Engagement

Hamburgs Umweltverbände: Mehr Mitglieder als Parteien

Traditionelle Organisationen wie Parteien und Kirchen verlieren, Bürgerbewegungen gewinnen Mitglieder. Die Folgen sind unübersehbar.

Hamburg. Die Umweltbewegung in Hamburg wird immer mehr zu einem Machtfaktor. Während fast alle Verbände, Kirchen und Parteien einen anhaltenden Mitgliederschwund registrieren, wird 2018 aller Voraussicht nach das Jahr sein, in dem allein der Hamburger Naturschutzbund (Nabu) mehr Mitglieder hat als alle Hamburger Parteien zusammen. Momentan versammeln sich bei leicht steigender Tendenz insgesamt 23.730 Mitglieder hinter SPD, CDU, FDP, Grünen, Linken und AfD. Der Nabu Hamburg kommt nach einer steilen Aufwärtskurve aktuell auf 23.000 Mitglieder. Der BUND als zweite große Umweltorganisation mit 9200 Mitgliedern noch nicht eingerechnet.

Eine Entwicklung, die typisch ist. Während die Bindungswirkung der großen gesellschaftlich prägenden Organisationen wie DRK, DGB, Kirchen und Volksparteien insgesamt stetig abnimmt, engagieren sich Bürger immer häufiger für einzelne Projekte oder Themen. Seit den 80er-Jahren, nach Gründung der Grünen, Greenpeace oder des BUND, entfaltet der Umweltschutz eine große Strahlkraft Vor allem in Großstädten ist er ein wichtiger Teil des Lebensgefühls geworden.

SPD zählt in Hamburg 300 Aufnahmeanträge nach Parteitag

Anders die beiden Volksparteien: Die SPD startete 1946 in Hamburg mit 44.000 Mitgliedern, zwei Jahre später waren es 55.000, inzwischen stabilisiert sich die Partei bei 11.300. Die rund 300 neuen Anträge auf Parteiaufnahme nach dem SPD-Bundesparteitag dürfen als Indiz für den Trend zum projektbezogenen Engagement gelten. Der Landesverband schließt nicht aus, dass diese Häufung mit der No-GroKo-Kampagne der Jusos zu tun hat.

In der CDU waren 1950 nur 3600 Hamburger organisiert, im Wiedervereinigungsjahr 1990 wurde mit 14.000 Mitgliedern der Höchstwert registriert. Inzwischen dümpelt die Union bei aktuell 7000 Mitgliedern vor sich hin. „Heute entscheiden sich weniger Menschen für eine Parteimitgliedschaft als noch vor 20 Jahren“, konstatiert Roland Heintze, Landesvorsitzender der CDU. Es gebe viel mehr Möglichkeiten, sich politisch zu äußern. Zukunftsforscher Ulrich Reinhardt führt den Schwund auf Frust oder Desinteresse zurück. Stattdessen steige die Bereitschaft, sich für lokale Themen wie den Erhalt von Schulen oder für oder gegen Flüchtlingshäuser zu engagieren. Diese Entwicklung ist auch ein Resultat der perspektivisch stark sinkenden Zahl von Kirchenmitgliedern. Das, so Reinhardt, liege an der scheinbaren persönlichen Betroffenheit und dem Misstrauen gegenüber Politikern.

Und der Nabu als großer Gewinner? Sprecherin Birgit Hilmer sagt: „Wir stellen fest, dass das Umweltbewusstsein gestiegen ist und vor allem ganz konkrete Angebote zum Mitwirken die Menschen ansprechen.“

Künftig rechnet Reinhardt sogar mit einer Zunahme des – wie auch immer gearteten – Engagements: „Der Egoismus wird zurückgehen, weil Bürger erkannt haben, dass sie sich gegenseitig mehr unterstützen müssen.“ Bis dahin ein Überblick zur Hamburger Mitgliederentwicklung:

Die Parteien

Sieht man einmal vom Anstieg 2017 ab, sind die Mitgliederzahlen der Parteien ein Trauerspiel: Die Hamburger SPD hatte kurz nach Kriegsende 44.000 Mitglieder, zwei Jahre später waren es sogar 55.000. Doch danach setzte bereits der Niedergang ein. 1969 hatten nur noch 33.500 Menschen das Parteibuch. Die Begeisterung für den neuen Bundeskanzler Willy Brandt ließ diese Zahl bis 1973 noch einmal auf 36.000 ansteigen, doch seitdem geht es stetig bergab. Auch die Rückkehr an die Macht unter Olaf Scholz konnte nicht verhindern, dass es 2016 nur noch 10.400 Genossen in der Hansestadt gab. Immerhin: 2017 konnte Hamburgs SPD fast 900 neue Mitglieder begrüßen – 11.300 Köpfe. Für Olaf Scholz, Bürgermeister und SPD-Landesvorsitzender, die Bestätigung eines Trends: „Wir beobachten, dass die Mitgliederzahlen seit etwa zehn Jahren stabil sind.“ Das sei wichtig, „auch wenn die vergleichsweise hohe Zahl der Mitglieder nicht an die Zahlen der 50er-Jahre heranreicht, in denen Informationen für viele Bürger anders als heute nicht unkompliziert zugänglich waren, und die Parteien eine andere Informationsaufgabe hatten.“

Ähnlich, aber auf niedrigerem Niveau, erging es der CDU: Die erst 1945 gegründete Partei kam 1950 in Hamburg auf 3600 Mitglieder und stagnierte lange. 1965 gab es dann nur noch 2700 Christdemokraten an der Elbe. Danach setzte ein starkes Wachstum ein: 1975 kam die Hamburger CDU schon auf 10.900 Mitglieder, steigerte sich bis 1990 auf 14.000 – etwa zwei Drittel der SPD-Größe. Während sich beide Parteien auf Bundesebene angeglichen haben, ist es in Hamburg bei diesem Verhältnis geblieben. Mit anderen Worten: Auch die CDU schrumpfte stetig und kommt heute noch auf 7000 Mitglieder.

Im Gegensatz zur SPD hat sie den Trend nur gebremst statt gedreht – aber sie arbeitet daran. „Grundsätzlich entscheiden sich heute weniger Menschen für eine Parteimitgliedschaft als noch vor 20 Jahren“, sagt Roland Heintze, Landesvorsitzender der Hamburger CDU. Es gebe ungleich mehr Möglichkeiten, sich politisch zu äußern und Dinge anzustoßen. Darauf müssten die Volksparteien reagieren, Strukturen durchlässiger werden, so Heintze: „Es zählt nicht nur die jahrzehntelange Mitgliedschaft von der Schule bis ins hohe Rentenalter, sondern auch kurzfristiges Engagement in unterschiedlichen Lebensabschnitten.“ So, wie es der SPD-Nachwuchs gerade vormacht. Für Heintze zählt dazu auch „eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Politik.“

Das Ziel hat auch Hamburgs FDP-Chefin Katja Suding ausgeben – aus ähnlichen Gründen. Die Elb-Liberalen haben einen kräftigen Zwergenschrumpfkurs hinter sich. 1946 mit 6700 Mitgliedern gestartet, ging es in nur sechs Jahren auf weniger als 4000 runter, danach galt die Faustformel: pro Jahrzehnt 1000 FDP-Mitglieder weniger. 1968 wurde erstmals die 2000-Marke unterschritten. Im Zuge der sozialliberalen Regierungen unter Brandt und Schmidt kam die FDP 1976 noch einmal auf 2457 Mitglieder. Doch dann ging es, von einem kurzen Zwischenhoch um 1990 herum (1987 Mitglieder), bis auf gut 1000 Mitglieder bergab. Dabei zeigte sich, dass es weniger Hamburg- als Bundesthemen sind, die Menschen in die Parteien locken. 2009 unter Guido Westerwelle wuchs auch an der Elbe die FDP wieder auf 1462 Köpfe. Nach Sudings aufsehenerregenden Wahlkampf und dem überraschenden Wiedereinzug in die Bürgerschaft ging es wiederum auf das Allzeittief von 1043 Mitgliedern runter (2014). Erst in den letzten Jahren konnte sich die Partei erholen, zählt jetzt wieder 1467 Köpfe.

Der Aderlass hatte auch mit dem Entstehen neuer Kräfte zu tun – allen voran den Grünen, später der Linkspartei und der AfD. Die in Hamburg 1979 als GAL gestartete Öko-Partei konnte bis 1990 schon 2040 Mitglieder gewinnen – etliche von ihnen aus der SPD. Innerparteiliche Grabenkämpfe zwischen „Fundis“ und „Realos“ führten aber dazu, dass Letztere Anfang der 90er-Jahre in Scharen die Partei verließen und sich im „Grünen Forum“ sammelten. Folge: 1992 hatte die GAL nur 1166 Mitglieder. Doch als die „Realos“ kurz darauf zurückkehrten, ging es wieder aufwärts. Das Szenario wiederholte sich 1999 mit der Abspaltung der Gruppe „Regenbogen“, sodass die GAL auf ein Allzeittief von 1139 Mitgliedern fiel (2003). Danach ging es für die Grünen bergauf. Seit 2011 liegt die Mitgliederzahl recht konstant bei 1600, im Jahr 2017 stieg sie sogar rasant auf rund 1800.

Die Naturschutzverbände

Gemessen an Mitgliederzahlen und gesellschaftspolitischem Einfluss ist die 111 Jahre andauernde Geschichte des Hamburger Nabu ein Erfolg. Mit 60 Leuten an den Start gegangen, vereint der Naturschutzbund heute 23.000 Mitglieder. 1972, mit dem Aufkommen eines grünen Bewusstseins, zog die Mitgliederzahl mit 1740 erstmals spürbar an, steigerte sich bis Mitte der 90er-Jahre auf 7600 und ging mit der Professionalisierung der Mitgliederwerbung im Jahr 1996 durch die Decke – 15.000 im Jahr 2005, 21.300 vor fünf Jahren. Neben der niedrigschwelligen Aufnahme macht Birgit Hilmer, Sprecherin des Nabu Hamburg, den „wirklich großen Sprung“ an der bewegten Zeit mit dem Streit um das Mühlenberger Loch oder der Klage gegen die illegale Baggergutablagerung von giftigem Elbschlick fest. Der Kampf um das von vielen Hamburgern beklagte schwindende Grün der Stadt gibt dem Nabu neuen Schwung. Umweltbildung in Kitas, ­Schulen und Integrationsprojekte für geflüchtete Menschen werden dem Umweltbewusstsein der Gesellschaft gerecht. „Das spiegelt sich in der wachsenden Zahl unserer Mitglieder“, sagt Hilmer. Bedeutungsbeweis ist zudem. dass mit Alexander Porschke ein ehemaliger Senator dem Nabu vorsteht.

Mit 318 bescheidenen Mitgliedern im Jahr 1981 begann es für den zweiten großen Verband, den BUND Hamburg. Zehn Jahre später wurde die Zahl schon fast versechsfacht, bis zum Jahr 2000 auf 3400 erhöht und liegt heute schließlich mit dem streitfreudigen Landeschef Manfred Braasch bei 9200 Mitgliedern. Sprecher Paul Schmid relativiert allerdings die wachsende Bedeutung: „Die Zuwächse sind bei uns selten mit gesellschaftlichen oder politischen Ereignissen in Verbindung zu bringen. Ein Großteil der Mitglieder wird über Marketingmaßnahmen gewonnen.“ Austritte sind dagegen der persönlichen, oft finanziellen Situation der Mitglieder geschuldet. Nur selten treten Mitglieder aus ideologischen Gründen aus. Grundsätzlich bedient der BUND aber ebenso wie der Nabu die Sehnsucht nach sinnvollem, nachhaltigem Engagement.

Die Kirchen

An den Daten der evangelisch-lutherischen Kirche in Hamburg lässt sich die schwindende Bindungskraft traditioneller Institutionen belegen. Der Anteil der evangelischen Christen an der Gesamtbevölkerung ging von 76,6 Prozent im Jahr 1966 auf 26,8 Prozent im Jahr 2015 zurück. Die 2012 gegründete Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland, die von Helgoland bis nach Usedom reicht, verzeichnet seitdem einen Mitgliederrückgang von 2,2 auf 2,06 Millionen (2016). Religionswissenschaftler begründen dies mit tief greifenden Modernisierungsprozessen in der Gesellschaft (gesteigerte Mobilität, Digitalisierung). Individualisierung und Pluralisierung beschleunigen den Mitgliederschwund institutionalisierter Religion. Stattdessen werde sie außerhalb kirchlicher Bindungen gelebt.

Dazu kommt die globale Migration. Eine Umfrage des Abendblatts von 2013 belegt, dass Hamburg eine religionsproduktive Stadt ist. So stieg die Zahl der Muslime von 75.000 (1995) auf mindestens 130.000, die der Buddhisten von 2000 auf etwa 20.000. „Im Zuge der Migrationsbewegung ist die religiöse Vielfalt gewachsen“, sagt Nordkirchen-Sprecher Stefan Döbler. Von der Zuwanderung aus Osteuropa profitiert die römisch-katholische Kirche. Die Zahl der Katholiken kletterte seit der Gründung des Erzbistums von 175.983 (1995) auf 184.239 (2016) – aus demografischen Gründen rechnet das Erzbistum aber mit stark sinkenden Kirchenmitgliedszahlen (und Einnahmen).

Die Gewerkschaften

Der Deutsche Gewerkschaftsbund Hamburg, unter dessen Dach acht Einzelgewerkschaften (unter anderem Verdi, IG Metall) versammelt sind, verzeichnet deutliche Abgänge. Waren es im Jahr 2000 noch knapp 250.000, sank der Organisationsgrad schon 2007, als die Mitgliederzahl unter die 200.000er-Marke rutschte. Hamburgs DGB-Sprecher Felix Hoffmann begründet den aktuellen Wert von 173.000 mit einer veränderten Arbeitswelt. „Leider sind immer weniger Unternehmen in der Tarifbindung. Viele Arbeitgeber sehen nicht mehr ihre Verantwortung, ihren Mitarbeitern vernünftige Löhne zu zahlen, sondern sehen nur noch ihren Kostendruck.“ Das führe auch dazu, dass der DGB stetig auf Mitglieder verzichten muss.

Die Hilfsorganisationen

Die mehr als 150 Jahre alte Geschichte des Roten Kreuzes kann das Ausbleiben neuer Mitglieder nicht beschönigen. Für den DRK-Landesverband Hamburg geht es seit 2003 in der Mitgliederentwicklung kontinuierlich bergab: Von 68.000 auf 50.000 im Jahr 2009 und nunmehr 40.000. Sprecher Rainer Barthel: „Leider sind viele treue Mitglieder verstorben. Dem DRK ergeht es da wie anderen Organisationen, den Kirchen und politischen Parteien: Es ist seit Jahren schwieriger geworden, neue Mitglieder dauerhaft zu gewinnen.“ Viele Menschen engagierten sich heute eher anlassbezogen statt dauerhaft. „Für langfristig ausgerichtete soziale Projekte und den Katastrophenschutz ist dies problematisch, weil sie eine stabile Finanzierung benötigen“, sagt Barthel. Die professionelle Ausbildung ehrenamtlicher Kräfte, Einsatzfahrzeuge sowie Hilfsausrüstung und Hilfsgüter kosten Geld.

Etwas erfreulicher sieht es trotz ebenfalls absteigender Tendenz beim Arbeiter-Samariter-Bund aus. Von einem Tief im Jahr 1993, als der ASB Hamburg nur 25.000 Mitglieder zählte, ging es nur ein Jahr später auf 31.000, im Jahr 2005 auf 60.000, um 2007 im Hoch von 66.700 Mitgliedern zu gipfeln. Aktuell, so die kommentarlose Auskunft des ASB, bewegt sich die Zahl der Unterstützer bei 63.000. Bekanntlich betreibt der ASB durchaus offensive Mitgliederwerbung auf Straßen und Plätzen.

Versöhnlich für Zukunftsforscher Dr. Ulrich Reinhardt sei in diesem Zusammenhang, dass viele Menschen – früher oder später – erkennen, „dass es einfach guttut, sich zu engagieren, mitzumachen und zu helfen“.