Persönlich

Sprechstunde im U-Bahn-Kiosk

Autor Christoph Busch sammelt Geschichten von Fahrgästen. Jeder kann mit ihm reden – und sich vielleicht anonym in einem Buch wiederfinden

Eimsbüttel.  In dem nur wenige Quadratmeter großen Glaskasten in der U-Bahn-Station Emilienstraße wurden bis vor Kurzem noch Kaffee, Zigaretten und Gummibärchen verkauft. Kaffee gibt es hier immer noch, allerdings gratis. Und es gibt noch etwas viel Kostbareres: Zeit zum Zuhören.

Während die Züge der Linie U 2 wochentags im Fünf-Minuten-Takt zwischen Billstedt und Niendorf pendeln und die Fahrgäste die meiste Zeit auf ihre Smartphones statt in die Augen ihres Gegenübers gucken, bietet Christoph Busch das direkte persönliche Gespräch an.

„Ich höre Ihnen zu. Jetzt gleich. Oder ein anderes Mal“ steht auf einem der Plakate, die am Glaskasten mitten auf dem grün gekachelten Bahnsteig angeschlagen sind. Darunter: Handynummer, E-Mail-Adresse, Postanschrift und ein großes gezeichnetes Ohr. Und: „Kostenlos“. Wenn die rote Fahne draußen hängt, ist der Erzählkiosk besetzt.

„Hab leider viel um die Ohren, aber danke“, hat ein Scherzkeks auf eines der Plakate geschrieben; ein anderer: „Wozu das Ganze?“ Christoph Busch (71) ist „Das Ohr“. Vor zehn Tagen hat sich der freiberufliche Drehbuchautor, der von Geburt an auf dem rechten Ohr taub ist, in dem ehemaligen Kiosk eine Wohnzimmeratmosphäre geschaffen. Mit Gardinen, Fotografien an den Wänden, Obstteller, einer Kaffeemaschine auf der kleinen Spüle und konstanten 16,5 Grad Celsius, erzeugt durch zwei kleine Heizlüfter. Nicht ganz so gemütlich wie im heimischen Wohnzimmer seiner Eimsbütteler Wohnung, aber „mittlerweile fühle ich mich hier sehr wohl. Die U-Bahn-Station hat nichts von einer Unterwelt“, sagt Busch.

Immer wieder bitten Fahrgäste ihn um Fahrplanauskünfte

Eigentlich wollte er an diesem Ort an einer Idee für ein Drehbuch arbeiten, der Laptop ist betriebsbereit. Doch zum Schreiben kommt der Autor nicht. Immer wieder gucken Passanten neugierig durch das Sprechfenster, klopfen an und wollen erst mal wissen, wer und was sich hinter dem „Ohr“ verbirgt. Ist der freundliche Herr mit Brille und grauen Haaren nun Kioskbesitzer, der gerade renoviert, oder ist er ein Mitarbeiter der Hamburger Hochbahn AG, der Reisenden Fahrplanauskünfte erteilt? „Mir wurde prophezeit, dass dies öfter vorkommen würde und sich dann die Leute irgendwann bei der Hochbahn über meine Unkenntnis beschweren“, sagt Busch schmunzelnd. Damit kann er gut leben.

Oft sind es kurze Begegnungen am Schalter; manchmal dauert ein Gespräch aber auch zwei Stunden. Gerade ist Zemma zu Besuch. Die Gebärdendolmetscherin gehörte zu den ersten Besucherinnen von Buschs Erzählkiosk. „Ich habe früher am Kiosk meinen Kaffee und mein Franzbrötchen gekauft und die Entwicklung fast täglich begleitet. Ich finde die Idee schön, etwas mit anderen Menschen zu teilen.“ Zusammen mit ihrem neun Jahre alten Sohn schenkte sie Christoph Busch ein Notizheft – zum Einzug sozusagen. Das könne er doch sicherlich gut gebrauchen.

In der Tat macht Busch sich während des Gesprächs Notizen, ein Tonbandgerät zeichnet parallel auf. Auch das Quietschen der weißen Plastikstühle, auf denen sich die Gesprächspartner gegenübersitzen, gebeugt über Tassen mit dampfendem Kaffee und Schokoladenkeksen. Die Themen: Glück und Unglück im Leben, Glaube und Spiritualität, Familie, Beruf.

Sein Fazit nach der Anfangsphase: „Jeder Mensch hat eine Geschichte zu erzählen. Und wer keine Gefühle hat, der lernt sie hier. Das ist eine richtige Gefühlskiste.“ Nicht nur für die Erzählenden, auch für ihn. „Ich entwickle mich persönlich weiter.“

Als Busch sich bei der Hochbahn AG auf den Aushang „Zu vermieten“ mit seiner Idee meldete, zeigte man sich schnell aufgeschlossen und einigte sich auf eine kleine monatliche Miete. Mit der Immobilienverwaltung schloss er einen sechsmonatigen Mietvertrag.

Was danach passiert? „Mal sehen. Wahrscheinlich bin ich nach einem halben Jahr randvoll mit Geschichten, die ich erst einmal abarbeiten muss.“ Vielleicht in einem Buch. Vielleicht auch nicht. Busch verdient nichts mit seinem Erzählkiosk. Dass er seine Dienste kostenlos anbietet, könnten viele nicht begreifen – in einer durch und durch kommerziellen Welt.

Hilflos fühlt sich der neue Kioskbetreiber manchmal, denn es sind bei Weitem nicht nur glückliche Episoden aus dem Leben der anderen. Manchen Gästen empfiehlt er, ihre Geschichte aufzuschreiben. Er sei Gesprächspartner „zwischen Amt und Therapeut. Die Menschen vertrauen mir. Sie wissen, dass ich ihnen nichts Böses will und ihre Geschichten anonym behandele. Mir ist schon bewusst, dass ich hier eine Verantwortung trage“, sagt der 71-Jährige mit sanfter Stimme und wird sogleich aus seiner Nachdenklichkeit gerissen.

„Können Sie mir sagen, mit welchem Bus ich vom Berliner Tor zum Ausschläger Weg komme?“, fragt eine Dame am Schalter. Christoph Busch hat ein Ohr für alte und kranke Menschen. Für Menschen, die mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert sind. Oder die den Verlust eines Partners betrauern. Er ist das Ohr von Eimsbüttel. Aber dieser Dame am Schalter steht er ratlos gegenüber: Er antwortet ihr, allerdings sehr freundlich: „Es tut mir leid, dass ich Ihnen nicht helfen kann. Aber ich wohne hier nur.“

Christoph Busch ist wochentags meist von 9.30 bis 15 Uhr anzutreffen. Interessenten können sich unter 0151 52910079 oder per E-Mail (das-ohr@gmx.de) mit ihm verabreden.