Theaterkritik

"Der haarige Affe": Frenetischer Beifall im Schauspielhaus

| Lesedauer: 5 Minuten
Heinrich Oehmsen
Charly Hübner (rechts) mit tierischem Begleiter (Paul Behren) in Frank Castorfs Inszenierung "Der haarige Affe"

Charly Hübner (rechts) mit tierischem Begleiter (Paul Behren) in Frank Castorfs Inszenierung "Der haarige Affe"

Foto: Markus Scholz / dpa

Das Stück des Regisseurs Frank Castorf dauerte fünfeinviertel Stunden. Charly Hübner in der Hauptrolle ist grandios.

Hamburg.  Welche Spieldauer das Publikum beim neuen Castorf-Stück erwarte, wollte das Deutsche Schauspielhaus bei einer Facebook-Umfrage wissen. Fünfeinhalb Stunden oder gar sieben? Am Ende sind es bei der Premiere fünfeinviertel Stunden, 15 Minuten weniger als im Programmheft angekündigt.

Länge ist bei Castorf obligatorisch, der Regisseur inszeniert fast immer im XXL-Format, weil ihm ein Text meistens nicht reicht. Im Haus an der Kirchenallee steht Eugene O’Neills „Der haarige Affe“ auf dem Spielplan, doch Castorf nimmt mit „Kaiser Jones“ und „Der große Gott Brown“ zwei weitere Dramen aus dem Frühwerk des amerikanischen Schriftstellers hinzu und verwebt alle drei Stücke miteinander. Außerdem gibt es Exkurse in das Werk des französischen Lyrikers Arthur Rimbaud und des deutschen Philosophen Max Stirner.

Der lange Abend kommt etwas schwer in Gang. Castorf lässt Marc Hosemann als Brutus Jones und Abdoul Kader Traoré zu Beginn am Bühnenrand im Halbdunkel Szenen aus „Kaiser Jones“ spielen, im Wechsel taucht auch das Personal aus „Der große Gott Brown“ auf. Dazu fährt das riesige Bühnenbild von Aleksandar Denić in Zeitlupe einmal im Kreis. Es zeigt mit der Vorderseite eine Reklamewand mit Zigarettenwerbung, wie sie den New Yorker Times Square überstrahlt, einen Zeitungsstand und den Eingang einer U-Bahnstation und auf der Rückseite ein paar Verschläge, die an Elendsviertel erinnern.

Der Schweiß rinnt an den Oberkörpern herunter

An Spannung gewinnt die Inszenierung erst, als es nach unten in den Keller geht, dort, wo die Heizer einen Ozeandampfer in Fahrt bringen. Per Video wird das Spiel auf Leinwände übertragen – auch das ein stilistisches Merkmal des ehemaligen Volksbühnen-Intendanten, das er hier meisterhaft einsetzt.

Die Kameras rücken den Schauspielern auf die Pelle und zeigen die Gesichter in Großaufnahme. Charly Hübner als Yank gibt unter Deck den Ton an. „Ich bin Stahl!“ schreit er. Die anderen Männer und er malochen in unerträglicher Hitze, unablässig schaufeln sie Kohle ins offene Feuer, der Schweiß läuft ihnen an den nackten Oberkörpern hinunter. Immer wieder kommt es zu Gewaltausbrüchen und ihre rußbedeckten Leiber verknäulen sich ineinander.

Dann taucht die junge Mildred (Lilith Stangenberg) in dem eisernen Moloch auf. In ihrem weiten weißen Kleid und mit ihren langen blonden Haaren wirkt sie wie ein Wesen von einem anderen Stern. Die soziologische Frage „Wie lebt die andere Hälfte?“ treibt sie von der Ersten Klasse in den Bauch des Schiffes. Die Männer reißen ihr das Kleid vom Leib und werfen sie auf die Kohlenhalde. Später wird Mildred ganz allein Kohle schaufeln. Fast 15 Minuten lang muss Stangenberg splitternackt unter Deck schuften und wird dabei von der Kamera beobachtet, während die Heizer, von Yank „die haarigen Affen“ genannt, oben auf der Bühne über Klasse und Kapitalismus räsonieren.

Castorf sprudelt vor lustigen Einfällen

Ebenfalls zu Castorfs Regiestil gehört es, dass Schauspieler aus ihren Rollen heraustreten dürfen. Es gibt nach der Pause eine Szene mit Hübner und Samuel Weiss, in dem die beiden eigentlich New York erkunden wollen, und sich plötzlich mit ihren echten Vornamen ansprechen. Hübner steigt ins Parkett hinab, untersucht Schmuck und Kleidung von Premierengästen, während Weiss sich echauffiert und ruft: „Charlie, bitte nicht. Ich hasse es, im Publikum spielen zu müssen.“ Solch überraschende Momente kommen häufiger vor, für die Zuschauer ist die Orientierung, in welcher Welt man sich gerade befindet, nicht immer einfach.

Auch wenn die Inszenierung zum Ende hin etwas mäandert und es zwischendurch ein paar spannungsärmere Szenen gibt, ist der Abend insgesamt ein großer Spaß. Castorf sprudelt wie gewohnt vor lustigen Einfällen, etwa wenn er sein Ensemble mit Hanfpflanzen über die Bühne rennen lässt und dazu Peter Toshs „Legalize It!“ ertönt. Jeder der elf Schauspieler ist grandios; insbesondere Charly Hübner, Lilith Stangenberg und Anne Müller haben starke Szenen. Auch Kathrin Angerer muss besonders erwähnt werden, denn sie hat in der Premiere kurzfristig die Rollen der erkrankten Thelma Buabeng übernommen.

Der Regisseur schafft einen überbordenden Kosmos aus Schauspiel, Film und Musik mit vielen komischen Szenen und immer neuen Wendungen. Nur eine Neu-Interpretation von O’Neill gibt es nicht. Castorf nutzt die dramatischen Vorlagen als Spielmaterial für sich und seine Schauspieler und wird am Ende frenetisch gefeiert.

Der Autor

Eugene O’Neill (1888-1953), Sohn eines Schauspielers, war Seemann, jobbte, war als junger Mann obdachlos und trank. Seine Tuberkulose heilte er 1912 in einem Sanatorium aus, wo er Werke von Ibsen, Strindberg oder Nietzsche entdeckte. Wieder gesund, schrieb er in 15 Monaten elf Ein- und Mehrakter und Gedichte. Er bekam vier Pulitzerpreise und 1936 den Literatur-Nobelpreis. Seine Stücke werden bis heute häufig gespielt.

„Der haarige Affe“ nächste Vorstellungen, Mi 21.2., 19.00, So 4.3., 17.00, Deutsches Schauspielhaus, Karten ab 10,-. T.: 24 87 13

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