Hamburg-Finkenwerder

Im neuen Airbus von Hamburg nach New York?

Der A321LR feiert Premiere auf Finkenwerder. Der Jet bietet dem Hamburg Airport Chancen auf neue Langstreckenverbindungen.

Hamburg. Einen echten Hamburger kann schlechtes Wetter bekanntlich nicht schrecken. Es weht eine frische Brise, der Himmel ist trüb, es regnet. Auf der Elbe zieht gerade ein Containerfrachter von Maersk an Finkenwerder vorbei, ein paar Meter weiter auf dem Festland geben die Piloten des A321LR ordentlich Schub. Auf der Startbahn des Werksflughafens von Airbus beschleunigt der neue Jet, hinter ihm spritzt die Gischt hoch. Dann hebt das Flugzeug gen Westen zu seinem Erstflug ab. Nach wenigen Sekunden verschwindet der weiß lackierte Rumpf in den grauen Wolken, zum Abschied leuchtet noch einmal das Blinklicht rot auf.

Strecke Hamburg–New York ist möglich

„Das ist ein spezieller Erstflug, weil wir ein neues Kapitel zu unserer A320-Familie hinzufügen“, sagt Klaus Röwe, Programmchef der A320-Familie. Der A321LR ist das jüngste Mitglied der Bestseller-Gruppe, die rund zur Hälfte in Hamburg gebaut wird. Rund 7600 Maschinen der Familie fliegen bereits, fast 8000 Bestellungen sind noch in den Büchern. Für die Passagiere könnte der Neuzugang eine Reihe von Veränderungen nach sich ziehen. „Wir haben die Reichweite kräftig gesteigert“, sagt Röwe. Statt wie früher 6000 Kilometer schafft die Maschine dank der sparsamen Neo-Triebwerke, den nach oben gebogenen Flügelspitzen (Sharklets) und dreier Zusatztanks nun bis zu 7400 Kilometer nonstop. Dem einstigen Kurz- und Mittelstreckenjet ermöglicht das den Einsatz auf Langstrecken, zum Beispiel bei Transatlantikflügen. Um das zu symbolisieren, prangen auf dem Rumpf des A321LR der Eiffelturm und die Freiheitsstatue. Direktflüge von Paris nach New York sind möglich – aber natürlich auch Strecken von Hamburg aus nach New York oder Chicago.

Direkt angeflogene Fernziele sind vom Helmut-Schmidt-Flughafen dünn gesät. Die weitesten Verbindungen reichen nach Dubai, auf die Kapverden und in den Sommermonaten nach New York-Newark. Im Winter wird diese Verbindung allerdings seit zwei Jahren eingestellt, weil United Airlines den eingesetzten Großraumjet nicht voll bekommt. „Fluggäste fragen diese Punkt-zu-Punkt-Verbindungen immer stärker nach“, sagt der Hamburger Airline-Experte Cord Schellenberg. Sie wollen möglichst direkt aus der Region zu ihrem Fernziel kommen – ohne umzusteigen. „Für Flughäfen der zweiten Reihe bietet sich die Chance, eine Reihe neuer Langstreckenziele in den Flugplan zu bekommen“, sagt Schellenberg. Hamburg könnte also profitieren.

Maschine kann bis zu 240 Passagiere fassen

Luftfahrtfachmann Heinrich Großbongardt pflichtet Schellenberg bei. Die Drehkreuze wie Frankfurt oder London-Heathrow, an denen es kaum noch freie Start- und Landezeiten gibt, könnten so entlastet werden. „Der A321LR ist eine kleine Revolution durch die Kombination aus Reichweite, Kapazität und Betriebskosten“, sagt Großbongardt.

Laut Airbus sollen die Betriebskosten um bis zu 35 Prozent sinken. Die Maschine kann bis zu 240 Passagiere fassen. Der Komfort soll ähnlich hoch sein wie in einem Großraumjet mit breiterem Rumpfdurchschnitt, verspricht Röwe. In den größeren Handgepäckfächern können 60 Prozent mehr Trolleys verstaut werden. Es gibt ein modernes Lichtkonzept – und 18 Zoll (45,72 Zentimeter) breite Sitze stehen für hohen Komfort. Die Konstruktion des Flugzeuges wurde leicht verändert. Bisher befand sich die zweite Tür kurz vor den Tragflächen, nun gibt es statt ihrer zwei Notausgänge über den Flügeln, die dritte Tür wurde vier Sitzreihen nach hinten verlegt. Dadurch gewinnen die Fluggesellschaften mehr Flexibilität bei der Gestaltung des Innenraums.

Bezüglich Reichweite und Passagierzahl stößt Airbus in den Bereich hinein, den Boeing durch das Einstellen der 757 freigab. Im Jahr 2005 lieferte der US-Hersteller das 1050. und letzte Exem­plar an Shanghai Airlines. Bei den Fluggesellschaften ist dieser Typ aber auch heute trotz veralteter Technik sehr beliebt. Der A321LR sei rund eineinhalb Generationen jünger, sagt Großbongardt: „Die Airlines finden den Kleinen für die lange Strecke prima.“ Obwohl die LR-Variante (LR steht für Long ­Range, also große Reichweite) bis gestern noch nie geflogen war, bestellten neun Kunden bereits mehr als 70 Exem­plare. Im vierten Quartal soll der erste Kunde das Flugzeug erhalten.

Zweieinhalb Stunden dauerte der Erstflug

Im vergangenen April begann auf Finkenwerder die Endmontage des Fliegers. Hier wurde vor 26 Jahren schon der erste A321 überhaupt zusammengebaut. Beim Premierenflieger dauert die Fertigung immer länger, doch Programmchef Röwe versichert: Die nächsten A321LR werden im normalen Tempo produziert, das heißt die Mitarbeiter werden rund einen Monat brauchen.

Nach rund zweieinhalb Stunden Flug taucht um 13.26 Uhr der A321LR neben einem Schwarm Vögel wieder am Himmel über Finkenwerder auf. Im Tiefflug geht es über das Werksgelände – eine Hommage an die Mitarbeiter. Zuvor flog Flugnummer AIB877A über Stade und Cuxhaven hinaus auf die Nordsee und drehte dort einige Schleifen. Die zwei Testpiloten und vier Flugtestingenieure gingen an die Limits. Das Verhalten bei höchster und niedrigster Geschwindigkeit, Systeme und Geräuschbelastung wurden gecheckt. Über St. Peter-Ording, Bordesholm und Lübeck ging es dann zurück nach Finkenwerder. Um 13.41 Uhr landet die Maschine. Die Crew in ihren orangefarbenen Overalls steigt aus und winkt. Die Flugtester werden in den nächsten zweieinhalb Monaten viel Arbeit haben. Mehr als 20 Testflüge und mehr als 70 Flugstunden stehen an. Für das erste Mal zeigte sich Kapitän Yann Beaufils gestern aber hochzufrieden: „Das Flugzeug ist wundervoll.“