Bockum

Das coole Musik-Video aus dem SOS-Kinderdorf

Bockum.  Am Ende fliegt auch noch ein BH auf die Bühne. Dort oben rocken Marcel, Frank, Calo, Daniel und David – die Bockum Band. Sie spielt sich die Seele aus dem Leib und versetzt den Kuhstall kurzerhand in einen brodelnden Rock-Schuppen. „Anna, lass mich rein, lass mich raus“, dröhnt es aus den Boxen. Das Publikum ist völlig aus dem Häuschen.

Die fünf jungen Männer gehören zur Band des SOS-Hofes Bockum, 60 Kilometer südlich von Hamburg gelegen. Ein idyllischer Ort, an dem 64 erwachsene Menschen mit geistiger Behinderung leben und arbeiten. Ein Ort, der nun schlagartig im ganzen Land bekannt werden dürfte.

Schuld daran ist, wenn man so will, Manfred Thurau vom SOS-Kinderdorf Harksheide. Als der Sozialpädagoge die Band vor zwei Jahren das erste Mal bei einer Spendengala in Hamburg gehört hat, war er sofort hin und weg. „Die Jungs haben eine unglaubliche Ausstrahlung und extrem geile Fans“, sagt Thurau. „Man muss ja bedenken, dass sie es im Leben nicht immer leicht hatten. Ich wollte sofort, dass mehr Leute die Bockum Band kennenlernen, weil die nämlich unglaublich viel Spaß machen.“

Also sagte er der Band, dass er ein Musikvideo mit ihnen drehen würde. Die Jungs reagierten gelassen: „Okay, geile Idee, lass den mal machen. Was soll schon passieren?“ Zwei Tage lang haben sie von morgens um sieben bis abends um zehn gedreht. Richtige Pausen gab es nicht, eine ziemliche Schinderei. Am Ende waren sie fix und fertig – und ziemlich glücklich.

Seit 30 Jahren gibt es den SOS-Hof Bockum vor den Toren Hamburgs in der Lüneburger Heide. In acht Hausgemeinschaften, vier Wohngruppen und elf Wohnungen wird die soziale und berufliche Integration der Bewohner unterstützt. „Menschen mit Behinderung ein Zuhause bieten, wo sie sich wohl fühlen und einen Arbeitsplatz, an dem sie gebraucht werden – das sind unsere wichtigsten Ziele“, sagt Leiter Manfred Persy. In der Werkstatt für behinderte Menschen gibt es Arbeitsplätze in der Küche und der Gärtnerei, in der Landwirtschaft und in der Käserei.

Und es gibt seit fünf Jahren die Bockum Band, die sich in einem Übungsraum auf dem Hof als erstes an den Song „Kompliment“ von den Sportfreunden Stiller rantraute. Zwei Jahre später folgte der erste Auftritt in Hamburg in der Bar 227. Kurz zuvor hatte sich David, Betreuer und Keyboarder, beim Knoblauchernten den halben Daumen abgeschnippelt. Keine gute Idee als Tastenmann. Aber er hielt durch und gilt seitdem als Iron Man der Band.

Weitere Auftritte folgten in Kaltenkirchen, Mecklenburg-Vorpommern und in Berlin. Und nun das Youtube-Video, welche Band träumt nicht davon? „Das Video ist super. Ich will damit groß rauskommen, erfolgreich werden und am besten auch noch reich“, sagt Marcel, der Gitarrist. „Der Dreh war ganz schön aufregend“, sagt Calo, der Bassist mit der coolen Sonnenbrille, der in der Tischlerei arbeitet. „Ich bin jetzt schon so lange in Bockum, habe hier auch meine Frau kennen gelernt und geheiratet. Die Hochzeit war toll – aber der Videodreh auch.“

Frank, der Schlagzeuger, war besonders von den Lichteffekten beim Dreh angetan: „Wir hatten schon einige Auftritte, aber solch ein Licht hatten wir noch nie. Das wünsche ich mir immer so.“ Sie sind mächtig stolz auf den Film. Und David ist jetzt „ganz gespannt, wie anderen Menschen unser Video gefällt“.

Insgeheim hoffen sie natürlich alle auf mindestens eine Million Klicks im Netz. Aber noch wichtiger ist es, den Menschen die Lebensfreude zu vermitteln, die in Bockum vorherrscht. „Eine Band mit Musikern, die in unserer Einrichtung leben und Spaß daran haben, Musik zu machen – das ist ein tolles Medium, um Menschen mit Behinderung die Teilhabe am öffentlichen Leben zu ermöglichen“, sagt Manfred Persy. „Sie machen etwas, das anderen Spaß und Freude bringt. Neben vielen Eindrücken aus unserer Einrichtung vermittelt das Video, dass hier Menschen mit Behinderung Lebensfreude in der Gemeinschaft mit vielen anderen haben.“ Das sei „richtig ansteckend“. Persy: „ Und das wird die Bockum Band auch in diesem Jahr bei vielen Auftritten in der Region vermitteln.“

Umgesetzt hat das einmalige Film-Projekt die Hamburger Agentur Stroomer. „Das Video war für uns ein außergewöhnliches Projekt“, sagt Inhaberin Christina Stroomer. „Mit dem SOS-Kinderdorf zusammenzuarbeiten, war eine sehr schöne Erfahrung. Auf dem Hof Bockum haben wir tolle und engagierte Menschen kennengelernt. Wir hoffen jetzt natürlich, dass sich viele Menschen das Video anschauen und sich von der Lebensfreude der Bockum Band begeistern lassen.“

Manfred Thurau, der gerne ausgefallene Ideen entwickelt, ist „ziemlich stolz ist auf das, was wir machen“. Und irgendwie sei das Video auch eine Antwort auf die Frage: „Wie soll das eigentlich aussehen, das Leben von Menschen, die auf unsere Hilfe angewiesen sind. Und warum nicht so, voller Lebensfreude?“ Prägnanter bringt es Daniel, der die Rassel spielt und auch singt, auf den Punkt: „Endlich kommen wir ganz groß raus.“