Erlebnisübernachtungen

Hamburgerin erfindet das rollende Hotelzimmer

Karen Löhnert und ihr Sleeperoo: Ein Zwölf-Kubikmeter-Würfel auf Rädern aus glasfaserverstärktem Kunststoff mit drei verschließbaren Panoramafenstern und durchsichtigem Dach

Karen Löhnert und ihr Sleeperoo: Ein Zwölf-Kubikmeter-Würfel auf Rädern aus glasfaserverstärktem Kunststoff mit drei verschließbaren Panoramafenstern und durchsichtigem Dach

Foto: Roland Magunia / HA

Karen Löhnert entwickelt Schlafwürfel auf Rädern für Erlebnisübernachtungen an ungewöhnlichen Orten. Die ersten Gäste sind begeistert.

Hamburg.  Welche Nacht die schönste war? Karen Löhnert überlegt einen Moment. War es die unter dem mächtigen Turm der Marienkirche in Wismar, als sie nach dem Aufwachen durch das transparente Dach ihres Schlafwürfels Sleeperoo den Turmfalken fliegen sah, oder die im Kreuzfahrtterminal am Norwegenkai in Kiel? „Nein, es war doch auf Burg Wredenhagen“, sagt Löhnert dann. So traumhaft habe sie inmitten der jahrhundertealten Ruine im Mecklenburgischen geschlafen, dass die Entspannung mehre­-­ren Urlaubstagen gleichkam. Noch sind Abenteuernächte in dem knapp sechs Quadratmeter großen Schlafzimmer auf Rädern der Testfall. Ab Sommer soll es richtig losgehen mit den Pop-up-Übernachtungen an Orten, deren Reiz darin liegt, dass dort sonst nie jemand schläft.

Ausstieg für eine Nacht

„Wir bieten einen Ausstieg für eine Nacht“, sagt Schlafwürfel-Erfinderin Löhnert, die schon an unterschiedlichen Positionen in der Tourismusbranche gearbeitet hat. Zuletzt als Geschäftsführerin des Landesverbands des Deutschen Jugendherbergswerks Mecklenburg-Vorpommern. Dort machte sie Erfahrungen mit besonderen Beherbergungsmöglichkeiten, baute auf dem Gelände der Jugendherberge Beckerwitz Design-baumhäuser. Daraus entstand 2015 die Gründungsidee für Sleeperoo. „Eventübernachtungen boomen“, sagt die Hamburgerin in ihrem Büro in einem Gewerbegebiet in Hamm mit Blick auf die Bille. Weltweit konkurrieren Anbieter, die Nächte auf dem Hafenkran, im Iglo, im Gefängnis oder in Kanalrohren offerieren. „Wir wollten etwas Innovatives machen, was es so noch nicht gibt“, erklärt sie ihre Geschäftsidee.

Komfortabel und nachhaltig

Entworfen hat die außergewöhnliche Schlafstatt das Schweriner Design-studio Langefreunde nach Löhnerts Vorgaben. „Die Herausforderung war“, sagt sie, „dass man sich drinnen sicher und geborgen fühlen soll und zugleich das Maximum des Ortes draußen erlebt.“ Den Prototyp des Sleeperoos ließen sie und Mitgründerin Ramona Ra­dike vom Bremer Unternehmen Green Boats bauen. Heraus gekommen ist ein Zwölf-Kubikmeter-Würfel auf Rädern aus glasfaserverstärktem Kunststoff mit Korkkern und abgerundeten Ecken, drei (verschließbaren) Panoramfenstern und durchsichtigem Dach.

Er lässt sich aus acht Teilen in einem Steckprinzip in einer Stunde zusammen- und auch wieder auseinanderbauen. Auf einer hölzernen Bodenplatte liegt eine große Doppelmatratze samt Bettwäsche. Am Kopfende gibt es einen schmalen Schrank. „Komfortabel und nachhaltig“, sagt die 55-Jährige, sollte der Designer-Cube sein. Der Name Sleeperoo, ein Kunstwort, leitet sich von dem englischen „sleep“ (schlafen) und „roo“ (Känguru, gemeint ist vor allem der Beutel) ab.

Mehr als ein Jahr hat der Entwicklungsprozess gedauert. Etwa 250.000 Euro hat die Gründerin, die selbst gerne Nächte an ungewöhnlichen Orten verbringt, in ihr Projekt gesteckt. Im Sommer soll die erste Serie mit 15 Schlafwürfeln fertig sein, bis Ende des Jahres 25 weitere. Der Betrieb funktioniert wie bei der Ferienhaus-Vermietung.

Gebucht wird online über die Sleeperoo-Homepage, vor Ort sind sogenannte Hosts für Übergabe, Sauberkeit und frische Bettwäsche zuständig. Von Mitte März an sollen die ersten außergewöhnlichen Nächte buchbar sein. Die Kosten liegen je nach Ort zwischen 100 und 200 Euro für bis zu drei Personen, enthalten ist ein sogenanntes Chillpack mit Getränken, Knabbersachen, Ohrstöpseln und Einhorn-Kondom.

Jetzt ist Löhnert auf der Suche nach Kooperationspartnern und besonderen Plätzen, wo sie ihre Sleeperoos aufstellen kann. Voraussetzung ist eine Stellfläche von zwei mal drei Metern und eine fußläufig erreichbare Toilette und Waschmöglichkeit. Mit dem FC St. Pauli hat sie schon über Nächte im Stadion gesprochen.

Vor allem positive Reaktionen

„Ich hätte auch gerne etwas an der Alster, an der Elbe und mit Hafen-Feeling“, sagt Löhnert und kann sich auch die Plaza der Elbphilharmonie als einen ganz besonderen Schlafort vorstellen. Erste Partnerschaften im norddeutschen Raum sind inzwischen schon geschlossen. Details will die Firmenchefin aber noch nicht nennen. Wo und wie was möglich ist, wird sich zeigen. „Es gibt unterschiedliche Reaktionen. Entweder die Entscheider verstehen das Konzept sofort und sind begeistert“, sagt Löhnert. Sie nennt sie „Möglich­macher“. „Die anderen sehen immer nur die Risiken.“

Nach den ersten Testläufen im vergangenen Jahr gab es vor allem positive Reaktionen. Nicht nur die Übernachtungsgäste äußerten sich in den Befragungen angetan. „Dank der begeisterten Sleeperoo-Gäste haben wir unsere Burgruine ganz neu in Szene gesetzt und jede Menge Aufmerksamkeit in den sozialen Medien erhalten, die wir sonst nie so bekommen hätten“, sagt etwa Petra Weidel, Vorstandsmitglied vom Burgverein Wredenhagen. Auch Björn Willrodt, Projektmanager der Port Event Kiel GmbH, ist von den Schlafwürfeln angetan. „Cube meets cruise – es war sehr spannend für uns, mit dem Sleeperoo das Norwegen Cruise Terminal ganz neu zu inszenieren.“

Nachts im Museum

In den nächsten Wochen läuft der Testbetrieb weiter. Probeschlafen kann man dann, fast wie im Kino, auch nachts im Museum. Von Ende Januar an steht der Schlafwürfel für einen Monat im phanTechnikum, dem mecklenburg-vorpommerischen Landesmuseum für Technik in Wismar. Testschlafen ist je nach Tag gegen eine Aufwandsentschädigung ab 5 Euro möglich. Danach kann man eine Nacht im Erlebnis-Schwimmbad FehMare auf Fehmarn verbringen – natürlich mit exklusiver Badnutzung.

Klar, dass Gründerin Karen Löhnert die erste Nacht im Museum in ihrem Würfel schlafen will. „Darauf freue ich mich schon“, sagt die Übernachtungs­expertin. Der Sleeperoo wird in der Lufthalle stehen. Durch das Dach lassen sich beim Aufwachen Flugmodelle aus unterschiedlichen Zeiten betrachten, auch der Gleitflieger des gebürtigen Vorpommern Otto Lilienthal aus dem Jahr 1891. Mal ein anderer Blickwinkel.