Neustadt

Immer mehr Erwachsene tragen Zahnspange

Das Geschäft der Kieferorthopäden boomt. Was lange Jugendlichen vorbehalten war, ist zum Trend für Ältere geworden – und nicht billig

Neustadt. Christian Wohler (Name auf Wunsch geändert) sitzt beim Kieferorthopäden in den Colonnaden im Wartezimmer. Sein Blick wandert über die Wände. An einer Seite hängt ein beleuchtetes Bild von den Alpen, über der rot gepolsterten Sitzbank stapeln sich Holzblöcke übereinander. Es riecht nicht wie in einer Arztpraxis. Eher wie in einer Berghütte. Der 46 Jahre alte Musiker lächelt, als ihn eine Helferin zur Kontrolle in den Behandlungsraum bittet. Auf den ersten Blick würde niemand vermuten, dass der Bassist einer erfolgreichen Hamburger Rockband eine Zahnspange trägt.

Fest steht: Immer mehr Erwachsene lassen die Fehlstellungen ihrer Zähne durch Spangen korrigieren. Das Geschäft boomt. Was vor einiger Zeit noch Kindern und Jugendlichen vorbehalten war, ist längst auch im höheren Alter zum Trend geworden. „In den vergangenen Jahren haben die Menschen immer mehr Zahnbewusstsein entwickelt“, sagt Kieferorthopädin Luzie Braun-Durlak. Gemeinsam mit ihrem Mann Claus Durlak führt die 46-Jährige die älteste kieferorthopädische Praxis Hamburgs (Gründung vor 64 Jahren) und die einzige mit einer separaten Erwachsenen­abteilung. „Die Behandlungen sind komplexer und die Ansprüche anders gelagert als von Kindern“, sagt Braun-Durlak. Die Fachärztin kommt ursprünglich von der schwäbischen Alb in der Nähe von Stuttgart – kein Wunder, dass die Inneneinrichtung der Praxis den Charme einer Berghütte versprüht. Sie betreut in der laufenden Behandlung mehrere 100 Patienten. „Wie viele genau, habe ich nicht gezählt.“

Bei Erwachsenen werden in den meisten Fällen andere Methoden angewandt als bei Minderjährigen. Die Zahnspangen sollen so wenig sichtbar wie möglich sein. Eine typische Klammer für Jugendliche hingegen ist fest auf den Zähnen verklebt. Kleine Metallplättchen werden außen auf der Oberfläche befestigt und mit Drähten fixiert. Ein Kieferorthopäde kann die sogenannten Brackets mit der Lingualtechnik allerdings auch auf die Zahninnenseite kleben­. Der Vorteil: Die Spange ist quasi unsichtbar. Der Nachteil: Weil die Zunge immer wieder an das Metall stößt, lispeln die Träger anfangs. Hinzu kommt, dass eine feste Apparatur schwer zu reinigen ist.

Eine andere Möglichkeit ist die herausnehmbare Zahnspange. Bei Erwachsenen wächst die Beliebtheit von Invisalign. Die durchsichtige Schiene kann bei jeder Mahlzeit und beim Zähneputzen aus dem Mund herausgenommen werden. Alle ein bis zwei Wochen müssen Patienten sie selbstständig wechseln. Jede Schiene sorgt dabei für eine Zahnbewegung von 0,2 Millimetern. „Es ist die komfortabelste Methode“, sagt Braun-Durlak. Aber das sei für sie nicht entscheidend bei der Auswahl. „Die Kunst ist es, zu wissen, welche Spange für den Patienten die richtige ist.“

Für Invisalign hat sich auch Christian Wohler entschieden. Der Familienvater hält nach der Behandlung eine Plastikpalette mit neuen Schienen in den Händen. „Ich wollte in meinem Alter keine feste Zahnspange mehr tragen“, erzählt er. Deswegen habe er die lose, kaum sichtbare Variante gewählt. Doch nicht nur ästhetische Gründe machten einen medizinischen Eingriff bei Wohler unumgänglich. Mit einem nach vorne verschobenen Zahn hat er sich beim Essen auf die Lippe gebissen. Der Querschläger wurde gezogen. Seit über einem Jahr trägt er nun eine Schiene, um die Lücke zu schließen.

„Niemandem in meinem Bekanntenkreis ist die Spange aufgefallen“, sagt Wohler und zeigt mit einem breiten Grinsen seine Zahnreihen. Er habe sogar ein paar Kilogramm abgenommen, weil die kleinen Mahlzeiten zwischendurch wegfallen. „Ich esse definitiv weniger“, sagt er. Bis zum Sommer sollen die Zähne des Musikers an die gewünschte Position gewandert sein. Für die Behandlung zahlt er mehr als 6000 Euro. „Das gönne ich mir. Es ist Luxus, aber ich bin einfach glücklicher.“

Wer sich die Lingualtechnik an zwei Kiefern über drei Jahre leistet, muss mit Kosten von bis zu 12.000 Euro rechnen. Je schwerwiegender die Fehlstellung ist, desto länger dauert die Behandlung, und desto teurer wird sie. Für Invisalign zahlt der Patient je nach Aufwand zwischen 3000 und 8000 Euro. „Es sind Hightech-Methoden. Das Labor, in dem die Zahnspangen hergestellt werden, sieht aus wie bei der Nasa“, sagt Kieferorthopädin Braun-Durlak.

Gesetzliche Krankenkassen tragen Kosten meist nicht

Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten für Erwachsene meist nicht – es sei denn, der Behandlung ist ein operativer Eingriff vorausgegangen. „Eine Leistungspflicht der Krankenkassen ist nur dann gegeben, wenn eine schwere Kieferanomalie vorliegt“, sagt Landessprecher Torsten Nowak von der Barmer Krankenkasse. Der Aufwand ist nur bis zu einem Alter von 18 Jahren gedeckt. Zahlen, wie viele Erwachsene sich eine Zahnspange leisten, lassen sich deshalb kaum ermitteln. 2016 wurden bei der Barmer 444 kieferorthopädische Behandlungen mit einer notwendigen Operation von Erwachsenen eingereicht.

„Ordentliche Zähne gehören zur ästhetischen Grundausstattung dazu“, sagt Braun-Durlak, die sich wegen eines abgebrochenen Zahns selbst von ihrem Mann hat behandeln lassen. Allerdings würden sich viele Korrekturen auf die Frontzähne, die sogenannten Social Six, beschränken. „Das ist ein katastrophaler Schönheitstrend, der langfristige Schäden zur Folge haben kann. Ich habe als Kieferorthopäde Verantwortung bis zum letzten Zahn“, warnt sie. Mit einem speziellen Computerprogramm zeigt sie auf einem Bildschirm Vorher-nachher-Bilder ihrer Patienten. Die Unterschiede sind enorm. Ganz unterschiedliche Menschen suchen ihre Praxis auf. Denn: Auch Rockstars tragen Zahnspangen.