Hamburg

Denkmalschützer kritisieren Abriss des Deutschlandhauses

Blick zum Deutschlandhaus vom Gänsemarkt aus. Links im Anschnitt: die Finanzbehörde

Blick zum Deutschlandhaus vom Gänsemarkt aus. Links im Anschnitt: die Finanzbehörde

Foto: Thorsten Ahlf

Erneut werde ohne öffentliche Beteiligung über Abriss und Neubau entschieden. Was das Gebäude am Gänsemarkt so wertvoll macht.

Hamburg.  Gerade erst ist der Gänsemarkt neu gestaltet worden – und das Lessingdenkmal mit großer Sorgfalt an seine ursprüngliche Position versetzt worden. Hat bei dieser Maßnahme der Denkmalschutz noch eine wichtige Rolle gespielt, ist nach Ansicht von Hamburger Denkmalschützern von Respekt vor historischer Bausubstanz bei den neuen Planungen am Gänsemarkt wenig zu spüren.

Wie berichtet, soll das Deutschlandhaus, das seit 1929 mit seiner markanten Backsteinfassade die Silhouette des Platzes prägt, abgerissen und durch einen Entwurf des Stararchitekten Hadi Teherani ersetzt werden. Das Bezirksamt Hamburg-Mitte hat für das Vorhaben einer von der ABG Gruppe geleiteten Objektgesellschaft bereits grünes Licht gegeben. Wie der Entwurf aussieht, wird jedoch noch geheimgehalten.

„Wir beklagen, dass an einer stadtgeschichtlich und denkmalpflegerisch so zentralen Stelle Hamburgs erneut ohne jedwede öffentliche Beteiligung über Abriss und Neubau entschieden wurde“, heißt es in einer Positionierung des Denkmalrates. Dessen Vorsitzende, Elinor Schües, weiß bereits, wie der Neubau aussehen soll. „Ein Koloss mit ordentlich Geschossfläche und gewölbten Dächern, der die Silhouette der Stadt von der Alster aus gesehen nicht zieren wird“, sagt sie.

Ikone des "Neuen Bauens" wurde nie unter Schutz gestellt

Aus Sicht des Denkmalrates sei es ein „böses Versäumnis“, dass das Denkmalschutzamt das Deutschlandhaus, das trotz Kriegsschäden weitgehend unversehrt in seiner Außengestalt sei, nie unter Denkmalschutz gestellt habe. „Die städtebauliche Prägung des Denkmalbereichs Gänsemarkt und die architektonische Korrespondenz zur Finanzbehörde sind wunderbar erhalten“, so Elinor Schües. „Statt diese deutschlandweit bekannte Ikone aus der Epoche des ,Neuen Bauens’ abzureißen, sollte darum gekämpft werden, die verbliebene Substanz zu retten und das Gebäude, zumindest in seiner äußeren Erscheinung, originalgetreu wiederherzustellen.“

In der Kulturbehörde, der das Denkmalschutzamt angegliedert ist, sieht man keine Chance, etwas für das Deutschlandhaus zu tun. „Es gibt keine Handhabe für den Denkmalschutz“, sagt Sprecher Enno Isermann. In den 1970er- und 1980er-Jahren habe es weitreichende Umbauten gegeben – darunter den Abbruch und die Neuerrichtung von Fassaden, die Verlegung des Haupteingangs und eine Aufstockung des Gebäudes.

Vor dem Zweiten Weltkrieg saß hier das größte Kino Europas

Dennoch ist das Deutschlandhaus von einiger Bedeutung. Vor dem Zweiten Weltkrieg war in dem Gebäudekomplex, der sich zwischen Valentinskamp, Dammtorstraße und Drehbahn erstreckt und nach Entwürfen der Architekten Fritz Block und Ernst Hochfeld erbaut wurde, der Ufa-Palast untergebracht – das mit 2667 Plätzen damals größte Kino Europas.

Der Organisation Nexthamburg zufolge, die das Deutschlandhaus in ihre „Rote Liste“ aufgenommen hat, sei zwar dessen Denkmalwert durch die Umbauten gemindert worden, dennoch sei es eines der prägenden Gebäude der Hamburger Innenstadt – „ein Stück Metropolis-Ästhetik, das den Aufbruch in das Großstadtleben der Moderne verkörpert.“

Auch aus Sicht des Architekten Mathias Hein, der erfahren im Umgang mit Denkmälern ist, gehört der Bau in seiner derzeitigen Form zu den „charakteristischen Eigenheiten des Stadtbildes“. „Mit seiner abgerundeten Ecke und der horizontal gegliederten Fassade nimmt das Deutschlandhaus die Kurvendynamik des Standortes auf und ist mit seinen Fensterbändern und den Staffelgeschossen ein typischer Bau aus der Ägide Fritz Schumachers“, so Hein. Mit der gegenüberliegende Finanzbehörde, die aus der selben Zeit stammt, trage das Deutschlandhaus maßgeblich zur Gestaltung des Gänsemarkts bei.

Gebäude entspricht nicht mehr den heutigen Anforderungen

Dass überhaupt jemand auf den Abriss eines so prägenden Gebäudes kommt, schiebt Kristina Sassenscheidt vom Denkmalverein auf den Zeitgeist und die Logik des Immobilienmarktes. „Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft, die gegen alle ökologischen Erkenntnisse auch Gebäude wie Konsumgüter behandelt, mit immer kürzeren Nutzungszyklen. Gebäude, die nicht unter Denkmalschutz stehen, sind dadurch natürlich besonders gefährdet.“

Der Gebäudekomplex entspreche „nicht mehr den heutigen Anforderungen moderner Nutzer und den Standards der Nachhaltigkeit, begründet Bernhard Visker, Geschäftsführer der ABG-Gruppe, die Abrisspläne. Als ehemaliger Vorstand der HSH Nordbank stand der Immobilienentwickler vor einigen Jahren vor Gericht und wurde freigesprochen; das Verfahren wird bald aber erneut aufgerollt. Anstelle des Deutschlandhauses will er einen Gebäudekomplex mit rund 39.000 Qua­dratmetern Bruttogeschossfläche errichten: 5700 Quadratmeter sind für Büros und Einzelhandelsflächen vorgesehen, außerdem sind zum Valentinskamp hin Wohnungen geplant.

Der Neubau müsse sich in seinen Dimensionen und insbesondere in seiner geplanten Dachgestaltung in das städtebauliche Ensemble einpassen, fordert der Denkmalrat. Auch in der Fernsicht müsse er sich der Stadtsilhouette unterordnen und dürfe diese nicht durch eine aufgewölbte gläserne Dachkonstruktion nachhaltig stören.