Milliarden versenkt – wie konnte das passieren?

Containerschiffe aus der Vogelperspektive

Containerschiffe aus der Vogelperspektive

Foto: Getty Images/iStockphoto

Im Drama um die HSH Nordbank, den weltgrößten Schiffsfinanzierer, läuft der letzte Akt. Bis zum 28. Februar 2018 muss sie verkauft sein – oder abgewickelt werden. Fest steht, dass Schleswig-Holsteins und Hamburgs Steuerzahler für den Größenwahn von Managern, Reedern und Politikern unvorstellbare Summen aufbringen müssen.

Hamburg. Am Anfang stehen die ganz großen Gefühle. „If you don’t love me – lie to me“, singt Jon Bon Jovi. „Wenn du mich nicht mehr liebst – lüg mich an.“ Ein schlimmer Schmachtfetzen. Aber seine Zuhörer können gar nicht genug davon bekommen. „Keep the Faith“, „Livin’ on a Prayer“ – Schlag auf Schlag haut der US-Superstar an diesem bewölkten Frühsommerabend seine Hits raus. 4500 Bankkaufleute toben. Krawatten werden gelockert.

Es ist der 16. Juni 2003, und was Bon Jovi hier in der Color-Line-Arena in Hamburg zum Besten gibt, ist nichts anderes als ein 90-minütiges Ständchen – zur Geburt der HSH Nordbank.

Heute wolle man mal nicht so „cool und understate“ sein wie sonst, sagt der HSH-Vorstandsvorsitzende Alexander Stuhlmann, sondern es „so richtig krachen lassen“.

Was sich die aus der Fusion zweier Landesbanken entstandene HSH den Rockstar-Coup kosten lässt, wird auch auf offizielle Nachfrage aus der Bürgerschaft nie bekannt. Aber was spielt das schon für eine Rolle, wenn es darum geht, ein Signal zu setzen, wo es hingehen soll – in die Champions League der Finanzbranche. Da, wo es richtig kracht.

Knapp sieben Jahre später ist der Rahmen für Alexander Stuhlmann weniger glamourös. Ende März 2010, ein schmuddeliger Spätwinter-Freitag. Raum 151 des Rathauses, ein schlichter Sitzungssaal. Hier tagt der Parlamentarische Untersuchungsausschuss (PUA) der Bürgerschaft zur HSH Nordbank. Warum ist das so fürchterlich schiefgegangen mit dieser Bank? Warum müssen Hamburg und Schleswig-Holstein sie bis dahin mit 13 Milliarden Euro stützen? Hat man es vielleicht doch etwas zu doll krachen lassen? Auf diese und andere Fragen erhoffen sich die Abgeordneten Antworten von dem früheren Vorstandsvorsitzenden. Und was sagt der?

„Mein Name ist Alexander Stuhlmann, ich bin 61 Jahre alt und lebe in Hamburg. Von Beruf bin ich Unternehmensberater.“

Danach ist Schweigen.

Jede inhaltliche Frage des Ausschussvorsitzenden Harald Krüger (CDU) bügelt Stuhlmanns Anwalt Johann Schwenn mit dem Hinweis auf das Auskunftsverweigerungsrecht ab. Grund seien die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen Verantwortliche der HSH. Dass sein Mandant dabei gar nicht als Beschuldigter geführt werde, spiele keine Rolle. Könne ja noch kommen. Auf weitere Versuche des Ausschusses, Stuhlmann doch noch etwas zu entlocken, reagiert sein Anwalt zunehmend ungehalten: „Es wäre geboten, dass Sie uns jetzt ins Wochenende entlassen.“

Was kostet das alles die norddeutschen Steuerzahler?

Zum Abschied sagt der Zeuge doch noch zwei Worte: „Auf Wiedersehen.“ Die Abgeordneten sind empört, später verhängen sie ein Ordnungsgeld von 250 Euro gegen Stuhlmann. Doch auch dagegen erhebt der Ex-HSH-Chef Einspruch. Ein Gericht gibt dem statt.

Und so hat der Mann, der zumindest eine Mitverantwortung für die Milliardenverluste zweier Bundesländer trägt, der darüber mehr erzählen könnte als fast jeder andere, sich nie öffentlich erklärt. Erst im Februar 2018 wird er sein Schweigen brechen – gerade noch rechtzeitig. Denn wenn in wenigen Tagen das Kapitel HSH Nordbank abgeschlossen wird und Hamburg und Kiel Milliardenrechnungen präsentiert bekommen, stellt sich mehr denn je die Frage: Wie konnte das passieren?

Rückblick – Brief löst ein Brodeln aus

Ein Brief vom Nikolaus – damit fängt im Prinzip alles an. Am 21. Dezember 1999 reicht die Europäische Bankenvereinigung Beschwerde bei der EU-Kommission ein und bittet diese förmlich um „Eröffnung eines Beihilfeverfahrens gegen die Bundesrepublik Deutschland“. Die Privatbanken wollen damit die Anstaltslast und die Gewährträgerhaftung kippen – zwei Instrumente, mit denen die deutschen Bundesländer ihre Landesbanken schützen. Diese substanzielle Beihilfe müsse verboten werden, heißt es in dem kurzen Schreiben. Absender: Nikolaus Bömcke, Generalsekretär der Europäischen Bankenvereinigung.

Sein Brief löst ein Brodeln aus, das zehn Jahre später in eine nie da gewesene Eruption mündet: Den Ländern fliegen die Milliardenverluste nur so um die Ohren. Denn die Wettbewerbshüter bei der EU warten nur auf die Beschwerde der Privatbanken, um das deutsche Landesbankensystem in die Schranken weisen zu können. Das ist nämlich von Besonderheiten geprägt, die es in fast keinem anderen EU-Land gibt: Über die Anstaltslast finanzieren die Bundesländer den Betrieb ihrer Banken, und mit der Gewährträgerhaftung stehen sie für sämtliche Verbindlichkeiten ein. Mit dem unbegrenzt kreditwürdigen Staat im Rücken kommen die Landesbanken günstiger an Geld und können es ihren Kunden billiger anbieten – ein klarer Wettbewerbsvorteil.

Im Mai 2001 empfiehlt die EU-Kommission daher, Anstaltslast und Gewährträgerhaftung abzuschaffen. Die Vertreter der Bundesrepublik – unter anderem Nordrhein-Westfalens Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) – können üppige Übergangsfristen durchsetzen. Und die werden später einer Bank zum Verhängnis, die es zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht gibt: der HSH Nordbank.

Omega 55 – Einblicke in den Irrsinn der Finanzbranche

In Hamburg und Kiel wird schon länger über die Fusion der beiden öffentlichen Institute gesprochen – zumal deren Eigentümerstruktur ohnehin schon verworren genug ist: So sind die Westdeutsche Landesbank (WestLB, 39,9 Prozent) und die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW, 10,0 Prozent) bereits an der Landesbank Schleswig-Holstein (LBSH) beteiligt, der wiederum 49,5 Prozent an der Hamburgischen Landesbank (HLB) gehören. Mit der EU-Entscheidung kommt Fahrt in die Sache.

LBSH und HLB sind zu diesem Zeitpunkt keine biederen Landesbanken mehr, sondern längst internationale Geschäftsbanken: Die LBSH ist vor allem im Ostseeraum stark vertreten, aber auch in London und New York, und die HLB unterhält Niederlassungen in London, Hongkong und Singapur sowie Repräsentanzen in Hanoi, New York, Shanghai und Warschau.

Der neue Finanzsenator Peiner leitet die Privatisierung ein

Und die 15 Millionen Euro vom Gewinn, die sie Jahr für Jahr an die Hansestadt abführt, verdient sie zum guten Teil im Kreditersatzgeschäft – dieser sagenumwobenen Finanzwelt, in der sich die Banken tummeln, wenn sie nicht gerade Kredite vergeben. Bevor die HLB in der HSH aufgeht, hat sie mehr als 22 Milliarden Euro in dieses „Ersatzgeschäft“ investiert, darunter spekulative Investments in US-Immobilien.

Hamburg und Kiel stehen angesichts der EU-Vorgaben also vor einer Weichenstellung. Ohne Gewährträgerhaftung lässt sich das bisherige Geschäftsmodell kaum aufrechterhalten. Daher bleiben nur zwei Möglichkeiten: zurück zur klassischen Landesbank mit schmalen Renditen? Oder voll auf Größe und Internationalisierung setzen und an der Börse das ganz große Los ziehen?

Mit der Bürgerschaftswahl im September 2001 werden die Weichen endgültig gestellt: Nach 44 Jahren an der Regierung wird die SPD von der CDU abgelöst, Ole von Beust wird Bürgermeister. Der strategische Kopf im Senat ist aber Finanzsenator Wolfgang Peiner. Der Christdemokrat, gelernter Wirtschaftsprüfer und Steuerberater, hat ordnungspolitisch eine klare Agenda: Ob Krankenhäuser oder Behördengebäude – alles, was aus seiner Sicht nicht unbedingt in staatliche Hand gehört, bringt Peiner an den Markt, auch um die Staatsverschuldung herunterzufahren.

Kurz nach dem Regierungswechsel nimmt der Finanzsenator Kontakt zur Landesregierung in Kiel auf, Fusionsverhandlungen beginnen, und schon im September 2002 fällt die Entscheidung: Die beiden Banken werden verschmolzen. Als Hamburg und Schleswig-Holstein im Februar 2003 den Staatsvertrag unterzeichnen, mit dem aus HLB und LBSH die HSH Nordbank wird, heißt es, ein Börsengang werde „angestrebt“.

So wichtig ist die HSH für die norddeutsche Wirtschaft

Auf dem Börsenparkett soll sich die HSH ab etwa 2008 Kapital beschaffen, gleichzeitig sollen die Länder ihre Anteile runterfahren – so der Plan. Doch der wird zum Bumerang: Zum Zeitpunkt ihrer Gründung ist die HSH Nordbank 4,7 Milliarden Euro wert, Hamburg (35,4 Prozent) und Schleswig-Holstein (19,5) halten zusammen nur eine knappe Mehrheit der Anteile – der Rest liegt bei der WestLB (26,9 Prozent) und den schleswig-holsteinischen Sparkassen (18,2). Heute, kurz vor dem Verkauf, gehören den Ländern 90 Prozent der HSH, deren Wert offiziell nur noch mit 643 Millionen Euro angegeben wird.

Es gibt in der Gründungsphase kaum mahnende Worte. Und so wird die bundesweit erste Fusion zweier Landesbanken von den beiden Landesparlamenten im Mai 2003 mit großer Mehrheit beschlossen. Ausdrücklich stimmen die Abgeordneten auch der internationalen Ausrichtung, den „Credit Investments“ und dem „Handel innovativer und strukturierter Finanzprodukte“ zu. Dass sich später, als genau diese riskanten Geschäfte die HSH in Schieflage bringen, kaum jemand daran erinnern mag, bringt Michael Freytag (CDU), Peiners Nachfolger als Finanzsenator, in Rage. Die Bürgerschaft habe genau gewusst, was sie da bestelle, sagt er – keinen „ökologischen Kleinwagen, sondern ein Formel-1-Fahrzeug“. Das sei dann auch an den Start gegangen. Und wie.

2003 bis 2006 – „Gier frisst Hirn“

„Das nordisch blaue Logo der HSH Nordbank, das vom Polarstern geprägt wird, steht für verlässliche Orientierung sowie für Fundiertheit und Geradlinigkeit.“ Es sind blumige Worte, mit denen die HSH Nordbank am 2. Juni 2003 offiziell ihre Arbeit aufnimmt. 4500 Beschäftigte verwalten eine Bilanzsumme von 180 Milliarden Euro. Weil die schleswig-holsteinische Ministerpräsidentin Heide Simonis Aufsichtsratsvorsitzende werden will, geht der Posten des Vorstandschefs nach Hamburg an den bisherigen HLB-Chef Stuhlmann. Sein Stellvertreter wird LBSH-Chef Hans Berger. Man kennt sich: Simonis, Stuhlmann und Berger haben alle ein SPD-Parteibuch.

„Kapitalmarktfähigkeit 2006“ lautet die neue Strategie offiziell, und gleich im ersten Geschäftsbericht der neuen HSH beschreibt der Vorstandschef glasklar, was das bedeutet: „Wir haben uns vorgenommen, die Eigenkapitalrentabilität auf über 15 Prozent zu erhöhen.“

15 Prozent Rendite – diese „Story“ braucht es, um an der Börse eine Chance zu haben. Doch die beiden Vorgängerinstitute kamen kaum auf zehn Prozent, obwohl auch sie kräftig aufs renditeträchtige Kreditersatzgeschäft gesetzt hatten. Wie also kann man den Gewinn um mehr als 50 Prozent steigern?

Drei gravierende Fehler

Drei Fehler verquicken sich in den kommenden Jahren zu einem unheilvollen Ganzen. Erstens der Umgang mit der Gewährträgerhaftung: Mit der EU ist vereinbart, dass diese Haftung der Länder noch übergangsweise bis Juli 2005 gelten darf. Das nutzt die HSH bis zur Schmerzgrenze aus. Bevor die billige Geldquelle versiegt, saugt sich die Bank mit Liquidität voll, von der sie teilweise noch gar nicht weiß, was sie damit anfangen soll. Bis Ende 2008 wächst ihre Bilanz auf 208 Milliarden Euro.

So entstehen gewisse „Anlagezwänge“, sagt später Dirk Jens Nonnenmacher, der erst 2007 zur HSH kommt. „Diese Überschussliquidität konnte im klassischen Kreditgeschäft nicht mehr untergebracht werden.“

Also steckt man sie, Fehler Nummer zwei, unter anderem in das Kreditersatzgeschäft. Zwar steigt das Volumen dieser alternativen Bankgeschäfte im Laufe der Jahre nur von 26 auf 30 Milliarden Euro. Aber innerhalb dieses Portfolios wird kräftig umgeschichtet, von risikoarmen Staatsanleihen in alle möglichen synthetischen, strukturierten und verschachtelten Anlageformen, die unter Kürzeln wie ABS, CDO und CDS firmieren und die selbst Experten kaum durchschauen.

An den großen Börsenplätzen London und New York wird in dieser Zeit geraunt, die HSH Nordbank kaufe alles, von „Stupid German Money“ ist die Rede. Selbst hochrangige Mitarbeiter der HSH bestätigen das später im Untersuchungsausschuss. Als „Stopfgänse“ seien die unbedarften Kollegen aus Hamburg und Kiel verulkt worden, sagt der Londoner HSH-Manager Martin Halblaub.

Was das konkret bedeutet, kann der Parlamentarische Untersuchungsausschuss (PUA) der Bürgerschaft später zumindest in Teilen rekonstruieren. Seinem Bericht zufolge gibt der HSH-Aufsichtsrat am 1. März 2006 grünes Licht für eine stille Beteiligung über 450 Millionen Euro an einer „österreichischen Gesellschaft einer japanischen Finanzholding über eine Tochtergesellschaft der HSH Nordbank“. Im Monat darauf wird die gleiche Summe in eine „stille Beteiligung an einer luxemburgischen Tochtergesellschaft einer britischen Großbank“ gepumpt. Kurz darauf beteiligt man sich mit ebenfalls 450 Millionen an einem „australischen Limited Partner“, dann mehrfach an Tochtergesellschaften von US-Investmentbanken. Bei fast allen Geschäften fügen die Ermittler der Bürgerschaft hinzu: „de facto Ankauf von Kreditrisiken“.

Potenzielle Käufer sind Finanzinvestoren aus den USA

Dass die Risiken und Gewinnchancen steigen, wenn man sein Geld rund um den Globus verschachtelt in Briefkastenfirmen steckt, liegt auf der Hand. Doch die Vorstände halten das für beherrschbar, der Aufsichtsrat segnet den Kurs ab. Alle anderen Großbanken machen das ja auch so, versichert man sich gegenseitig. Und sind die Papiere nicht von den Ratingagenturen mit Bestnoten versehen? Na also, wo ist das Problem?

Eine fatale Fehleinschätzung. „Die Papiere waren weder sicher noch jederzeit handelbar“, betont Nonnenmacher später mit Blick auf das Kreditersatzgeschäft der Bank. Hinzu kommen schwere Defizite im Risikomanagement: Die HSH ist auf Wachstum ausgerichtet, Neugeschäft und Rendite sind wichtiger als Bedenken. Die Abteilungen, die neue Geschäfte auf ihren Risikogehalt überprüfen, sind im Vergleich zu anderen Banken unterentwickelt.

Staatsbank will Steuern sparen – und geht nach Luxemburg

Dass sich die HSH mit Verve ins Kreditersatzgeschäft stürzt, hat noch einen anderen Grund. Zur Vorbereitung auf eine Aufsichtsratssitzung, auf der mal wieder eine Beteiligung über 550 Millionen Euro an einer Tochter einer britischen Großbank abgesegnet werden soll, hält die Finanzbehörde für Senator Freytag fest: „Die Struktur des Kreditersatzgeschäfts ist zum Zweck der steuerlichen Optimierung gewählt worden.“

Das muss man zweimal lesen: Eine mehrheitlich staatliche Bank investiert in riskante Geschäfte, nicht nur mit dem Ziel, die Rendite zu steigern, sondern auch, um dem Staat Steuern vorzuenthalten. Auch aus diesem Grund ist das Kreditersatzgeschäft längst in Luxemburg zentriert worden – eine Steueroase.

Parallel baut sich – Fehler Nummer drei – ein Problem auf, das die Bank bis heute verfolgt: die Schifffahrt. Schon bei ihrer Gründung ist die HSH der „größte Schiffsfinanzierer der Welt“, eine Position, für die sie in der maritimen Hansestadt hofiert wird und die sie mit Macht ausbaut. Von anfangs 20 Milliarden Euro wächst ihr Schiffskreditbuch bis zur Finanzkrise auf 40 Milliarden Euro an. In der Spitze hat sie mehr als 3500 Schiffe finanziert – vor allem Containerfrachter. Dass daraus ein „Klumpenrisiko“ entsteht, das die Bank im Falle einer Schifffahrtskrise ins Trudeln bringen könnte, kann sich niemand vorstellen, im Gegenteil. Als im Aufsichtsrat ein Kreditersatzgeschäft vorgestellt wird, gibt Kontrolleur Hans-Peter Krämer dem Vorstand den Rat: „Ich würde lieber noch ein Containerschiff mehr finanzieren. Von dem Geschäft verstehen Sie mehr!“

In Reederkreisen kursiert die Geschichte von dem Kollegen, der zur HSH geht und zwei Schiffe finanziert haben möchte und dem der Berater antwortet: Warum nicht vier? Eigenkapital? Sicherheiten? Alles nachrangig, solange die Bank ihr Geld unter die Leute bringen kann. Befeuert wird der Boom noch durch steuersparende Anlagemodelle wie Schiffsfonds.

Wie viele Schiffe braucht der Weltmarkt eigentlich?

Die Frage, wie viele Schiffe der Weltmarkt eigentlich braucht, stellt kaum jemand. Selbst Schiffe der Panamax-Klasse, die gerade noch durch den alten Panamakanal passen, werden unverdrossen weiter bestellt – obwohl längst klar ist, dass der Kanal ausgebaut wird und künftig größere Schiffe passieren können. Der Reeder und HSH-Kunde Bertram Rickmers, dessen Unternehmen 2017 Insolvenz anmelden muss, fasst diese Phase einmal mit drei Worten zusammen: „Gier frisst Hirn.“

Dennoch ist der größte Schiffsfinanzierer der Welt bestens beleumundet. Die HSH sponsert Kultur- und Sportevents und kauft sogar die Namensrechte am Volksparkstadion – das von Sommer 2007 an HSH-Nordbank-Arena heißt. Knapp fünf Millionen Euro pro Jahr lässt sich die Bank das kosten.

Doch das Wichtigste: Von 2003 bis 2007 führt sie insgesamt 350 Millionen Euro an Gewinnen und Dividenden an Hamburg und Schleswig-Holstein ab. „Wir waren damals alle mehr oder minder besoffen von der Idee, dass die HSH Nordbank als Global Player immer satte Gewinne einfährt“, sagt Heide Simonis.

Die guten Jahre der HSH enden mit Paukenschlägen: Im August 2006 gibt Vorstandschef Stuhlmann seinen Rücktritt zum Jahresende bekannt. Dass er im Zuge des geplanten Börsengangs mindestens weitere fünf Jahre an der Spitze stehen müsse, „kollidiert mit meiner persönlichen Lebensplanung“, schreibt er in einer E-Mail an die Mitarbeiter. Nachfolger wird Hans Berger.

Zweiter Paukenschlag: Kurz darauf übernimmt der US-Investor J.C. Flowers für 1,25 Milliarden Euro den 27-Prozent-Anteil der WestLB an der HSH – der erste Einstieg eines ausländischen Investors bei einer Landesbank. Eigentlich will die WestLB die HSH selbst übernehmen, aber das stößt auf Widerstand der Länder, vor allem in Kiel – also verkaufen die Düsseldorfer an die New Yorker. Die HSH-Anteile sind hoch begehrt – außer Flowers zeigt sich auch ein US-Investor namens Cerberus interessiert. Von ihm wird noch die Rede sein.

Den dritten Paukenschlag verkündet Berger im Februar 2007: „Mit einer Eigenkapitalrentabilität vor Steuern von 15 Prozent haben wir unser ambitioniertes Ziel für 2006 erreicht.“ Auf dem Papier ist die HSH Nordbank am Ziel – börsenfähig! Aber um welchen Preis?

2007 bis 2010 – Krisen und Skandale

Die Party begann mit einem US-Rockstar – und der Kater danach kommt auch in Stars & Stripes daher. In den USA hat sich über Jahre eine gigantische Immobilienblase aufgebaut, da Milliarden an Krediten auch an kapitalschwache Kunden vergeben wurden. Anfang 2007 werden immer mehr dieser Kredite Not leidend, die „Subprime-Krise“ nimmt ihren Lauf. Dass das nicht nur große US-Immobilienfinanzierer wie ­Bear Stearns in Schieflage bringt, sondern fast alle Banken weltweit betrifft, hat einen einfachen Grund: Die US-Institute haben die Forderungen an ihre Kunden „verbrieft“, also in Wertpapieren gebündelt und verkauft. Und diesen „Subprime“-Papieren, die satte Renditen versprachen und von den Ratingagenturen als sicher eingestuft wurden, konnte fast keine Bank widerstehen – zumal keine aufstrebende wie die HSH.

In Deutschland bricht im Juli als Erstes die Düsseldorfer IKB-Bank zusammen. Kurz darauf wankt die Sächsische Landesbank – sie wird von der Landesbank Baden-Württemberg übernommen, die später selbst Milliardenverluste ausweist. So geht es Schlag auf Schlag. Auch im Norden wird man nervös. Am 5. September fragt Finanzsenator Freytag im Aufsichtsrat den Vorstand: Welche Folgen könnte die Subprime-Krise für die HSH haben? Risikovorstand Hartmut Strauß entgegnet, man habe die Risiken „im Griff“. Das CIP – Credit Investment Portfolio – umfasse insgesamt 28 Milliarden Euro, davon seien etwa 1,8 Milliarden dem Thema Subprime zuzuordnen. Sorgen mache er sich kaum.

In dieser Situation kommt Anfang Oktober ein Mann zur HSH Nordbank, der Probleme lösen soll – und der doch bald darauf zu dem Gesicht der Krise wird: Dirk Jens Nonnenmacher. Ein schlaksiger Hüne mit langen, dunklen, zurückgegelten Haaren, einem Faible für auffällig gestreifte Anzüge und dem Ruf eines Mathematikgenies. Der neue Finanzvorstand soll vor allem das unterentwickelte Risikomanagement der HSH auf internationales Niveau heben.

Wie nötig das ist, erlebt der 44-Jährige kurz darauf am eigenen Leib. Im Dezember bekommt er eine Kreditvorlage auf den Tisch, ein Eilbeschluss. Wie alle anderen Vorstände setzt auch Nonnenmacher sein Kürzel darunter – „Omega 55“ ist beschlossen und wird ihm so viel Ärger bereiten wie kaum ein zweites Geschäft der HSH Nordbank.

In dieser Phase geht es vor allem darum, ob der für 2008 geplante Börsengang noch zu halten ist. Doch im Hamburger Rathaus ist die Neigung, das Thema vor der Bürgerschaftswahl unnötig hochzukochen, wenig ausgeprägt. Bei dem Urnengang am 24. Februar wird die CDU unter Ole von Beust erneut stärkste Kraft, braucht nun aber einen Koalitionspartner – die erste schwarz-grüne Koalition auf Länderebene entsteht.

Zufall oder nicht? Nur zwölf Tage später beschließt der HSH-Aufsichtsrat, den Börsengang zu vertagen. Allein die Subprime-Krise hat die Bank 563 Millionen Euro gekostet, das CIP-Portfolio muss um 1,3 Milliarden abgewertet werden, der Gewinn bricht ein. Aber Vorstandschef Berger stellt klar: „Am Ziel des Börsengangs halten wir fest.“

Doch die Finanzkrise legt mittlerweile schonungslos offen, mit wie wenig Kapital die HSH unterwegs ist – das Problem betraf schon ihre Vorgänger-Institute. Die Eigenkapitalquote der HSH liegt bei mickrigen 3,1 Prozent, üblich sind in der Branche 5,5 Prozent. Und so braucht sie nun schlicht Geld: Eine Kapitalerhöhung über zwei Milliarden Euro wird beschlossen, allein Hamburg bringt davon gut 300 Millionen Euro auf.

Projekt „Wetterfest“: retten, was zu retten ist

Doch diese Maßnahme verpufft rasch. Während Berger nach außen hin ein „positives Ergebnis“ für 2008 vorhersagt, kann er intern auf massiven Druck des Aufsichtsrats gerade noch das Projekt „Wetterfest“ beschließen – Halbierung des Neugeschäfts, Abbau des CIP, Einstellung des Immobiliengeschäfts in den USA, kräftiger Personalabbau –, als der Sturm losbricht. Am 15. September 2008 geschieht etwas, was bis dato für unmöglich gehalten wurde: Die US-Großbank Lehman Brothers ist pleite.

Von einem Tag auf den anderen bricht die internationale Finanzarchitektur zusammen. Weil niemand mehr sicher ist, wen es als Nächstes erwischt, leihen sich die Banken untereinander kein Geld mehr – eine Katastrophe für die HSH, die kaum Kundeneinlagen hat und sich am Kapitalmarkt finanziert.

Die Reserven der Bank gleiten ihr nur so durch die Finger, im November ist ihre Liquidität nur noch für zwei Wochen gesichert. In dieser Situation ruft Jochen Sanio, Chef der Deutschen Bankenaufsicht Bafin, bei Bürgermeister Ole von Beust an und macht ihm den Ernst der Lage deutlich: Ein Milliarden-Schutzschirm des Bankenrettungsfonds Soffin und eine Kapitalerhöhung durch die Länder müssen her, sonst müsse er die Bank binnen weniger Tage schließen.

Die Einschläge kommen immer näher. Am 3. November gibt Berger bekannt, dass nach neun Monaten ein Konzernverlust von knapp 360 Millionen Euro aufgelaufen sei. Doch das ist innerhalb von Tagen Makulatur. Unter anderem, weil aus dem „Omega“-Deal Ver­luste von 500 Millionen Euro drohen, zeichnet sich plötzlich ein Milliardenverlust für 2008 ab. Als Berger Aufsichtsratschef Peiner darüber informiert, verliert der endgültig das Vertrauen in den Vorstandschef. Am 10. November tritt Berger zurückt. Neuer HSH-Chef wird: Dirk Jens Nonnenmacher.

Weil der Soffin kurz darauf mit einer Garantie über zunächst zehn Milliarden Euro einspringt, kann die Liquidität der Bank vorerst gesichert werden. Doch der Fonds gibt der Bank nur eine kurze Gnadenfrist: Bis zum 21. Februar 2009 müsse geklärt sein, wie die Bank mit Kapital versorgt wird und wie die immensen Altlasten abgesichert werden sollen. Parallel kursieren erste Gerüchte über das wahre Ausmaß der Verluste: 2,3 Milliarden, 2,8 Milliarden Euro ...

Am Freitag – dem 13. – geht es um 13 Milliarden Euro

Politik, Aufsichtsrat, Vorstand, Bankenaufsicht und Bund sitzen nun beinahe täglich zusammen, um eine Lösung zu finden. Ausgerechnet an einem Freitag, dem 13., wird das Rettungspaket eingetütet: An diesem kalten Februartag kommen von Beust, Freytag, Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Peter Harry Carstensen und sein Finanzminister Rainer Wiegard (alle CDU) sowie weitere Spitzenpolitiker in die HSH-Zentrale am Gerhart-Hauptmann-Platz. Im Raum „Elbe 1“ im achten Stock lassen sie sich von Nonnenmacher erklären, wie er sich die Rettung vorstellt: drei Milliarden Euro frisches Kapital von den Ländern, dazu eine Garantie über zehn Milliarden Euro, die alle Altlasten abschirmt. Auch wegen des immensen Zeitdrucks ist man sich einig: So machen wir es. Niemand warnt, dass diese Garantie, für die die Bank pro Jahr 400 Millionen Euro Gebühr an die Länder zahlen muss, sie nicht nur retten, sondern auch erdrücken könnte.

Noch während der Sitzung bestätigt die Bank per Ad-hoc-Mitteilung den Verlust von 2,8 Milliarden Euro. Kurz darauf werden die Details zur Neuausrichtung bekannt: Auf Druck der Bankenaufsicht ist Schluss mit Wachstum und Internationalisierung. Das neue Geschäftsmodell sieht die Schrumpfung zu einer Regionalbank vor, die sich auf Firmenkunden, Immobilien, Schifffahrt und erneuerbare Energien konzentriert. Diese Bereiche werden in einer „Kernbank“ fortgeführt, alles andere, wie das verlustreiche Kreditersatzgeschäft, wird in einer internen Abbaubank gebündelt. 1100 der 4300 Jobs sollen wegfallen.

Ruhe kehrt jedoch nicht ein, im Gegenteil. Im März erstattet der Hamburger Anwalt Gerhard Strate Strafanzeige wegen des Verdachts der „besonders schweren Untreue“ gegen Verantwortliche der HSH. Und in Kiel wirft Wirtschaftsminister Werner Marnette (CDU) am 29. März hin. Er fühle sich als „Störenfried“, sagt der frühere Vorstandschef der Norddeutschen Affinerie, dessen Kritik an der HSH-Rettung Regierungschef Carstensen ignoriert hatte.

Kein Scherz: Am 1. April stimmt die Bürgerschaft dem 13-Milliarden-Paket zu. Vielen Abgeordneten ist mulmig: „Es ist eine Entscheidung zwischen Pest und Cholera“, sagt Grünen-Fraktionschef Jens Kerstan. In letzter Minute können CDU und GAL auch die SPD überzeugen, mitzustimmen. Die setzt dafür etliche Bedingungen durch – unter anderem, dass die Vorstandsmitglieder nicht mehr als 500.000 Euro im Jahr und keine Boni erhalten dürfen. Außerdem kündigt sie einen Parlamentarischen Untersuchungsausschuss an. Ähnlich läuft es am Tag darauf in Kiel.

Bis zu diesem Zeitpunkt ist die HSH eine wirtschaftlich in Schieflage geratene Bank, die vom Staat gerettet werden muss. Schlimm genug. Doch in diesen Tagen legt sie den Grundstein dafür, dass sie bald nur noch „die Skandalbank“ genannt wird.

Ende April teilt die HSH mit, der Aufsichtsrat habe Vorstandsmitglied Frank Roth gekündigt, da er „dritten Personen streng vertrauliche, interne Strategieunterlagen der HSH Nordbank zugänglich gemacht“ habe. Ein unerhörter Vorwurf. Aber die wahre Geschichte dahinter macht fassungslos.

Vorstandschef Nonnenmacher hat mittlerweile eine ausgeprägte Paranoia entwickelt. Er fühlt sich von Feinden umgeben, die seinen Kurs nicht mittragen, ihn loswerden oder gar der Bank schaden wollen. Das Gefühl ist nicht völlig unberechtigt, doch Nonnenmachers Reaktion lässt ihn selbst zum Problem werden und leitet seinen Abgang ein.

Die Sicherheitsfirma Prevent, die schon unter Nonnenmachers Vorgängern für die HSH tätig war und unter anderem eine Wanze im Büro des Vorstandschefs gefunden hatte, erhält umfangreiche Aufträge: Fenster in der Bank werden mit abhörsicheren Folien abgeklebt, Sicherheitskonzepte für Vorstände im privaten wie beruflichen Umfeld erarbeitet, Personenschützer engagiert – insgesamt fließen allein 2008/2009 rund sieben Millionen Euro in Geheimprojekte mit ominösen Namen wie „Shisha“, „Guardian“ und „Schimmelreiter“.

Nonnenmacher selbst lässt auf der Suche nach einem Leck in der Führungsebene den Vorständen ein streng vertrauliches Papier zukommen, das namentlich zugeordnet werden kann. Die Hoffnung ist, dass es irgendwo auftaucht. Siehe da: Ende März trifft ein persönlich an Nonnenmacher adressierter Brief aus London bei der HSH ein. Der anonyme Absender behauptet, die vertrauliche Unterlage von Vorstand Roth zu haben.

Nun wird kurzer Prozess gemacht: Am 16. April wird der nichts ahnende Vorstand zum Gespräch ins „Nostalgiezimmer“ gebeten: In dem Besprechungsraum warten schon Nonnenmacher, Aufsichtsratschef Peiner und der Chefjustiziar der Bank auf Roth. Peiner kommt sofort zur Sache. Man verdächtige Roth, vertrauliche Unterlagen weitergegeben zu haben, werde sich von ihm trennen und Strafanzeige stellen.

Der Staatsanwaltschaft in Kiel kommt die Sache jedoch spanisch vor. Sie findet keine Belege für den angeblichen Geheimnisverrat und hält die Geschichte für fingiert. Im Sommer 2010 stellt sie die Ermittlungen ein und dreht den Spieß um: Nun wird wegen „falscher Verdächtigungen“ gegen die Bank ermittelt. Doch trotz der eindeutigen Aussagen der Staatsanwaltschaft und Roths dringender Bitte, ihn endlich zu rehabilitieren, bleibt die HSH trotzig. Am 20. Juli schreibt der neue Aufsichtsratschef Hilmar Kopper, früher Chef der Deutschen Bank, an Roth, für ein Arrangement sei „weder moralisch noch rechtlich irgendein Raum“. Es ist absurd. Und es ist nicht durchzuhalten.

Am 27. Januar 2011 lenkt die HSH doch ein: Sie bedauert die Entlassung und die „beruflichen und privaten Nachteile“ für Roth. Man einigt sich nun „gütlich“. Dem Vernehmen nach geht es um eine Millionensumme. Möglich wird das nur, weil die Trennung von Nonnenmacher zu diesem Zeitpunkt bereits beschlossen ist. Denn parallel zum Fall Roth ist der Vorstandschef in eine ganze Reihe weiterer Skandale verwickelt.

So wird im Sommer 2009 bekannt, dass Nonnenmacher 2,9 Millionen Euro zustehen, wenn er von seinem Sonderkündigungsrecht keinen (!) Gebrauch macht. Die Länder wollen den Mann, der zu diesem Zeitpunkt noch ein Hoffnungsträger ist, aber halten – und zahlen. Zerknirscht schreibt Bürgermeister von Beust an die Bürgerschaft: „In der aktuell schwierigen Situation der Bank ihren besonders leistungsfähigen Vorstandsvorsitzenden zu verlieren hätte auch für die Eigentümer eine weitere Belastung herbeigeführt.“

US-Manager werden Kinderpornos untergeschoben

Kurz darauf ereignet sich der abstoßendste Skandal in der HSH-Geschichte: Am 17. September 2009 fällt ein Rollkommando aus HSH- und Prevent-Mitarbeitern in die New Yorker Filiale der Bank ein und durchsucht das Büro des Filialleiters. Zielsicher wird ein Bilderrahmen geöffnet, in dem sich ein Hinweis findet, der in unglaubliche Abgründe führt: Kinderpornografie. Dem Manager wird postwendend per E-Mail gekündigt, Strafanzeige wird gestellt.

Die Parallelen zum Fall Roth sind frappierend: Auch in New York kommt den Ermittlern die Sache merkwürdig vor, auch sie finden keine Belege für die Vorwürfe gegen den HSH-Manager – und schließlich nimmt auch die Staatsanwaltschaft New York die HSH selbst ins Visier. Der ungeheuerliche Verdacht: Die Vorwürfe könnten fingiert sein, um den Mitarbeiter loszuwerden. Auch das Ende kommt einem bekannt vor: Erst im März 2011 entschuldigt sich die HSH bei ihrem Ex-Manager und entschädigt ihn mit einer Millionensumme.

Nonnenmacher wird derweil immer mehr zum Feindbild für Medien und Öffentlichkeit. Daran kann auch ein kurzer Befreiungsschlag nichts ändern: Mit Peter Rieck und Jochen Friedrich werden Ende 2009 zwei Vorstände entlassen. Ein Rechtsgutachten schreibt ihnen „individuelle Pflichtverletzungen“ in Zusammenhang mit Omega zu.

Die Verantwortlichen des HSH-Skandals:

Zwar entwickelt sich die Bank sogar etwas besser als erwartet. Doch mit jedem neuen Detail, das 2010 aus den Skandalen ans Licht kommt, zieht sich die Schlinge weiter zu. Hinzu kommt Unruhe in der Politik: Nachdem im März schon Michael Freytag als Finanzsenator und CDU-Chef zurückgetreten war, nimmt im Juli 2010 auch Ole von Beust seinen Hut. Neuer Bürgermeister wird Innensenator Christoph Ahlhaus (CDU).

Die Grünen sind unglücklich in ­dieser Konstellation und treiben den Senatschef vor sich her. Als bekannt wird, dass Prevent möglicherweise Politiker und Journalisten bespitzelt hat und dass Nonnenmacher der Politik einen Vertrag mit den Schlapphüten vorenthalten hat, ist das Maß voll. „Alles andere als eine Entlassung von Nonnenmacher werden wir ... im Senat nicht akzeptieren“, droht Kerstan Anfang November via „Spiegel“. Ahlhaus fühlt sich unter Druck gesetzt, aber um die Koalition zu retten, telefoniert er mit Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Carstensen. Man einigt sich auf die Trennung von Nonnenmacher. Aufsichtsratschef Hilmar Kopper ist erbost – aber er setzt die Bitte um: Ende März 2011 ist das Kapitel Dirk Jens Nonnenmacher bei der HSH beendet. Die Abfindung geht in die Millionen.

Ironie der Geschichte: Kurz darauf lassen die Grünen die Koalition dennoch platzen. Doch ihre Hoffnung auf Rot-Grün erfüllt sich nicht: Bei den Neuwahlen holt die SPD die absolute Mehrheit, Olaf Scholz wird Bürgermeister, Finanzsenator wird Peter Tschentscher (SPD).

2011 bis Oktober 2012 – das doppelte Spiel

Viele Reeder kennen die schneeweiße Motoryacht, die direkt an der Promenade im Wasser der Förde dümpelt. Manch ein Kreditabschluss wird hier begossen. Die Yacht hat, wenn man so will, eine Eins-a-Lage: Das Landeshaus mit Parlament und Abgeordnetenbüros liegt nur einen Steinwurf entfernt, bis zum Finanzminister und zum Ministerpräsidenten ist es nur ein kurzer Weg. Die „Merkur II“, Baujahr 1966, knapp 30 Meter lang und für 36 Personen zugelassen, gehörte einst der Landesbank Kiel. Mit der Fusion ist sie 2003 in den Besitz der HSH Nordbank übergegangen. Der Liegeplatz ist auch ein Symbol: Die Bank und das Land, sie gehören zusammen.

Aber jetzt wird die „Merkur II“ zu einem Problem. Der Bund der Steuerzahler deckt auf, dass das schmucke Schiff 390.000 Euro im Jahr verschlingt. Immerhin muss die vierköpfige Besatzung bezahlt werden, außerdem fallen Reparaturen an. Ziemt sich ein solcher Luxus für eine Bank, die gerade mit Steuermilliarden gerettet werden musste? Der SPD-Bürgerschaftsabgeordnete Thomas Böwer fordert den Finanzsenator auf, die Bank zu einem Verkauf des Schiffes zu drängen. Im Juni 2011 ist es so weit. Die HSH Nordbank, der größte Schiffsfinanzierer der Welt, trennt sich von ihrem einzigen Schiff. Der neue Eigentümer, die Adler-Reederei, bietet die Motoryacht noch heute für Charterfahrten an. Die „Merkur II“ sei „fortlaufend liebevoll gepflegt und stilecht restauriert“, heißt es auf der Internetseite. Seit dem Sommer 2016 wird die Yacht auch „für Seebestattungen ab Warnemünde“ eingesetzt.

Von einer Beerdigung ist die HSH Nordbank 2011 weit entfernt. Jedenfalls ist das das Bild, das der Öffentlichkeit vermittelt wird. Das Jahr beginnt mit guten Nachrichten. Die beiden Parlamentarischen Untersuchungsausschüsse sind mit ihrer Arbeit im Wesentlichen durch. Der Hamburger Ausschuss legt seinen Bericht im März vor, der Schleswig-Holsteiner im August. Endlich, denken sie bei der Bank. Viele Stunden mussten ihre Vertreter den Parlamentariern Rede und Antwort stehen. Und die Berichterstattung über die teils hitzigen Auseinandersetzungen trug nicht gerade dazu bei, das Vertrauen der HSH-Kunden in ihre Bank zu stärken.

Hoffnung macht auch der Amtsantritt des neuen Vorstandschefs Paul Lerbinger. Er kommt von der Citigroup, war dort stellvertretender Vorstandschef und oberster Investmentbanker. Der etwas unscheinbare bayerische Schwabe soll das Klima im Haus verbessern. Und er soll aus der Skandal-Bank eine Normal-Bank machen. „Ich bin langweilig, und auch die HSH Nordbank muss eine langweilige Bank werden“, sagt er.

Die Anteilseigner freuen sich über die Garantieprämie

In der Tat gelingt es der Bank zunächst, den Eindruck zu erwecken, als gehe es langsam bergauf. Für 2010 präsentiert sie überraschend einen kleinen Gewinn von 48 Millionen Euro. Damit war eigentlich erst für 2011 gerechnet worden. 700 Millionen Euro Garantiegebühren hat die Bank bereits an den hsh finanzfonds AöR gezahlt. Er war 2009 von den Ländern gegründet worden, um der Bank die drei Milliarden Kapital und die Garantie zu stellen – und die Rettung so außerhalb der Haushalte abzuwickeln. Abzüglich der Zinskosten hat sich dort schon eine dreistellige Millionensumme angesammelt. Setzt sich diese Entwicklung fort, so rechnet man in Hamburg und Schleswig-Holstein freudig hoch, könnten sich die Länder am Ende eine stattliche Summe teilen.

Auch der Markt hilft. Die Schifffahrt erholt sich langsam. Die Frachtraten, die 2008 abgestürzt waren, steigen seit Mitte 2009 wieder leicht an. Marktexperten glauben aus der Vergangenheit zu wissen, dass nach Krisen relativ schnell der nächste Aufschwung kommt – und gehen nun davon aus, dass es auch diesmal so sein wird. Noch 2010 hatte Nonnenmacher deshalb eine Absenkung der Garantie eingeleitet. 2011 wird sie in drei Schritten von zehn auf sieben Milliarden Euro gesenkt. Für die Bank hat das den erfreulichen Effekt, dass sich auch die Garantiegebühr, die sie zahlen muss, um 30 Prozent verringert. Eine klare Entlastung. Zugleich aber ist es auch eine klare Fehlentscheidung, die das Ende der Bank einleitet.

Den Landespolitikern in Hamburg und Kiel fällt das nicht auf. Sie finden es nur nicht so schön, dass die Einnahmen aus der Garantiegebühr sinken. Aber die Bank will es ja so, also wird es gemacht. Dann geschieht das Unerwartete: Kaum ist die Garantie zurückgefahren, sinken die Frachtraten wieder. Und die Bank braucht dringender denn je Hilfe.

Die Öffentlichkeit erfährt davon jedoch zunächst nichts. So teilt Lerbinger dem Untersuchungsausschuss in Kiel am 14. Juli 2011 mit: „Die Bank ist mittlerweile wieder auf einem erfolgversprechenden Weg. Die im Rahmen der Finanzkrise identifizierten Schwächen wurden systematisch behoben.“ Die CDU schreibt, die Rettung der Bank habe den Steuerzahler „bis zum heutigen Tag keinen einzigen Cent gekostet“. Und Ministerpräsident Carstensen bekundet am 13. Juli in einem Brief an den Ausschuss: „Es bleibt festzuhalten, dass die Garantie von der HSH Nordbank zu vergüten ist – bislang also ein Nullsummenspiel für das Land Schleswig-Holstein.“ Schon bald wird klar, dass dies alles kein Spiel ist – und schon gar kein Nullsummenspiel.

Carstensen hätte das wissen können. Denn mittlerweile hat die EU-Kommission die Bank im Blick. Die Rettung des Geldinstituts im Jahr 2009 gilt EU-rechtlich als staatliche Beihilfe. Die ist aber nur erlaubt, wenn ohne sie „eine beträchtliche Störung im Wirtschaftsleben des Staates“ droht. Selbst dann kann sie nur unter Auflagen gewährt werden. Eine langwierige, über Jahre dauernde Prüfung läuft an. Ja, sagt die EU, eine Beihilfe dürfe gewährt werden, denn die HSH Nordbank drohe tatsächlich zum Störfall für ganz Deutschland zu werden. Aber wie dürfen die Länder helfen?

Die Bank führt plötzlich ein Doppelleben: Während sie die Zehn-Milliarden-Garantie schon wieder reduziert hat, wird in Brüssel noch darüber verhandelt, auf welche Weise sie genehmigt werden kann. 13-mal treffen sich Vertreter der EU-Kommission und deutscher Regierungsstellen im Jahr 2009. 2010 sind es 18 Treffen, 2011 immerhin noch zehn. Am 20. September wird das Ergebnis vorgelegt – zwei Monate nach Carstensens Einschätzung, die Garantie werde zum „Nullsummenspiel“ werden.

Die EU-Entscheidung hat es in sich. Sie macht endgültig Schluss mit dem Gründungsmythos der HSH Nordbank, der Traum eines weltweit operierenden Geldinstituts zerplatzt. Übrig bleibt eine Regionalbank mit strengen Auflagen. Die Bilanzsumme, so sagt die EU, muss bis Ende 2014 auf 82 Milliarden Euro sinken. Im Vergleich zum Jahr 2008 ist das ein Rückgang um gut 60 Prozent. 15 der 21 Auslandsniederlassungen müssen geschlossen werden. Das Regionalgeschäft soll gestärkt werden. Schiffsfinanzierungen sollen sich auf bestimmte Schiffstypen beschränken.

Die Bank hinterlässt in den Verhandlungen mit der EU keinen guten Eindruck. Die Kommission bezweifelt viele Einschätzungen der HSH-Führungsetage. Manches muss deshalb noch nachgeliefert werden. Zum Beispiel eine Antwort auf die Frage, was mit den von der Garantie abgeschirmten Krediten in einem Stressszenario passieren würde. Das Ergebnis beschreibt die Kommission so: „Die Bewertung ergab, dass die erwarteten Verluste die Zweitverlusttranche von zehn Milliarden Euro aufzehren würden.“

Gesprochen wird darüber nicht. Seit 2009 gibt es eine doppelte Kommunikation. Die eine ist öffentlich und malt die Zukunft der Bank in eher hellen Farben. Die andere, geführt zwischen der EU und den Bankeigentümern, bleibt im Verborgenen. Nicht einmal die Parlamentarier der beiden Bundesländer werden über den Inhalt der Gespräche informiert. Und so erfährt zunächst auch niemand etwas davon, dass es der Bank immer schlechter geht. So schlecht, dass man schon im September 2012 erneut bei der EU anklopft und fragt, ob die gerade eben reduzierte Garantie wieder erhöht werden dürfe. Was damals noch niemand ahnt: Diese Anfrage löst das endgültige Ende der HSH Nordbank aus.

Juni 2012 bis Ende 2016 – das Ende wird besiegelt

Es ist im Sommer 2015, als in Kiel die größte Krise des Landes kurzzeitig von der größten Krise des Landeshauses verdrängt wird: Im Parlamentsgebäude an der Förde wird der Paternoster abgeschaltet. Eine neue Verordnung des Bundes ist schuld. Die Politik kommt fast zum Erliegen, mühsam quält sie sich die Treppen hoch. Monika Heinold (Grüne), als Finanzministerin auch für den Paternoster zuständig, bekommt von alldem nichts mit. Sie ist in Brüssel, verhandelt mit der EU-Kommission. Es geht natürlich um die HSH Nordbank und damit um das deutsche Bankensystem, das mal wieder gerettet werden muss. Aber wie? Und wie viele Milliarden wird es diesmal das Land Schleswig-Holstein kosten? Da klingelt Heinolds Mobiltelefon. Der Landtagspräsident Klaus Schlie (CDU) ist am Apparat. „Mit hoher Dringlichkeit in der Stimme sagte er mir, ich möge bitte sofort den Paternoster wieder in Gang setzen“, erzählt die Finanzministerin. Die Paternoster-Krise ist schnell gelöst. Die Bank-Krise dauert an.

Zurück ins Jahr 2012. In Schleswig-Holstein geht eine neue Landesregierung an den Start. Es ist eine so noch nicht da gewesene Koalition aus SPD, Grünen und SSW. Torsten Albig (SPD) wird Ministerpräsident. Im Juni 2012 wird der Koalitionsvertrag unterschrieben. Der Sorgenbank ist darin exakt ein Satz gewidmet: „Sobald es rechtlich möglich und wirtschaftlich sinnvoll ist, werden die Beteiligungen des Landes an der HSH Nordbank verkauft.“ Zuständig für das Kreditinstitut wird wieder das Finanzministerium, zuletzt war es vom Wirtschaftsressort gesteuert worden. Die neue Finanzministerin Heinold stellt einen Fachmann ein, der sich um die HSH kümmern soll. Thomas Losse-Müller, ein Volkswirt, der von der Weltbank aus Washington kommt. Er liest sich in die Akten ein. Dann geht er zu seiner Chefin und sagt: „Monika, wir haben ein Problem.“

Die Bank ist erneut in eine gefährliche Situation geraten. In eine existenzgefährdende Situation, vergleichbar mit 2009. Die Frachtraten sinken wieder, die Schifffahrt schlittert erneut in die Krise. Der Schiffsfinanzierer bekommt Schlagseite. Die Eigenkapitalquote könnte schon zum Jahresende 2012 unter einen kritischen Wert fallen. Das aber hätte Folgen: Die Bankenaufsicht würde die Bank an die Kandare nehmen. Die Ratings würden fallen, die Bank hätte Schwierigkeiten, frisches Geld zu akzeptablen Konditionen zu bekommen. Es wäre eine Abwärtsspirale, die in die Zahlungsunfähigkeit führte.

HSH-Strategie: verschönern, vernebeln, verschweigen

Kann Vorstandschef Lerbinger diesen Trend stoppen? Der langweilige Schwabe, der aus dem Geldinstitut eine „langweilige Bank“ machen will? Peter Tschentscher und Monika Heinold, kommen zu dem Schluss: Er kann es nicht. Beide finden, dass die Bank endlich klarer sagen muss, wie die Lage ist – und was man dagegen tun kann.

Denn die setzt das fort, was nicht nur Banken, sondern viele Unternehmen in ihren offiziellen Mitteilungen bis zur Perfektion beherrschen und betreiben: verschönern, vernebeln, verschweigen. Der noch von Lerbinger verantwortete, Ende August 2012 veröffentlichte Bericht zum ersten Halbjahr trägt zwar die Überschrift: „Verschärfte Krise der Schifffahrt belastet Halbjahresergebnis der HSH Nordbank“. Zugleich wird aber behauptet: „Effektive Zahlungsverpflichtungen für die Länder sind mit der Entlastung der Bank weiterhin nicht verbunden.“ Und weiter: Über die konsequente Fortsetzung des im Vorjahr eingeleiteten Umbaus hinaus prüfe die Bank zusätzliche Maßnahmen, um das gestiegene Risikopotenzial zu senken und dauerhaft angemessene Kapitalquoten zu sichern. Lerbinger: „Wir verfügen über eine Reihe von Stellschrauben.“

Welche Stellschrauben er meint, bleibt unklar. Tatsache ist, dass am Ende nur eine Schraube übrig bleibt: die Anhebung der Garantie auf die ursprüngliche Höhe von zehn Milliarden Euro. „Die Wiedererhöhung der Garantie wurde für uns überraschend und mit hohem Zeitdruck von der Bank gefordert“, sagt Monika Heinold. Rolle rückwärts also nur rund ein Jahr nach der Absenkung. Und der Garantiefall könnte nun tatsächlich eintreten. Das heißt: Die Länder könnten echtes Geld verlieren. Aus Carstensens Nullsummenspiel wird plötzlich ein immer bedrohlicheres Milliarden-Minus. Von nun an geht es nur noch darum, diese Verluste zu begrenzen.

Der neue Vorstandschef Constantin von Oesterreich, bislang Finanzvorstand der Bank, geht mit dieser schlechten Nachricht an die Öffentlichkeit. Er tut es scheibchenweise. Zunächst schreibt er Ende Oktober 2012 in einem Brief an die Mitarbeiter: „Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Teil der Garantie der Länder in einigen Jahren in Anspruch genommen werden könnte, steigt.“ Wenige Tage darauf informiert er die Länderparlamente. Und wird konkreter. Die Bank rechnet nun plötzlich damit, dass Hamburg und Schleswig-Holstein zwischen 2019 und 2025 zusammen bis zu 1,3 Milliarden Euro zahlen müssen. Wie kommt sie auf diese Zahlen? „Das ist eine Synthese aus Wissenschaft, Erfahrung und Handwerk“, sagt der Vorstandschef im Abendblatt-Interview. Es kommen wohl auch noch Optimismus und Blauäugigkeit hinzu. Denn vier Jahre später ist klar: Die erste Zahlung wird nicht etwa zwischen 2019 und 2025 fällig, sondern bereits im Jahr 2016. Und es sind nicht 1,3 Milliarden, sondern 1,9 Milliarden Euro. Und es werden noch viel mehr werden.

Die Politik besänftigt erst einmal. Finanzsenator Tschentscher sagt: Es handele sich dabei nur um Planungen, es könne auch besser oder schlechter kommen. Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig befindet: „Mitnichten reden wir hier von einem Worst ­Case.“ Kein Mensch wisse heute konkret, ob und wann die HSH die Länderhaushalte belasten werde. Die Bank selbst weist immer wieder darauf hin, dass sie ja Gebühren für die Garantie bezahle. Und die lägen über dem eventuell beanspruchten Garantiebetrag. Mit anderen Worten: Den Steuerzahler kostet das alles weiterhin nichts.

Im Mai 2013 beantragen die beiden Länder offiziell bei der EU-Kommission, die Aufstockung der Garantie zu genehmigen. Sie hoffen, dass die EU keine Probleme macht. Ein neues Beihilfeverfahren könnte neue Einschränkungen bringen. Aber schließlich hatte die Kommission die Zehn-Milliarden-Euro-Garantie ja schon einmal bewilligt. Warum sollte sie jetzt etwas dagegen haben?

Ja, warum sollte sie? Im Haushaltsausschuss der Bürgerschaft war Ende April 2013 durchaus zu hören, wie sich die EU verhalten würde. Der Volkswirt Martin Hellwig, damals Direktor am Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern in Bonn und als Experte geladen, sagt: „Die Kommission wird das, so, wie ich die Kommission einschätze, als neuen Vorgang behandeln.“ Also als neuen Beihilfefall. Und dann gebe es sofort ein Problem, sagt Hellwig. Und das laute: „Bei dieser Kategorie von Beihilfen heißt es: Komme einmal in zehn Jahren zur EU, aber nicht zweimal in zehn Jahren.“ 2009 und 2013: Die HSH kommt sogar zweimal in vier Jahren. Die EU-Kommission werde sich die Bank ganz genau angucken, prophezeit Hellwig. „Und dann wird die Frage gestellt, was eigentlich die Marktaussichten der HSH Nordbank in der Zukunft sind.“ Für den Volkswirt ist die Antwort klar, jedenfalls was das Schifffahrtsgeschäft angeht: „Es gibt ein Überangebot, und es gibt kaum Gewinnspannen.“ Deshalb sei es auch gefährlich anzunehmen, dass die Anhebung der Garantie von sieben auf zehn Milliarden Euro für die beiden Länder folgenlos bleiben werde. Hellwig: „Drei Milliarden Euro sind drei Milliarden Euro.“

Der Mann wird recht behalten. Die Bank, die seit 2013 mit dem ehemaligen Wirtschaftssenator Thomas Mirow (SPD) einen neuen Aufsichtsratschef hat, wird erneut Opfer einer Fehleinschätzung. Die EU startet tatsächlich ein neues Beihilfeverfahren.

Schleswig-Holstein hat sich mittlerweile verstärkt. Philipp Nimmermann ist neuer Finanzstaatssekretär. Er ist eine Rarität: ein Bankexperte mit grünem Parteibuch. Zuletzt war er Chefvolkswirt bei der BHF-Bank. Nicht mal im großen Hamburg haben sie so jemanden. Nimmermann spricht die Sprache der Banker, und er kennt ihre Tricks.

Das neue EU-Verfahren zieht sich über Jahre hin. Denn die Lage hat sich verändert. Mittlerweile gibt es eine zen­trale europäische Bankenaufsicht. Den Stresstest der Europäischen Zentralbank besteht die HSH 2014 ganz knapp und nur, weil die Garantie vorläufig wieder hochgeschraubt wird. Danach wird die Bankenaufsicht auf das Probleminstitut aufmerksam. Und stellt fest: 23 Prozent der HSH-Kredite sind faul. „Das war damals mit die höchste Quote außerhalb von Griechenland und Zypern“, sagt Nimmermann später.

Im Herbst 2015 spitzt sich die Situation zu. Das Rating der Bank fällt zeitweise auf BBB-, das ist die letzte Stufe vor dem, was Banker gemeinhin als Ramsch-Niveau bezeichnen. Die EU legt den Ländern Hamburg und Schleswig-Holstein die Daumenschrauben an. Sie hält die Bank für nicht lebensfähig, erwartet Lösungsvorschläge, teilweise mit Tagesfristen versehen: „Wenn ihr nicht entscheidet, entscheiden wir für euch.“ Die Abwicklung droht.

Die EU serviert Wasser in Plastikbechern

Aber noch ist die Gewährträgerhaftung, also die HSH-Verbindlichkeiten, für die die Länder per Gesetz haften, sehr hoch. Sie liegt Ende Oktober 2015 bei 13,4 Milliarden Euro, verringert sich aber bis zum Jahresende rasant auf nur noch 3,8 Milliarden. Nur wie erreicht die Bank heil das Jahresende? Außerdem hängen ja auch noch die schleswig-holsteinischen Sparkassen mit drin, sie stehen für 18,21 Prozent der 13,4 Milliarden Euro gerade. Eine Summe, die sie nicht verkraften könnten. Das gesamte Sparkassensystem geriete in Gefahr.

Die Finanzminister beider Länder suchen in Brüssel verzweifelt nach Lösungen. Sie fühlen sich als „Bittsteller“. Die EU-Kommission ist höflich, aber nicht sonderlich gastfreundlich. Die Besucher werden mit Wasser aus Plastikbechern verpflegt. Vom Genuss des Kaffees wird abgeraten. Der werde zentral in Belgien gebraut und stehe dann lange in den Thermoskannen. In dieser Situation klingelt bei Monika Heinold das Telefon – und Klaus Schlie fragt, warum denn der Paternoster nicht laufe.

Am 19. Oktober 2015 reisen Olaf Scholz und Torsten Albig nach Brüssel, um dort das Ende der HSH Nordbank zu besiegeln. Das Unternehmen, das sich erfolgreich im Weltmarkt behaupten und dann mit Gewinn an die Börse gebracht werden sollte, muss zwangsveräußert werden. Der Stolz zweier Bundesländer, der „größte Schiffsfinanzierer der Welt“, könnte nun durchaus für einen lumpigen Euro über den Ladentisch gehen.

Die EU macht in ihrem Beschluss, der im Mai 2016 veröffentlicht wird, keinen Hehl aus ihrer Verärgerung. Das Problem HSH Nordbank, findet man in Brüssel, muss nun ein für alle Mal gelöst werden. Seit 2013, schreibt die EU, hat die HSH jedes Jahr „ihre eigenen Prognosen in Hinblick auf das Neugeschäftsvolumen unterschritten; dies gilt insbesondere für die Geschäftsbereiche Schiffsfinanzierung und Firmenkunden“. Zudem habe sich die Lage auf dem Schifffahrtssektor weiter verschlechtert.

Die Maßnahmen, die die EU anordnet, sind rigoros. Die Bank wird aufgespalten in eine OpCo, also eine operativ arbeitende Bank, und eine HoldCo. Dieser Holding gehören 94,4 Prozent der OpCo. Außerdem übernimmt sie einen Teil der Garantiegebühren-Verpflichtungen. Ansonsten ist sie inaktiv. Die 94,4 Prozent müssen bis zum 28. Februar 2018 verkauft werden – zu einem „beihilfefreien positiven Angebotspreis“. Gelingt der Verkauf nicht, muss die Bank geschlossen und abgewickelt werden. Und: Die Länder dürfen der OpCo Schrottpapiere im Buchwert von 6,2 Milliarden Euro abkaufen. Schon 2012, als die Anhebung der Garantie vorläufig genehmigt wurde, hatten sie zudem weitere 500 Millionen Euro in die Bank stecken müssen. Alles Maßnahmen, die die Chancen erhöhen sollen, einen Käufer zu finden. Drei Monate nach dem Verkauf muss das Unternehmen nun den Namen HSH Nordbank ablegen. Nichts soll mehr an den einstigen Stolz von HH (Hamburg) und SH (Schleswig-Holstein) erinnern. 21 Monate bleiben nun, um einen Käufer zu finden. Ein Rennen gegen die Zeit beginnt.

2017 bis heute –­ wie verkauft man eine Bank?

Wie teuer wird der Fall der HSH Nordbank eigentlich? Immer noch hat sich keiner der verantwortlichen Politiker in Schleswig-Holstein mit einer klaren Milliarden-Zahl an die Öffentlichkeit gewagt. Man muss sie verstehen. Jede schlechte Nachricht über die Bank verschlimmert deren Lage. Und eine ehrliche Antwort auf die Frage, wie teuer das Ganze wird, wäre ganz sicher eine schlechte Nachricht. Immerhin: Hamburgs Finanzsenator Tschentscher hat schon 2014 Rückstellungen für die HSH über fünf Milliarden Euro im Geschäftsbericht der Stadt ausgewiesen. Das Signal ist klar: Hamburg stellt sich darauf ein, dass die Zehn-Milliarden-Garantie der Länder vollständig verloren sein könnte. Eine deutlichere Aussage ist dazu nicht zu bekommen.

Als Torsten Albig im Januar 2017 die Redaktion des Hamburger Abendblatts betritt, ist die Hoffnung gering, dass das an diesem Tag anders sein wird. Aber in diesem Interview wird es anders. Der Ministerpräsident ist gut gelaunt. Im Mai ist Landtagswahl in Schleswig-Holstein. Die CDU hat gerade Knall auf Fall ihren Spitzenkandidaten ausgetauscht. Der junge und relativ unbekannte Daniel Günther soll nun das Ruder für die Christdemokraten herumreißen. Albig glaubt, dass Günther ein leichter Gegner ist. Den schafft er schon. Und das mit der HSH Nordbank schafft er auch. Und so antwortet er auf die eher beiläufig gestellte Frage nach der Nordbank-Schlussrechnung: „Wenn es gut läuft, kriegen wir die Schäden für die Steuerzahler minimiert. Wenn es schlecht läuft, dann wird das nicht nur den Landeshaushalt betreffen – weil die Summe zu groß ist. Da reden wir dann über bis zu 16 Milliarden Euro für die beiden Länder zusammen.“

Albig, so ist hinterher zu erfahren, wollte einfach reinen Tisch machen. Und er wollte das Thema aus dem Wahlkampf raushalten. Der FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki hatte seit Wochen mit der Behauptung Schlagzeilen gemacht, die Verluste könnten am Ende bei 20 Milliarden Euro liegen. Dieser Spekulation wollte Albig entgegentreten. Denn ein Stresstest hatte kurz vor dem Abendblatt-Interview eine andere Summe ergeben: 16 Milliarden Euro. Immerhin vier Milliarden Euro weniger. Das musste dann mal gesagt werden.

Einem Reeder wird eine halbe Milliarde an Schulden erlassen

Die Bank geht mit einem neuen Chef in ihre letzte Lebensphase. Seit Juni 2016 ist Stefan Ermisch der Vorstandsvorsitzende einer Bank, die sich selbst abschaffen muss. Der Wechsel wird in der Politik als deutliche Verbesserung empfunden. Weder Lerbinger noch von Oesterreich, sagen Insider, hätten die komplizierten Kreditersatzgeschäfte begriffen, die die Bank in Schieflage gebracht haben. Ermisch (Jahrgang 1966) ist ein deutlich smarterer Typ – und er ändert die Kommunikation umgehend.

Die Zehn-Milliarden-Garantie werde die Bank voll benötigen, lässt er schnell durchblicken und betont: Eigentlich hätte sie schon 2009 volle 13 Milliarden benötigt. Dass die Länder ihr stattdessen nur drei Milliarden und eine Garantie gegeben haben, sei mehr Last als Rettung gewesen. Die hohe Gebühr und die EU-Auflage, faule Kredite möglichst nicht abzustoßen, um die Garantie der Länder zu schonen, habe die Bank erdrückt. Die Regierungen in Hamburg und Kiel übernehmen diese Argumenation gern – so lässt sich die Schuld den 2009 Verantwortlichen zuschieben.

Unterdesen wird die Braut hübsch gemacht – auch unter Beteiligung der beiden Länder. Sie gehen weitere Risiken ein und übernehmen, um im Bild zu bleiben, die hässlichen Teile des HSH-Inventars. Faule Schiffskredite im Buchwert von fünf Milliarden Euro werden im Juni 2016 zum Preis von 2,43 Milliarden Euro an die hsh portfoliomanagement AöR verkauft, eine Anstalt öffentlichen Rechts, die zu diesem Zweck gegründet wird. Das klingt günstig, ist aber in Wirklichkeit viel teurer. Denn die Bank muss die Verluste aus dem Verkauf abschreiben, weshalb sie die Garantie der Länder stärker beansprucht. In Summe zahlen die Länder also fünf Milliarden Euro für Kredite, die längst nicht mehr so viel wert sind. Und sie verlieren ständig weiter an Wert. Ende 2016 sind es noch 1,9 Milliarden Euro, Ende September 2017 rund 1,68 Milliarden Euro.

Die Bank ist nun fieberhaft dabei, Ballast abzuwerfen. Die Bücher sollen möglichst frei von Krediten sein, die nicht mehr bedient werden können. Was dort im Einzelnen mit wem vereinbart wird, bleibt weitgehend unbekannt. Aber einiges dringt doch an die Öffentlichkeit. Zum Beispiel der Fall Kortüm.

Bernd Kortüm, heute 75, gehört die Hamburger Reederei H. Schuldt. Ende 2016 wird bekannt, dass die Bank der Reederei 547 Millionen Euro an Schulden erlässt. Kortüm ist schon lange Kunde der HSH, angeblich hatte er einen Kreditrahmen von sagenhaften zwei Milliarden Euro. Aber auch Kortüm ist nun eben eine Altlast, und Altlasten gefährden den Verkauf der Bank. Also wird ihm ein Teil der Kreditschulden erlassen. Ein anderer Teil ist Bestandteil der Kredite, die die hsh portfoliomanagement für 2,43 Milliarden Euro erwirbt.

Dann wird bekannt, dass sich Kortüm privat eine neue Yacht zugelegt hat – für 8,75 Millionen Euro. Rund 40 Meter lang, mit Heimkino, Lounge und fünf Kabinen. Kortüm wird zum hässlichen Gesicht einer Branche, die immer mehr Schiffe hat bauen lassen, ohne die Folgen zu bedenken. Mit der HSH Nordbank stirbt auch die Mär vom seriösen hanseatischen Schifffahrtskaufmann. „Alithia“ heißt Kortüms Yacht. Es ist das griechische Wort für Wahrheit.

Das letzte Kapitel wird aufgeschlagen: die Suche nach einem Käufer. Sie erscheint fast aussichtslos. Noch nie ist eine Landesbank privatisiert worden. Schon gar nicht in so kurzer Zeit. Wie geht das eigentlich? Zeitweise schwindet der Glaube daran, dass es gelingen könnte. Aber alle wissen auch: Eine Abwicklung wird wohl noch teurer. Die große Hoffnung ist, dass am Ende dieses sich nun schon über fast zehn Jahre hinziehenden HSH-Debakels vielleicht doch noch ein kleiner Ertrag stehen könnte. Ein Kaufpreis. Ein schmaler Geldstrom, der in die richtige Richtung fließt. Der dem großen Geldstrom, der in die falsche Richtung geflossen ist, ein ganz klein wenig von seiner Gewalt nimmt. Zum Ende hin lässt sich die Sache mit der HSH Nordbank ganz einfach erklären, viel einfacher als Fußball. Da gibt es Sieg, Unentschieden oder Niederlage. Hier gibt es nur Niederlage oder nicht ganz so hohe Niederlage.

Am 23. Januar 2017 erscheint die Verkaufsanzeige. Noch einmal wird die Bank verbal aufgehübscht. „Die HSH ist eine der führenden Geschäftsbanken und mit ihrem speziellen Produkt-Know-how und langjähriger Expertise eine kompetente Partnerin für mittelständische Unternehmenskunden in norddeutschen Regionen und deutschen Metropolregionen“, heißt es.

Dann fällt die Klappe. Nicht einmal die Abgeordneten der Landesparlamente werden über die Kaufinteressenten informiert. Bis Ende März 2017 melden sich auch tatsächlich einige. Die gucken in die HSH-Bücher. Danach bleiben drei Unternehmen übrig, die ein Angebot vorlegen. Anfang 2018 wird ein Bieter ausgewählt, mit dem verhandelt wird. Es ist ein Konsortium aus den US-Finanzinvestoren Cerberus und J.C. Flowers. Offiziell bestätigt das niemand.

Endlich die Einigung – die Bank ist tatsächlich verkauft

Die Länder gehen nun aufs Ganze. Ihre Verhandlungsposition hat sich ganz leicht verbessert. In der Schifffahrtsbranche geht es ein wenig aufwärts. Die Gewährträgerhaftung hat sich weiter reduziert, es sind nun nur noch 3,4 Milliarden Euro. Und eigentlich gäbe es auch noch die Möglichkeit, die am 28. Februar auslaufende Verkaufsfrist bei der EU um ein halbes Jahr zu verlängern. Aber die Länder verzichten. Sie wollen Druck aufbauen, sie wollen jetzt eine Entscheidung erzwingen: Kauft, oder wir wickeln die Bank ab!

Am letzten Wochenende vor dem 28. Februar wird es richtig hektisch. Größere Posten stehen noch zur Disposition. Auch beim Preis gibt es unterschiedliche Vorstellungen. Zeitweise wird rund um die Uhr verhandelt und telefoniert. Dienstagvormittag dann endlich die Einigung – ganze anderthalb Tage vor Ablauf der Verkaufsfrist am Mittwoch um 23.59 Uhr. Die Bank ist tatsächlich verkauft an ein Konsortium aus Cerberus, J.C. Flowers und drei weiteren Beteiligten. Sie zahlen rund eine Milliarde Euro.

Noch Dienstagabend informiert Finanzsenator Tschentscher die Spitzen von SPD und Grünen, am Mittwochmorgen um 8 Uhr dann alle Bürgerschaftsfraktionen. Heinold tut dasselbe in Kiel. Um 11 Uhr tagen beide Landesregierungen in der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt – direkt an der Förde, ganz nah am früheren Liegeplatz der schneeweißen HSH-Motoryacht „Merkur II“. Eine Stunde später beginnt die Pressekonferenz mit den Finanzministern und Regierungschefs. Der Verkauf wird verkündet – und der damit verbundene finanzielle Verlust. „Das ist eine schwere Stunde“, sagt der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Daniel Günther. „Wir haben es geschafft, eine existentiellen Krise abzuwenden“, sagt Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz.

Mittlerweile wird in einem Notariat an der Bergstraße in Hamburg der Vertrag verlesen. Es sind fünf Ordner. Während die Politiker in Kiel den Verkauf erklären, bekommt Heinolds Finanzstaatssekretär Philipp Nimmermann aus Hamburg eine Nachricht: „Der Vertrag ist unterschrieben.“ Es ist 12.51 Uhr. Elf Stunden vor Ablauf der Frist sind die Länder von einer Bank befreit, die sie beinahe in den Abgrund gerissen hätte.

Epilog

Der 9. Februar 2018, ein sonniger Winternachmittag in der Hamburger Innenstadt. Das volle Haar ist etwas grauer geworden und das Brillengestell der Mode entsprechend etwas kräftiger – aber sonst hat sich Alexander Stuhlmann kaum verändert. Fast zwölf Jahre nach seinem Abschied von der HSH Nordbank ist der 69-Jährige erstmals bereit, über die damalige Zeit zu sprechen. Dass die den heutigen Aufsichtsratschef einer Hamburger Reederei noch beschäftigt, wird schnell klar. „Ich war 30 Jahre in der Landesbank und danach in der HSH, davon fast zehn Jahre als Vorstandschef“, sagt Stuhlmann. „Heute zu sehen, was für eine Belastung für die Länder daraus geworden ist, das tut schon weh.“ Und so kreist das lange Gespräch um die Frage: Wie konnte das passieren?

Eine einfache Antwort habe er darauf auch nicht, sagt Stuhlmann. „Wir wollten in erster Linie eine gute Schifffahrts- und Immobilienbank sein. Beides ist uns ja über viele Jahre sehr gut gelungen.“ 2006, als er die HSH Nordbank verlassen habe, sei das beste Jahr in ihrer Geschichte gewesen. War es nicht riskant, so viele Schiffe zu finanzieren? Das habe damals niemand so gesehen, sagt Stuhlmann. „Und dass in der Finanzkrise aus einem Wertpapier mit einem AAA-Rating mal ein Junk-Bond werden würde, war schlicht nicht vorstellbar.“

Und warum überhaupt dieser extreme Expansionskurs, hat die Politik da Druck gemacht? „Nein“, sagt Stuhlmann. „Das waren vor allem die Ratingagenturen. Nachdem Deutsche-Bank-Chef Ackermann 25 Prozent Rendite für sein Haus angekündigt hatte, haben die uns klar gesagt: Wer nicht 15 Prozent Rendite schafft, bekommt kein A-Rating. Dadurch ist enormer Druck entstanden, weil wir ein A-Rating für unser Geschäftsmodell unbedingt brauchten.“

Dass unter diesem Druck auch Geschäfte getätigt wurden, die man besser nicht eingegangen wäre, das räumt Stuhlmann ein. „Natürlich haben wir auch Fehler gemacht und uns geirrt. Aber wir waren keine Zocker und keine Hasardeure.“

Mächtig schiefgegangen ist sie dennoch, die Sache mit der HSH Nordbank.