Hamburg

Schanzenviertel – Hochburg der Drogendealer

Im Stadtteil wird der Stoff ganz offen angeboten. Die Polizei ist ständig vor Ort – doch das schreckt die Händler nicht ab

Man muss sie nicht suchen, weil sie gar nicht gefunden werden müssen. Die Drogendealer sind im Schanzenviertel allgegenwärtig. Sie verticken den Stoff im Sternschanzen- und im Florapark, sie stehen neben der Roten Flora, an der Juliusstraße und am Bahnhof Sternschanze, meist in Gruppen von drei bis vier Männern. Selbst wer bei frostigen Temperaturen zur Mittagszeit durch den Schanzenpark schlendert, muss damit rechnen, im Nu einen Begleiter an der Seite zu haben, der einem zuraunt: „You want some?“

An diesem kalten, aber sonnigen Vormittag halten sich mehr als 20 Menschen im Schanzenpark auf, die sich im Polizeideutsch „konspirativ“ verhalten. Etwa 15 von ihnen hocken auf Sitzbänken vor dem großen Spielplatz, vier ganz junge stehen an der Treppe zum Bahnhof, vier weitere lungern auf einem Pfad neben dem Fußballplatz herum. Hinzu kommen die „Späher“ – sie stehen in Sichtweite ihrer Komplizen Schmiere. Ihr Auftrag: die Dealer zu alarmieren, wenn Leute im Anmarsch sind, die ihre Geschäfte stören könnten, Zivilfahnder zum Beispiel oder Reporter. Als das Abendblatt-Team an diesem Tag einige Runden durch den Park dreht, gibt ein Späher in Richtung der großen Gruppe ein Handzeichen. Seit die Polizei härter gegen Hamburgs Drogenszene vorgeht, sind die Dealer wachsamer geworden – aber deshalb nicht weniger dreist.

Frauen trauen sich nachts nicht mehr durch den Park

So wie auf St. Pauli oder in St. Georg ist auch der Drogenhandel in der Sternschanze kein neues Phänomen. Seit Jahren floriert das Geschäft mit dem Stoff, das Schanzenviertel gilt als Mekka des norddeutschen Marihuana-Handels. Doch ein eskalierter Streit zwischen Dealern am vergangenen Sonnabend vor dem Bahnhof Sternschanze, bei dem ein Mann seinem Kontrahenten ein Brotmesser in den Kopf rammte, hat erneut die Frage aufgeworfen, ob und wie weit der Drogenhandel hier noch toleriert werden kann. Schließlich ist die Sternschanze nicht nur ein „In-Stadtteil“, sondern in erster Linie ein Quartier, in dem ganz normale Familien leben. Selbst Hunderte Schwerpunkteinsätze einer Sondereinheit der Hamburger Polizei haben an der Situation kaum etwas geändert.

„Nach einer Razzia suchen sich die Dealer kurz einen anderen Standort, etwa den Hauptbahnhof; nach einer Woche ist dann alles wie gehabt“, sagt Osman A. (51). Seit vielen Jahren steht er hinter der Theke des Schanzen-Döners an der Schanzenstraße. Fällt sein Blick abends auf den Bahnhof, sieht er im schummrigen Licht die Dealer stehen oder auf der Mauer sitzen, je wärmer es ist, desto mehr sind es. Am liebsten wäre es ihm, wenn die Szene verschwände. „Wenn zu viele Dealer draußen sind, finden die Kunden das seltsam, wenn überall Blaulicht ist und Polizisten herumlaufen, bleiben sie ganz weg“, sagt Osman A. Ein Segen für das Viertel sei die Präsenz der Drogenhändler jedenfalls nicht.

Eine derart unzweideutige Position ist untypisch für Anwohner und Geschäftsleute im toleranten, linksliberalen Milieu rund um die Rote Flora. Nicht wenige meinen, dass ihre prekären Lebensumstände die vornehmlich schwarzafrikanischen Drogendealer in die Illegalität getrieben hätten. Mitunter schleicht sich aber auch bei den Etablierten ein genervter Unterton ein. „Abends durch den Schanzenpark zu laufen traue ich mich nicht, anderen Frauen ergeht es da ähnlich“, sagt Karolin S. (36), die mit ihrer sechs Monate alten Tochter am Schulterblatt spazieren geht. Sie lebt seit sieben Jahren im Viertel. Immerhin: Wenn sie mit ihrem Baby unterwegs sei, werde sie von den Dealern nicht mehr „angequatscht“.

Das kann ein großer Vorteil sein, denn an den Hotspots sind Begegnungen mit den Frontdealern nahezu unvermeidlich. „Es sind deutlich mehr geworden“, sagt die Empfangsdame eines Hotels an der Schanzenstraße, sie möchte ungenannt bleiben. Wenn besonders viele Drogenverkäufer die einschlägigen Plätze in Beschlag nähmen, fühle sie sich an den Görlitzer Park im Herzen von Berlin erinnert, wo Dealer unter den Augen der Polizei ihren Stoff verticken. Nicht alle Hotelgäste könnten damit umgehen. „Es kommt zwar selten vor, aber Gäste haben wegen der Drogengeschäfte schon ihren Aufenthalt storniert, nach dem Motto: Was geht denn hier ab?“

So wie sie nehmen viele Geschäftsleute und Anwohner die Szene als Teil der „Folklore“ im Viertel zähneknirschend hin. Was bleibt ihnen auch übrig? Progressive Ansätze wie der Vorschlag des Stadtteilbeirats Sternschanze, Coffeeshops nach nieder-ländischem Vorbild aufzubauen, um den Dealern die Geschäftsbasis zu entziehen, sind gescheitert. Ursprünglich wollte die rot-grüne Regierung ein Modellprojekt zur kontrollierten Abgabe von Cannabis starten. Im November 2015 zog sie ihre Unterstützung aber wieder zurück – die rechtlichen Hürden seien zu hoch.

Politiker wie der innenpolitische Sprecher der CDU-Bürgerschaftsfraktion, Dennis Gladiator, sprechen längst von „offenen Drogenszenen“ in Hamburg. Das ist nicht ganz abwegig. Die Dealer kobern ihre Kundschaft mit einer an Dreistigkeit grenzenden Pene­tranz; Passanten werden schon mal meterweit verfolgt und bedrängt. Auch der Verkauf des Stoffes folgt einer kaum zu übersehenden Choreografie. Üblicherweise werden die Rauschmittel in einem nahe gelegenen Versteck vergraben, dem sogenannten „Bunker“. Kommt ein Kunde, nimmt ein Dealer das Geld in Empfang, während sein Komplize ein Drogen-Tütchen, einen sogenannten Gripbeutel, aus dem „Bunker“ holt und dem Kunden übergibt.

Solche Geschäfte spielen sich natürlich nicht unterhalb des polizeilichen Radars ab; jeden Tag sind an den Brennpunkten Dutzende Zivilfahnder im Einsatz. Die Polizei hat 2017 im Schanzenviertel 201 mutmaßliche Drogendealer festgenommen, 53 kamen in Untersuchungshaft. Nach einem Beschluss des Hanseatischen Oberlandesgerichts (Az.: 1 Ws 168/15), wonach bei nicht sesshaften Tatverdächtigen schon Kleinstmengen Marihuana ausreichen können, um Haftbefehl zu erlassen, gehen auch die Amtsgerichte restriktiver gegen Kleindealer vor.

Womöglich braucht die Polizei vor allem eins: einen verdammt langen Atem. Bisher jedenfalls haben der repressive Ansatz der Polizei und die verschärfte Gangart der Justiz das Problem im Schanzenviertel nicht lösen können. Rentnerin Heike W. (78) kann von ihrer Wohnung an der Schanzenstraße aus auf den Bahnhof gucken. Mal dokumentierte sie „Kiffen, Koksen und Dealen“ auf dem Vorplatz, mal fotografierte sie schwarzafrikanische Drogendealer, die den Eingangsbereich vor der Playtech Spielhalle bevölkerten. Die Spielhalle liegt direkt neben einer Zufahrt zur Grundschule Altonaer Straße. Von April 2014 bis April 2015 verschickte sie nach eigenen Angaben 30 Schreiben an Hamburger Politiker und Behördenvertreter. Es dürften inzwischen Hunderte sein. Außerdem habe sie allein zwischen Fe­bruar und Juli des vergangenen Jahres 104 Drogenstraftaten von 77 verschiedenen Dealern in „Wort und Bild zur Anzeige gebracht“. Heike W. findet, dass die Polizei zu wenig tut – die Polizei sieht es genau andersherum.

Sie rief vor zwei Jahren eine Sondereinheit mit dem sperrigen Namen „Task Force zur Bekämpfung der öffentlich wahrnehmbaren Drogenkriminalität“ ins Leben. Allein im Bereich der für die Schanze zuständigen Polizeiwache an der Lerchenstraße (Pk 16) habe sie 2017 fast 200 Anti-Drogen-Einsätze absolviert, sagt Polizeisprecher Rene Schönhardt. Über die 201 Festnahmen hinaus hätten die Beamten 111 Platzverweise und 53 Aufenthaltsverbote ausgesprochen und die Identitäten von 800 Verdächtigen festgestellt. Bei den bekannten Tatverdächtigen handele es sich überwiegend um Ersttäter und „männliche erwachsene Westafrikaner“. Viele seien geduldet und in Süddeutschland gemeldet. In Einzelfällen seien auch minderjährige unbegleitete Flüchtlinge festgenommen worden.

Auch wenn sich auf den ersten Blick im Schanzenviertel wenig geändert hat – die Zahlen sprechen für einen Erfolg. Bei anhaltend hohem Verfolgungsdruck durch die Task Force gingen klassische Deal-Straftaten 2017 in Hamburg im Vergleich zum Jahr davor um 14,1 Prozent (327 Taten) zurück. Zusätzlich hat die Polizei ihre Präsenz an Hauptumschlagsplätzen wie der Balduintreppe auf St. Pauli oder dem Steindamm in St. Georg hochgefahren. Dort wird zwar weiterhin gedealt. Doch die ständigen Nadelstiche dürften die Szene zumindest verunsichern.

Kontrollen bekämpfen Szene nicht – sie verdrängen nur

Einen nachhaltigen Effekt hätten die sporadischen Kontrollen nicht, kritisiert indes Jan Reinecke, Hamburg-Chef des Bundes deutscher Kriminalbeamter: Drogenszenen würden dadurch nicht zerschlagen, sondern nur verdrängt, festgenommene Dealer durch neue ersetzt. Der magere Ertrag der Maßnahmen rechtfertige „nur bedingt“ einen derart hohen Personalaufwand. So fielen allein von April bis Ende September 2017 mehr als 50.000 Personalstunden in der Task Force an. Um den Drogensumpf dauerhaft auszutrocknen, sollte die Polizei vielmehr die Hintermänner und weniger die Frontdealer ins Visier nehmen. „Wir brauchen schlicht mehr Personal zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität“, sagt Reinecke.

Manchmal reicht aber schon wenig, um viel zu bewirken. Im Fall der Playtech Spielhalle neben der Grundschule Altonaer Straße trug ein Betreiberwechsel Früchte – davon ist die langjährige Mitarbeiterin Gabriela C. (62) überzeugt. Bis zur letzten Polizeirazzia im Juli 2017 war es ein offenes Geheimnis, dass Dealer sich hierhin zurückzogen und im damals noch offenen Toilettenbereich der Spielhalle mit Drogen handelten. „Seit Oktober herrscht bei uns Ausweispflicht, wir haben gegen viele unserer alten Gäste ein Hausverbot verhängt und Kameras aufgestellt“, sagt Gabriela C.

Als das Abendblatt die Spielhalle besucht, bittet ein Schwarzafrikaner mit Rastalocken um den Toilettenschlüssel – kurz darauf gesellt er sich zur großen Gruppe mutmaßlicher Drogendealer im Schanzenpark.

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