Arbeitnehmer

Sabbaticals – immer mehr Hamburger nehmen eine Auszeit

Ulrike Sophia Andraschak hat nach ihrem Sabbatical neue Impulse für ihren Job bei Otto bekommen

Ulrike Sophia Andraschak hat nach ihrem Sabbatical neue Impulse für ihren Job bei Otto bekommen

Foto: Klaus Bodig / HA

Ob bei Otto, ECE oder der Hochbahn – viele Mitarbeiter gehen in Sabbaticals und kommen danach motivierter zurück.

Hamburg.  Ein Foto auf dem Handy. Mehr nicht. Kein Souvenir wie diese typischen Blumenkränze. Nur dieses eine Foto aufgenommen auf Kauai, einer der acht Hauptinseln von Hawaii. Mehr braucht Ulrike Sophia Andraschak (36) nicht, um sich zu erinnern. Zu erinnern, wie sich der Sand zwischen den Zehen angefühlt hat, die Sonne auf der Haut. Diese grenzenlose Freiheit, Leichtigkeit, Unbeschwertheit. Die Auszeit vom Job. Von Leistungsdruck und Zeitvorgaben, von der stundenlangen Arbeit am Computer.

Fast ein Jahr ist es her, dass Ulrike Sophia Andraschak ein viermonatiges Sabbatical gemacht hat und auf Weltreise war. Doch die Erinnerung, die Bilder von damals, tragen sie heute immer noch durch die Tage. Und geben ihr neue Impulse für ihren Job. „Wenn man so viel erlebt und gesehen hat, so viele neue Eindrücke gewonnen hat, betrachtet man danach alles aus einer anderen Perspektive“, sagt Ulrike Sophia Andraschak, die beim Hamburger Onlinehändler Otto als Senior-Projektleiterin zur Förderung von Vielfalt und Talenten arbeitet. Plötzlich beachte man vieles, das man vorher nicht gesehen habe. Sei offener, gelassener und dankbarer.

Glücklich und dankbar

„Ich ärgere mich nicht mehr über Kleinigkeiten, sondern bin jeden Tag glücklich und dankbar, weil wir es so gut haben. Das vergessen die meisten Menschen einfach zu oft.“ Es könnte einer jener Floskeln sein, die man so dahinsagt. Doch Ulrike Sophia Andraschak meint genau das, was sie sagt. Das Sabbatical hat sie verändert. Für sie war es mehr als eine Auszeit vom Job. Es war die beste Entscheidung, die sie je getroffen hat.

Kein Anspruch

Eine Auszeit auf Zeit – das wünschen sich immer mehr Arbeitnehmer. Laut einer Forsa-Umfrage würden sich 38 Prozent aller Deutschen gerne für einige Zeit aus dem Job ausklinken. Bei Managern sind es sogar 69 Prozent, so eine Studie. Thomas Vollmoeller, Chef des Businessnetzwerks Xing, sorgte im Sommer für Schlagzeilen, als er sich für drei Monate aus dem Topmanagement verabschiedete.

Zunahme von Sabbaticals

Egal ob bei Otto, der Hochbahn, ECE, Bauer, dem Spiegel oder der R+V-Versicherung: Viele Hamburger Unternehmen registrieren eine Zunahme von Sabbaticals. Obwohl der Anteil der Mitarbeiter, die eine Auszeit auf Zeit in Anspruch nehmen immer noch gering ist und bei ein oder zwei Prozent liegt, wächst die Zahl von Jahr zu Jahr. Zum Beispiel bei Otto in Hamburg: Dort hat sich die Zahl der Mitarbeiter, die ein Sabbatical in Anspruch genommen haben, in den vergangen drei Jahren fast verdoppelt.

Von 15 Mitarbeitern im Jahr 2014 auf 25 im Jahr 2016. Bei der Hochbahn spricht man zwar nicht von Sabbatical, sondern von „langfristiger Freistellung“ – den Trend zum Ausstieg auf Zeit registriert man jedoch auch hier. Während 2015 nur 23 Mitarbeiter das Angebot nutzten, waren es im Jahr 2016 schon 41. Auch bei ECE, fischerAppelt und der R+V-Versicherung registriert man eine Zunahme von Sabbaticals. Bei R+V stieg die Zahl der Sabbaticals von 24 im Jahr 2016 auf 40 Mitarbeiter in den ersten neun Monaten des Jahres 2017.

Einstellung hat sich geändert

„Die Einstellung der Mitarbeiter hat sich geändert. Derartige Auszeiten werden normaler und sind eine gute Möglichkeit, auf bestimmte Lebenssituationen zu reagieren“, sagt ECE-Sprecher Christian Stamerjohanns. Die Motivation reiche von der Weltreise über die Pflege von Angehörigen bis hin zu zusätzlichen Kinderbetreuungszeiten.

Auch Claudia Peters (43) hat eine Sabbatzeit genommen, um sich um ihre Tochter zu kümmern, die im Sommer eingeschult worden ist. „Ich hatte das Gefühl, dass ich in dieser Zeit mehr für sie da sein muss, als ich es während meiner Berufstätigkeit könnte“, sagt die Senior Marketing Managerin im Brand Marketing von Xing, die von ihrem Arbeitgeber sehr im Vorhaben unterstützt wurde. Zwei Monate lang ließ sie sich freistellen, schmierte Pausenbrote und machte mit ihrer Tochter Hausaufgaben.

Neue Impulse

Trotzdem, oder gerade deswegen: Sie sagt das Gleiche wie die Weltreisende Ulrike Sophia Andraschak: Dass sie neue Impulse bekommen hat und nach dem Abstand ganz anders mit Problemen im Job umgegangen ist. Dass sie vieles aus einem neuen Blickwinkel betrachtet, neue Lösungsansätze mitgebracht hat. Und dass sie motivierter ist. Diese Erfahrung machen auch viele Firmen- und Personalchefs. „Durch eine längere Auszeit haben Mitarbeiter die Möglichkeit, ihre Energiereserven wieder aufzuladen, was die physische wie auch psychische Gesundheit stärkt“, sagt Christoph Kreienbaum, Sprecher der Hamburger Hochbahn.

Doch nicht nur die Zahl der Sabbatical-Nutzer ist in vielen Firmen gestiegen, auch die durchschnittliche Dauer hat vielerorts zugenommen – so sind es bei Otto mittlerweile 158 Tagen. Das Durchschnittsalter der Antragsteller: 40 Jahre. „Es sind also nicht die ganz jungen Kollegen, sondern eben die schon seit mehreren Jahren mit beiden Beinen im Berufsleben stehenden Mitarbeiter“, so Otto-Sprecher Martin Frommhold.

75 Minusstunden stören sie nicht

Ulrike Sophia Andraschak hat für ihre Sabbatical-Zeit alle Modelle in Anspruch genommen, die Otto zu bieten hat: Sie hat Resturlaub und Urlaub gebündelt, sich ihre Jahresprämie in Freizeit umwandeln lassen und ihr Arbeitszeitkonto belastet. Dass sie dadurch 75 Minusstunden bei ihrem ersten Arbeitstag gehabt hat, störte sie nicht. „Das hat sich gelohnt“, sagt sie. Sie träumt heute noch von der Reise. Und schon von der nächsten.