Lessingtage

Thalia Theater warnt vor Gastspiel im eigenen Haus

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Die Inszenierung "1993" von Julien Gosselin werde "sehr laut und sehr grell". Der Besuch lohnt sich trotzdem.

Was war die Welt zuversichtlich. So verdammt fahrlässig zuversichtlich. Die Mauer war gefallen, der Kalte Krieg beendet, der „ideale Staat“ werde „langfristig die reale Welt beherrschen“. Erreicht sei der „Endpunkt der ideologischen Entwicklung der Menschheit“, liest das Publikum vor Vorstellungsbeginn auf einer Leinwand über der Bühne. Ein Text von Francis Fukuyama, „Das Ende der Geschichte?“ von 1989 und der Beginn des Gastspiels „1993“, das der französische Regisseur Julien Gosselin mit einem jungen, spielwütigen Ensemble am Théâtre National de Strasbourg erarbeitet hat.

Auch das Hamburger Publikum ist auffallend jünger als sonst, das Thalia Theater, das die Inszenierung während der Lessingtage als Deutsche Erstaufführung mit Übertiteln zeigt, hatte einen Rabatt für alle in den 1990er-Jahren Geborenen angeboten.

Körperlich spürbares Theater bei den Lessingtagen

Abhalten ließ sich auch sonst niemand, obwohl gleich dreimal – beim Einlass, an der Garderobe und in der Begrüßung der künstlerischen Betriebsdirektorin – gewarnt wird: es werde sehr laut, sehr grell, mit sehr vielen Stroboskop-Effekten. Im Zweifel bitte Ohren und Augen zuhalten. Aber wer will das schon, im Theater, zumal in dieser treibenden, tatsächlich schwindelerregenden Vorstellung, in der einem das Licht nur so entgegen fliegt, als sause man durch den CERN-Tunnel, als sei man Teil einer wilden Austauschstudentenparty.

Gosselin lässt sein Theater körperlich spürbar werden. Unterlegt mit verfremdeten Eurodance-Beats von 2Unlimited („No Limit“) verdichtet er einen Wendepunkt der Geschichte. Bildmächtig, klug, hochenergetisch und im furiosen Bühnen-Video-Live-Splitscreen konzentriert er ein Europa, das „mehr Geisteszustand als Kontinent“ sei und schlägt Bögen zum „Dschungel von Calais“. „Das Ende der Geschichte“, das war 1993 lange nicht erreicht. Nur die Spitze der Achterbahnfahrt.

Das Festival Lessingtage läuft noch bis 4.2. am Thalia Theater; Programm online

( msch )

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