Kino

Regisseur François Ozon: „Mein Film hat verstört“

Marine Vacth als Chloé und Jérémie Renier als Paul/Louis in einer Szene des Ozon-Films „Der andere Liebhaber“

Marine Vacth als Chloé und Jérémie Renier als Paul/Louis in einer Szene des Ozon-Films „Der andere Liebhaber“

Foto: Jean-Claude Moireau / dpa

Will man Kino für alle, muss man US-Filme sehen, findet der französische Regisseur. Ein Gespräch über Ideen, Vorbilder und Hamburg.

Hamburg. Immer wieder sind es außergewöhnliche Frauenfiguren, die François Ozon, Gewinner des Europäischen Filmpreises und des Douglas-Sirk-Preises, in seinen Filmen wie „8 Frauen“ oder „Swimming Pool“ schafft. In „Der andere Liebhaber“, der an diesem Donnerstag in die deutschen Kinos kommt, erzählt der französische Regisseur von Chloé (Marine Vacth), die mit ihrem Psychotherapeuten Paul (Jérémie Renier) zusammenzieht, weil sie ihn liebt. Gleichzeitig fühlt sie sich zu dessen Zwillingsbruder hingezogen, der zwar auch Psychotherapeut, charakterlich aber so ziemlich das genaue Gegenteil von Paul ist. Das klassische Doppelgänger-Motiv bietet eine Menge Möglichkeiten für Verwirrungen und Missverständnisse.

Zwillinge scheinen eine besondere Anziehung auf Sie auszuüben. Sie haben gesagt, Sie möchten sie „monströs“ und „kraftvoll“ darstellen.

François Ozon: Das Thema hat mich immer fasziniert, vielleicht auch, weil ich keinen Zwillingsbruder habe. Aber immer wenn ich Zwillinge treffe, befrage ich sie zu ihrem allgemeinen und besonders zu ihrem Liebesleben. Als ich dann den Roman „Der Andere“ von Joyce Carol Oates entdeckt habe, dachte ich, das passt doch.

Sie verfilmen ohnehin ganz gern Literatur. Ist Ihr Verhältnis zur Vorlage dabei immer gleich, oder gibt es große Unterschiede?

Ozon: Das variiert von Film zu Film. Ich habe von Anfang an begriffen, dass eine filmische Adaption immer ein Verrat ist. Die Filmsprache unterscheidet sich so stark von der literarischen, dass man sich beim Übersetzen viele Freiheiten herausnehmen muss, weil die Zuschauer im Kino anders berührt werden.

Sie stellen in diesem Film auch eine psychoanalytische Sitzung dar. Haben Sie damit eigene Erfahrungen gemacht?

Ozon: Es war eine Herausforderung, den Zuschauern so eine Situation nahezubringen, denn so eine Sitzung ist ja eine sehr unfilmische Situation, sehr wortreich, aber bewegungsarm. Es hat Spaß gemacht, das mit der Kamera aufzulösen und die Zuschauer mit einzubeziehen.

François Ozon

Trotzdem gelingt Ihnen das nicht mit allen Zuschauern. Ihr Film polarisiert. Ist das ein Fehler oder gewollt?

Ozon: Mein vorheriger Film „Frantz“ hat wesentlich mehr den Massengeschmack getroffen. Ich hatte danach Lust, einen Film zu machen, der mehr polarisiert, herausfordert, provoziert. Es ist schließlich auch meine Aufgabe als Künstler, mal gegen den Strich zu bürsten und vielleicht auch dorthin zu gehen, wo es wehtun kann. Wenn man Filme sehen will, die allen gefallen sollen, muss man amerikanische Filme gucken.

Was kann man über die Mütter in diesem Film sagen?

Ozon: Sie sind alle Monster. Die Mutterschaft ist in diesem Film ein Kernthema. Ein Kind auszutragen ist doch etwas Faszinierendes. Das man einen parasitären Zwilling in sich tragen kann, hat dagegen etwas Monströses. Vielleicht bin ich aber auch nur deshalb so sehr davon fasziniert, weil ich ein Mann bin.

Dieser Film hat in Cannes seine Premiere erlebt. Ist das der beste Ort, um ihn der Öffentlichkeit vorzustellen?

Ozon: Ich wusste, dass er Widersprüche hervorrufen würde. Er hat ja auch einen gewissen skandalösen Anteil. Cannes ist eigentlich immer eine ideale Leinwand, weil man dort sicher Aufsehen erregt. Durch den Start dort ist er auch in viele Länder verkauft worden. Danach ist es dann das Wichtigste, dass Leute den Film verteidigen. Es ist aber auch gefährlich für Regisseure, nach Cannes zu gehen. Wenn man dort schon bekannt und beliebt ist, steigt die Erwartungshaltung. Wenn man die nicht erfüllt, kann das ein großes Risiko sein. Dieser Film hat dort verstört.

Sie sind sehr fleißig und haben schon in vielen Genres gearbeitet. Gehen Sie systematisch vor, oder ergibt sich das?

Ozon: Ich habe keinen Karriereplan. Eigentlich interessiere ich mich auch nicht für Genres, sondern nur für die Geschichten. Wenn eine mich interessiert, will ich sie erzählen. Erst dann entscheidet sich, in welchem Genre ich sie am besten erzählen kann. Hier hatte ich Lust, mit den Regeln des Thrillers, der Komödie und des Horrorfilms zu spielen.

Wie viele nächste Filme haben Sie im Kopf?

Ozon: Ideen habe ich viele im Kopf, aber konkret arbeite ich nur an einem Drehbuch, es ist sehr weit. Ich verfolge nicht mehrere Projekte gleichzeitig, sondern lasse die Ideen in mir arbeiten. Diesen Film wollte ich eigentlich schon vor fünf Jahren drehen, habe aber damals die Rechte an dem Buch nicht bekommen. In der Wartezeit habe ich „Frantz“ gedreht. Manchmal dauert es ziemlich lange, bis aus einer Idee ein Film wird.

Sie haben hier in Hamburg den Douglas-Sirk-Preis gewonnen. Bestimmt das Ihre Erinnerungen an diese Stadt?

Ozon: Nein, denn Hamburg ist überhaupt die erste deutsche Stadt, die ich kennengelernt habe. Meine Eltern hatten hier deutsche Freunde. Auch ich hatte lange einen deutschen Brieffreund.

Den letzten Hamburger Douglas-Sirk-Preis hat Wim Wenders bekommen. Verbindet Sie mit dem Kollegen mehr als die gemeinsame Auszeichnung?

Ozon: Was glauben Sie?

Wenig.

Ozon: Richtig. Als ich Filmstudent war, gab es zwei deutsche Schulen: die von Wenders und die von Fassbinder. Ich gehörte zur Fassbinder-Schule. Er ist in Deutschland geblieben, hat sich immer mit diesem Land beschäftigt, mit seiner Politik und Geschichte. Daraus hat er sein Werk geschaffen, das hat mich mehr berührt. Für Wenders empfinde ich großen Respekt, besonders für seine frühen Filme. Aber er ist nach Amerika gegangen und dreht seitdem mehr Filme über das Weggehen, das Fliehen, das Exil, das Fremdsein.

Könnten Sie sich nicht vorstellen, dauerhaft im Ausland Filme zu machen?

Ozon: Ich habe ja „Angel“ in Großbritannien gemacht, ein Riesenflop. „Frantz“ habe ich in Deutschland gedreht. Aber der erzählt aus einer französischen Perspektive. Es ist schwierig, wenn ein Regisseur ins Ausland geht und seine Grundierung verliert. Es ist großartig, dass die deutschen und österreichischen Exilanten in Hollywood, Ernst Lubitsch, Billy Wilder, Fritz Lang und Douglas Sirk, es geschafft haben, dort einen Teil ihrer Identität zu bewahren.

Die Debatte um #Metoo geht in immer weitere Runden, auch und gerade in Frankreich. Wie bewerten Sie das? Sehen Sie Harvey Weinstein als Ausnahme, oder ist die Branche so?

Ozon: Er war der Baum, der verhindert hat, dass man den Wald dahinter sieht. Ich finde es gut, dass diese vielen Frauen jetzt sagen, was angeblich passiert ist. Man muss das wohl nicht auf den Arbeitsbereich Kino beschränken. In der Wirtschaft, in der Politik, wir hatten ja in Frankreich auch den Fall von Dominique Strauss-Kahn. Überall, wo es um Macht geht, sind genau diese Strukturen vorhanden.

Der Film startet morgen zunächst in den Hamburger Kinos 3001 und Blankeneser Kino.