Handel

In Hamburg werden noch Tausende Lkw-Fahrer gesucht

Thorsten Steinbach (l.) und Daniel Stancke vermitteln mit ihrem Hamburger Unternehmen Jobmatchme Trucker an Speditionen

Thorsten Steinbach (l.) und Daniel Stancke vermitteln mit ihrem Hamburger Unternehmen Jobmatchme Trucker an Speditionen

Foto: Andreas Laible

Der wachsende Onlinehandel und das Ende der Wehrpflicht bereiten der Branche Probleme. Ein Start-up will helfen. Job ist aber stressig.

Hamburg.  Wenn Daniel Stancke und Thorsten Steinbach das Büro ihres Unternehmens im Hamburger Karolinenviertel für einen Termin verlassen, dann ist bisweilen eine Autobahn-Raststätte das Ziel. Die beiden Geschäftsführer wissen zwar vorher nicht ganz genau, wen sie dort treffen werden, klar ist aber, mit wem sie reden wollen: mit Lkw-Fahrern. „Wir trinken Kaffee und unterhalten uns manchmal zwei Stunden über ihren Job. Das sind ausnahmslos sehr nette Gespräche“, erzählt Steinbach.

Was für die Trucker eine willkommene Abwechslung während der vorgeschriebenen Pause darstellt, ist für die Gründer der Firma Jobmatchme Arbeit. Sie wollen herausfinden, was die vielen Männer (und wenigen Frauen), die Waren durchs Land chauffieren, so über ihren Beruf denken. Was ihnen gefällt an dem Job und was nicht. Worüber sie sich aufregen, und was sie glücklich macht – oder wenigstens zufriedener machen würde.

Nachfrage nach Fahrern ist groß

Für Stancke, Steinbach und das mittlerweile gute Dutzend Mitarbeiter des Mitte 2016 gegründeten Unternehmens sind das wichtige Informationen. Letztlich verdienen sie Geld damit. Speditionen und andere Firmen, die Lkw-Fahrer beschäftigen, bezahlen Jobmatchme dafür, dass es ihnen Trucker vorstellt, die einen neuen Arbeitgeber suchen oder sich einen Arbeitsplatzwechsel zumindest vorstellen können – und natürlich gut zum Unternehmen passen.

Erst seit September 2017 ist das Start-up mit seinen Plattformen Truck-Jobs für Fahrer und Truck-Pro für Firmen am Markt, trotzdem hätten sich „bereits mehr als 200 Unternehmen und etwa 10.000 Fahrer bei uns regis­triert“, sagt Stancke. Knapp 500 Euro pro Monat zahlt eine Firma an Job­matchme, damit ihr in der Mindestvertragslaufzeit von einem Vierteljahr neun geeignete Jobkandidaten vorgeschlagen werden. Die Nachfrage ist groß, denn: Lkw-Fahrer werden dringend gesucht, es gibt zu wenige, und dieses Problem wird sich in naher Zukunft noch verschärfen.

„In Deutschland fehlen 45.000 Lkw-Fahrer“, klagte unlängst der Deutsche Speditions- und Logistikverband. Laut einer Umfrage des Hamburger Verbands Straßengüterverkehr und Logistik vom November 2017 waren allein in den gut 70 teilnehmenden Firmen mehrere Hundert Fahrerstellen nicht besetzt. Der Verband kommt zu dem Schluss: „Hochgerechnet auf die gesamte Logistikbranche in Hamburg könnten mehrere Tausend Fahrer zusätzlich beschäftigt werden.“

Die Gründe für den Trucker-Mangel

Der Mangel hat viele Ursachen: Unter anderem wegen des boomenden Onlinehandels wächst die Menge der auf deutschen Straßen transportierten Güter stark, die Zahl der Fahrer aber geht tendenziell zurück. Deutlich mehr als die Hälfte der geschätzt 1,5 Millionen Berufskraftfahrer in Deutschland sind älter als 45 Jahre. Etwa 30.000 bis 50.000 von ihnen gehen jedes Jahr in Ruhestand, aber zu wenig Berufsnachwuchs steigt ein.

Das hat viel mit der Abschaffung der Wehrpflicht im Jahr 2011 zu tun. Bis dahin verließen jedes Jahr Tausende junge Männer die Bundeswehr, die dort den Lkw-Führerschein gemacht hatten. Ein Reservoir, aus dem die Branche gut schöpfen konnte. Wichtiger aber noch: „Lkw-Fahrer ist kein attraktiver Job. Trucker haben oft Termindruck und Stress sowohl im eigenen Unternehmen als auch beim Kunden. Manche sind tage- oder wochenlang weit entfernt von zu Hause. Das Image des Berufs ist schlecht, und vor allem das niedrige Gehalt ist ein Problem“, sagt Professor Kai Hoberg von der Hamburger Kühne Logistics Universität. Er ist einer der Autoren einer aktuellen Studie im Auftrag der Weltbank über den Fachkräftemangel in der globalen Logistikbranche. Eines der Ergebnisse: In Deutschland, Großbritannien und den USA fehlen vor allem Fahrer. Der Mangel könne erhebliche Folgen für die gesamte Wirtschaft haben, so die Studie: „Wenn es in der Logistik hakt, macht sich das schnell auch in anderen Bereichen der Wirtschaft bemerkbar“, heißt es.

Zwar verweisen Branchenvertreter darauf, dass es in den beiden jüngsten Tarifrunden jeweils ein Lohnplus von 2,6 Prozent für Berufskraftfahrer gab. Das Gehalt ist dennoch karg: Bei 2200 bis 2400 Euro brutto im Monat ist oft bereits das Ende der Lohnstaffel erreicht. 3000 Euro sind meist nur mit Zuschlägen für besonders lange Abwesenheit von zu Hause zu erreichen.

Lkw-Fahrer ist kein attraktiver Job

Die vor gut einem Jahr von der Logistik Initiative Hamburg gegründete Initiative Fair Truck analysiert mit entwaffnender Offenheit: „Das Berufsbild des Berufskraftfahrers verliert immer mehr an Attraktivität. Stressige Arbeitsbedingungen und geringe Entlohnung, gepaart mit viel Verantwortung und einem allgemein schlechten Image sind die Ursachen.“ Das Ziel der Initiative, der sich auch die Drogeriemarktkette Budnikowsky und der Hamburger Paketdienstleister Hermes angeschlossen haben, ist es, den Fahrern mehr Wertschätzung entgegenzubringen, ihre Arbeitsbedingungen zu verbessern, sie zufriedener zu machen mit ihrem Job.

Es ist einer von vielen Versuchen, dem Fahrermangel entgegenzuwirken. Die Arbeitsagentur vermittelt regel­mäßig Ausbildungskurse, der Verein Hamburger Spediteure wirbt in Schulen intensiv für eine Ausbildung zum Berufskraftfahrer. Zwar stieg die Zahl der bundesweit geschlossenen Lehrverträge 2017 leicht auf etwa 3600 an, doch die Abbrecherquote ist hoch und die Lücke zwischen Aussteigern und Anfängern bleibt riesig.

Trucker und Unternehmer zusammenbringen

Den Fahrermangel können Daniel Stancke und Thorsten Steinbach nicht lindern, sie wollen aber Unternehmen und Trucker zusammenbringen, die möglichst gut zueinanderpassen. Weil dann die Chance groß ist, dass beide Seiten zufrieden sind und das Arbeitsverhältnis lange hält.

Dafür haben die beiden 39-Jährigen, die als Nachbarsjungs an der Grenze zwischen Sasel und Bramfeld aufwuchsen, gemeinsam Kindergarten und Schule besuchten, ihre Management-Posten bei Volkswagen in Wolfsburg und in der Bonner Zentrale der Deutschen Post aufgegeben.

Stancke, der beim Autobauer VW Vorstandsreferent im Personalressort war, gab den Anstoß. Die Grundidee: Jobmatching, also das passgenaue Zusammenführen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern, für nicht akademische Berufe. Was etwa für Ärzte oder IT-Experten schon verbreitet ist, nun auch für Berufe ohne Hochschulabschluss. „Wir sind unseres Wissens weit und breit der einzige Anbieter“, sagt Stancke. Dass sich Jobmatchme zuerst um die Logistikbranche kümmert, hat einen einfachen Grund: „Der Fachkräftemangel ist am gravierendsten, noch höher als beim Pflegepersonal“, sagt Steinbach.

Zudem gibt es eine hohe Fluktuation bei den Truckern. „Ganz typisch ist, dass sie viele Jahre in einem Unternehmen sind, dann aus irgendwelchen Gründen kündigen. Dann folgt eine Phase, in der die Fahrer oft in mehreren Firmen nur ein paar Wochen oder Monate verweilen, bevor sie einen Arbeitgeber finden, dem sie lange treu bleiben“, weiß Steinbach. Für die Fahrer sei es neben der Höhe des Gehalts also besonders wichtig, dass sie sich bei ihrem Arbeitgeber wohlfühlen. Für die Firmen ist wichtig, dass der Neue lange bleibt, weil Kurzanstellungen hohe Kosten verursachen.

Jobmatchme ist eine Art Partnerbörse der Logistik

Wie aber lässt sich herausfinden, ob Arbeitgeber und Arbeitnehmer zueinanderpassen und eine gute Chance auf einen lange gemeinsame Zukunft haben? Jobmatchme erstellt Profile – und ist damit eine Art Partnerbörse der Logistikbranche. In intensiven Gesprächen finden die Mitarbeiter heraus, was das Unternehmen von Fahrern erwartet und welche Arbeitsbedingungen es ihnen anbietet. Die Wünsche und Vorlieben der Trucker werden ebenso erforscht wie wichtige Persönlichkeitsmerkmale, etwa ihre Risikobereitschaft. Ein von Jobmatchme entwickelter Algorithmus ermittelt dann, welche Fahrer zu welchem Unternehmen besonders gut passen. „Für Gefahrguttransporte etwa wäre eine hohe Risikobereitschaft eher nicht gut, am Steuer eines Schwerlasttransporters sollte man sich dagegen schon ein bisschen was zutrauen“, sagt Stancke.

„Mehr als 1000 Matches“, habe das Start-up seinen Kunden bislang vorgeschlagen. „Etwa 20 bis 25 Prozent der Fahrer werden eingestellt“, sagen die Gründer, und: „Im operativen Bereich trägt sich das Unternehmen selbst.“ Für 2018 wird ein Umsatz im mittleren sechsstelligen Euro-Bereich erwartet.

Das Konzept überzeugt auch Investoren. Derzeit hat Jobmatchme vier sogenannte Business Angels, die sich an dem Unternehmen beteiligt haben und die Gründer beraten. Noch für dieses Jahr ist eine zweite Finanzierungsrunde geplant. Weitere Investoren sollen helfen, das neuartige Personal­portal auf andere europäische Länder auszudehnen. Eine Ausweitung auf andere Branchen mit hohem Fachkräftebedarf ist sehr wahrscheinlich. „Darüber reden wir spätestens im Jahr 2019“, sagt Daniel Stancke.