Erzbistum Hamburg

Schulschließungen: Wut und Trauer vor dem Dom

Gut 150 Schüler und Eltern demonstrierten am Montag vor dem Mariendom

Gut 150 Schüler und Eltern demonstrierten am Montag vor dem Mariendom

Foto: Klaus Bodig / HA

Geplante Schließung von fünf katholischen Schulen sorgt für Entsetzen und Protest bei Eltern und Lehrern.

Hamburg.  Es ist schon dunkel, als sich die ersten Menschen vor dem Dom in St. Georg sammeln. Anfangs stehen 21 Kerzen auf dem Pflaster vor dem Portal – acht rote für jede katholische Schule, die geschlossen werden soll und 13 weiße für die Schulen des Erzbistums, die „überleben“ dürfen.

„Mir ist wichtig, dass wir die Schulen erhalten“, sagt Jutta Spohrer, die die Aktion spontan ins Leben gerufen hat und sie nun jeden Montag um 17.30 Uhr wiederholen will. Ob sie denn noch Hoffnung habe? „Sonst wäre ich nicht hier“, sagt Jutta Spohrer, die selbst vier Kinder an katholischen Schulen hatte, und betont: „Wir sind ja Katholiken und glauben an etwas.“

Gut 150 Menschen singen, beten und protestieren

Währenddessen sind gut 150 Menschen zusammengekommen und entzünden immer mehr Kerzen. Sie singen „Herr, gib uns deinen Frieden“ und beten das Vaterunser. Einige sind wütend über das Vorgehen des Erzbistums, andere haben Tränen in den Augen und sorgen sich um ihre Gemeinden, die eng mit den Schulen verflochten sind.

Kommentar: Unglückliche Katholiken

An der Franz-von-Assisi-Schule in Barmbek-Nord und dem Niels-Stensen-Gymnasium in Harburg sollte gerade die Anmelderunde für das Schuljahr 2018/ 2019 starten, als die Mitteilung aus dem Erzbistum kam, dass sie zu den Schulen gehören, die geschlossen werden, und daher keine neuen Schüler aufnehmen sollen.

Schließung traf Schulen völlig unvorbereitet

„Wir erleben ehemalige Franz-von-Assisi-Schülerinnen, die jetzt weinen, weil wir die Anmeldung ihrer Kinder rückgängig machen müssen“, sagt eine Lehrkraft. Und ein Lehrer vom Niels-Stensen-Gymnasium berichtet: „Wir hatten für vergangenen Freitag unseren Tag der offenen Tür geplant und mussten den vormittags absagen. Viele Eltern kamen trotzdem und waren über die Nachricht, dass ihre Kinder nicht hier eingeschult werden können, entsetzt.“

Die Stimmung in der gesamten Schule sei gedrückt. „Man sieht Lehrern und Schülern an, dass es ihnen nicht gut geht.“ Als die Kollegen am Donnerstagabend von der bevorstehenden Schließung unterrichtet wurden, seien Tränen geflossen. Für Entsetzen habe gesorgt, dass das Bistum es nicht für nötig befunden hat, die Betroffenen persönlich zu informieren. Die Eltern zu informieren sei den Schülern überlassen worden, die „tief betroffen von der Nachricht aus der Schule entlassen werden mussten“.

Nicht alle Schüler können ihren Abschluss machen

Tatsächlich zeigen sich Vertreter des Erzbistums erst jetzt an den Schulen. Am Dienstagabend ist die Franz-von-Assisi-Schule dran. „Dieser Versuch, sich im Nachhinein um Transparenz zu bemühen, ist verhöhnend“, findet die Lehrerin. Die Stadtteilschule müsse trotz steigender Schülerzahlen, dem guten Abschneiden bei Leistungsvergleichen und einem wirtschaftlichen Betrieb jetzt „den Kopf hinhalten für die Misswirtschaft anderer“.

Am Niels-Stensen-Gymnasium ist man „aufs Höchste irritiert“ von der Tatsache, dass vor allem Schulen in sozial schwächeren Stadtteilen von der Schließung betroffen sind. Dass katholische Schulen ihre Angebote vornehmlich für einkommensstärkere Familien vorhielten, entspreche weder dem christlichen Selbstverständnis noch dem, was die katholische Kirche insgesamt propagiere, heißt es in einer Stellungnahme auf der Schul-Homepage.

Dass alle Schüler an den betroffenen Schulen ihren Abschluss machen könnten, wie Generalvikar Ansgar Thim versprochen habe, treffe auf die Schüler des Niels-Stensen-Gymnasiums nicht zu. „Die Jahrgänge fünf bis acht dürfen nur bis zur zehnten Klasse hierbleiben und müssen ihr Abitur woanders machen“, sagt ein Lehrer.

Zweifel an Glaubwürdigkeit des Gutachtens

Offenbar herrschen an manchen Schulen Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Gutachtens von Ernst & Young. Die Unternehmensberatung gibt als einen Grund für die aktuelle Überschuldung des Erzbistums mit 79 Millionen Euro unter anderem einen hohen Investitionsstau an den Schulen an. Die Gesamtelternvertretung der katholischen Schulen kritisiert, dass das Erzbistum die „umfangreichen Ressourcen und qualitativen Kompetenzen“ der Eltern – sprich: Geld und Know-how – nicht nachgefragt habe. Auch andere alternative Finanzierungskonzepte seien wahrscheinlich nicht ausgelotet worden.

Auf Abendblatt-Nachfrage, ob Spenden oder Crowdfounding in Erwägung gezogen wurden, erklärt das Erzbistum: „Ja, verschiedene kostenmindernde Maßnahmen wurden intensiv in den Blick genommen.“ Der Instandsetzungsbedarf sei jedoch darüber seriös und belastbar nicht zu finanzieren.

Auch an den von Ernst&Young aufgeführten hohen Pensionslasten wird an den Schulen gezweifelt. „Unser Kollegium wurde in dem Gutachten mit 29 Lehrern und zwei Pädagogen angegeben, tatsächlich sind wir aber 22 Lehrer und drei Pädagogen“, sagt die Lehrerin der Franz-von-Assisi-Schule.

Fünf Schulen werden geschlossen – drei weitere auf de r Kippe

Wie berichtet, will das hoch verschuldete Erzbistum fünf seiner 21 Schulen in Hamburg schließen: die Domschule in St. Georg (Grund- und Stadtteilschule), die Franz-von Assisi-Schule in Barmbek (Stadtteilschule), das Niels-Stensen-Gymnasium in Harburg, die Grundschule St. Marien in Ottensen sowie die katholische Grund- und Stadtteilschule Altona.

Zudem stehen die Sophien-Grundschule in Barmbek sowie die katholischen Grund- und Stadtteilschulen in Harburg und Neugraben auf der Kippe. Insgesamt könnten die katholischen Schulen bis zu 2900 Schüler verlieren – knapp ein Drittel ihrer Schülerschaft.