Tarifverhandlungen

DGB fordert mehr Lohn für 300.000 Hamburger

Von links: die Hamburger Gewerkschaftschefs Gerhard Kirsch (Polizei),
Silke Kettner (Nahrung, Genuss, Gaststätten), Frank Maur
(Eisenbahn), Ina Morgenroth (IG Metall), Katja Karger (DGB),
Berthold Bose (Ver.di), Anja Bensinger-Stolze (Erziehung und Wissenschaft),
Jan Koltze (Bergbau, Chemie, Energie) und Matthias
Maurer (Bauen, Agrar Umwelt) an der Feuertonne vor dem Gewerkschaftshaus
am Besenbinderhof. In diesem Jahr handeln Gewerkschaften
und Arbeitgeber die Tarifverträge für jeden dritten
Beschäftigten in Hamburg neu aus

Von links: die Hamburger Gewerkschaftschefs Gerhard Kirsch (Polizei), Silke Kettner (Nahrung, Genuss, Gaststätten), Frank Maur (Eisenbahn), Ina Morgenroth (IG Metall), Katja Karger (DGB), Berthold Bose (Ver.di), Anja Bensinger-Stolze (Erziehung und Wissenschaft), Jan Koltze (Bergbau, Chemie, Energie) und Matthias Maurer (Bauen, Agrar Umwelt) an der Feuertonne vor dem Gewerkschaftshaus am Besenbinderhof. In diesem Jahr handeln Gewerkschaften und Arbeitgeber die Tarifverträge für jeden dritten Beschäftigten in Hamburg neu aus

Foto: Klaus Bodig / HA

Gewerkschaften wollen in Tarifverhandlungen 2018 bis zu sechs Prozent Gehaltsplus und das Recht auf flexiblere Arbeitszeiten erkämpfen.

Hamburg.  Es ist ein Bild mit Seltenheitswert: Hamburgs DGB-Chefin Katja Karger gemeinsam mit den Vorsitzenden aller acht Hamburger Einzelgewerkschaften im Deutschen Gewerkschaftsbund, versammelt um eine Feuertonne, aus der Flammen schlagen. Es soll auch ein Bild mit hohem Symbolgehalt sein, ein Bild, das sagt: Bei den Tarifverhandlungen in diesem Jahr für mehr als 300.000 Beschäftigte in der Hansestadt wollen die Gewerkschaften hohe Forderungen stellen, hart verhandeln und dafür notfalls auch streiken. „Viele Mitglieder sind auf der Zinne, insbesondere die Arbeitszeit ist für sie ein wichtiges Thema“, sagt Katja Karger.

Die DGB-Chefin sieht zwei große Themen, die in den bevorstehenden Tarifverhandlungen unter anderem für den öffentlichen Dienst, im Bauhauptgewerbe, in der Chemieindustrie und im Bäckerhandwerk im Vordergrund stehen werden: Lohnforderungen von fünf bis sechs Prozent und der Einstieg in neue, flexiblere Arbeitszeitmodelle.

Viele Krankschreibungen

„Die Wirtschaft brummt, die meisten Unternehmen in Hamburg sind sehr optimistisch für 2018“, sagt Karger. Doch während die Gewinne und Dividenden stiegen, komme bei den Beschäftigten wenig an. Die Lohnanhebungen der vergangenen Jahre seien nicht angemessen gewesen: „Es gab im Schnitt 2,4 Prozent mehr Geld, wegen der Preissteigerung blieben zuletzt aber nur 0,6 Prozent davon übrig.“

Das müsse sich jetzt ändern. Zugleich brauchten die Beschäftigten ein Recht darauf, sich mehr Zeit für sich selbst zu nehmen. „Nicht von ungefähr gibt es in Hamburg besonders viele Krankschreibungen wegen hoher psychischer Belastungen am Arbeitsplatz“, sagt Karger. Flexible Arbeitszeitmodelle könnten für die Firmen ein gutes Argument bei der Gewinnung rarer Fachkräfte sein, sagt Karger, und: „Wir müssen die Arbeitgeber da ein bisschen an die Hand nehmen.“ Das sind die Tarifverhandlungen und Forderungen in der Region Hamburg:


IG Metall:
Die Verhandlungen über einen neuen Tarifvertrag in der Metall- und Elektroindustrie sind bereits in vollem Gange. Die Gewerkschaft will sechs Prozent mehr Lohn und ein individuelles Recht auf die 28-Stunden-Woche. Besonders umstritten ist ihre Forderung nach einem Teillohnausgleich, etwa wenn Teilzeit genommen wird, um Angehörige zu pflegen. Nach einer Warnstreikwelle könnte es nächste Woche IG-Metall-Proteste auch auf Hamburgs Straßen geben. Eine Einigung wird voraussichtlich nicht vor Februar erreicht. In der Hansestadt gibt es etwa 45.000 Beschäftigte in der Branche. Die Kampfbereitschaft wird durch Neueintritte honoriert. Der Bezirk Küste gewann im vergangenen Jahr mehrere Hundert Mitglieder.


Ver.di: Allein die Dienstleistungsgewerkschaft verhandelt 2018 in mehr als 100 Tarifrunden, darunter auch für den öffentlichen Dienst mit gut 22.000 Beschäftigten in Hamburg. Die genaue Gehaltsforderung steht erst in einigen Tagen fest, dürfte aber zwischen fünf und sechs Prozent liegen. Ob die Gewerkschaft wie die IG Metall mit Arbeitszeitforderungen in die Verhandlungen gehen wird, müsse noch beschlossen werden, sagt Bezirksleiter Berthold Bose.


IG BAU (Bauen, Agrar, Umwelt): Die Tarifrunde für gut 10.000 Beschäftigte im Bauhauptgewerbe startet im Februar. Die Forderungen stehen fest. Sechs Prozent mehr Gehalt, außerdem: Der Arbeitsweg zur Baustelle soll künftig bezahlte Arbeitszeit sein. Der Bezirksvorsitzende Matthias Maurer sagt: „40 Prozent der bei Hamburger Baufirmen Beschäftigten sind Wochenendpendler, die teils Sonntagsnacht um 2 Uhr aufbrechen, um ihre weit vom Wohnort entfernten Baustellen rechtzeitig zu erreichen.“


IG BCE (Bergbau, Chemie, Energie): Der Tarifvertrag für die etwa 40.000 Beschäftigten in der Region läuft im April aus. „Es gibt absolut keinen Grund zur Zurückhaltung“, sagt Bezirksleiter Jan Koltze mit Blick auf die Lohnforderung. Sie ist noch nicht genau beziffert. „Wir stellen gerne Forderungen auf, die auch annähernd zu erreichen sind“, sagt Koltze. In der jüngsten Tarifrunde gab es insgesamt 5,3 Prozent. Ältere Beschäftigte haben bereits das Recht auf Arbeitszeitreduzierung. Koltze will „mehr Wahlfreiheit bei der Arbeitszeit“.


NGG: Im Frühjahr verhandelt die Gewerkschaft für die 5000 Beschäftigten im Hamburger Bäckerhandwerk, zum Jahresende läuft der Tarifvertrag für 60.000 Arbeitnehmer in Hotels und Gaststätten aus. Zwischen fünf und sechs Prozent mehr Lohn soll es geben. „Das entscheiden wir von Fall zu Fall“, sagt Regionalchefin Silke Kettner.


EVG: Die Eisenbahnergewerkschaft ist Vorreiter bei Tarifabschlüssen zur Arbeitszeit. Die Beschäftigten konnten zuletzt wählen zwischen 2,6 Prozent mehr Lohn, sechs Tagen mehr Urlaub oder einer Stunde weniger Wochenarbeitszeit. 56 Prozent entschieden sich für mehr Urlaub, 42 Prozent für mehr Geld. Ab September wird für 8500 Beschäftigte neu verhandelt. „Wir werden die Mitglieder befragen, was sie wollen“, sagt Geschäftsstellenleiter Frank Maur.


GEW und GdP: Die Gehaltsverhandlungen für die Lehrer- und die Polizistengewerkschaft im DGB führt Ver.di. Anja Bensinger-Stolze (GEW) und Gerhard Hirsch (GdP) sind in Sorge, dass in Hamburg nicht mehr genug Berufsnachwuchs gefunden werden kann. Beide fordern, die Attraktivität der Berufe durch bessere Bezahlung zu erhöhen.