bisschen, hier in ihrem lichten, schicken Büro im Altonaer Museum. Ansonsten sprudeln ihr die Ideen für das neue Museum nur so über die Lippen. Nie vergisst sie dabei die gesellschaftlichen und historischen Aspekte des großen Themas Hafen.

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