Hamburg

Gigantisches Tanz-Epos „Until the Lions“ auf Kampnagel

In Akram Khans „Until the Lions“ tanzt Ching-Ying Chien als Amba, die älteste Tochter des Königs von Kashi

In Akram Khans „Until the Lions“ tanzt Ching-Ying Chien als Amba, die älteste Tochter des Königs von Kashi

Foto: Jean Louis Fernandez

Bekannt wurde Akram Khan mit der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in London, Ende Januar gastiert seine Kompanie in Hamburg.

Hamburg.  Ein riesiger aufgeschnittener Baumstamm. In der Mitte gespalten. Vier Musiker verteilen sich an seinem Rand auf alle Himmelsrichtungen. Der Baum ist Austragungsort einer Tragödie mit drei Beteiligten. Akram Khan und seine Kompanie bringen das gigantische indische Epos „Mahabharata“ als getanztes Kammerspiel mit Livemusik auf die Bühne. „Until the Lions“ riss schon bei der Deutschlandpremiere anlässlich der Movimentos Festwochen der Autostadt in Wolfsburg die Zuschauer von den Sitzen. Die Kritiker der Fachzeitschrift „Tanz“ wählten es zum Tanzstück des Jahres 2016. Beim Gastspiel vom 25. bis 28. Januar auf Kampnagel dürfte es nun auch die Hamburger begeistern, die Akram Khan seit seinen Arbeiten „Vertical Road“ und „Itmoi“ schätzen.

Für den britischen Tänzer und Choreografen mit Wurzeln in Bangladesch ist das „Mahabharata“ ein Schlüsselwerk. „Ich selbst habe bereits mit 13 Jahren in einer neunstündigen Inszenierung von Peter Brook getanzt“, sagt er. Für seine Version hat er sich entschieden, das Epos aus weiblicher Sicht zu erzählen. Anhand Karthika Nairs Buch „Until the Lions“, das dem Tanzstück seinen Namen gab.

Handlung ist komplex

Die Handlung ist komplex, aber hier auf ein Trio konzentriert: Amba (Ching-Ying Chien) ist die älteste Tochter des Königs von Kashi. Sie wird vom Krieger Bhishma (Rianto) entführt und soll seinen Halbbruder ehelichen. Aber Amba ist schon Salwa versprochen. Zwar wird sie von Bhishma schließlich wieder in die Freiheit entlassen, doch Salwa kehrt ihr den Rücken. Und auch Bhishma heiratet sie nicht. Der Schwur des Zölibats steht ihm im Weg. Amba wählt den freiwilligen Tod, kehrt jedoch in Gestalt der kriegerischen Shikhandi (Joy Alpuerto Ritter) zurück, die nun für das erlittene Unrecht Rache nimmt.

Zur Person: Akram Khan

Zu kompliziert? „Ich habe mit meinem Dramaturgen einen Weg gesucht, die Reise dieser Figur Amba, über die es so viele Geschichten gibt, zu vereinfachen“, sagt Akram Khan. Die Geschichte ist universell. Es geht um Liebe, Verrat, Rache. „Etwas, das wir alle erleben und teilen. Ich habe entschieden, das über eine visuelle, nicht physische Energie zu erzählen mit nicht zu vielen Gesten.“ Im Gegensatz zu seinen früheren autobiografischen Arbeiten kam die Idee zu „Until the Lions“ in einem Gespräch zu ihm.

Herausragende Tänzerpersönlichkeiten

Obwohl Khan das Epos ausdrücklich aus weiblicher Sicht erzählt, wurde er in britischen Interviews missinterpretiert. Auf die Frage, ob die Welt mehr weibliche Choreografen brauche, antwortete er: „Nein, wir brauchen mehr von ihnen, weil sie brillant sind, nicht weil sie Frauen sind.“ Khan selbst war jahrelang mit seiner Mutter, einer Schauspielerin und Feministin, auf Tournee. „Ich bin fasziniert von weiblichen Geschichten. Sie sind komplexer und interessanter. Aber immer haben die Männer die Hauptrollen“, sagt er.

Nicht in „Until the Lions“. Die drei herausragenden Tänzerpersönlichkeiten verbiegen sich in wuchtiger Ekstase, verknäulen sich zum Liebesakt oder schreiten, lange Bambusstäbe in den Händen, zum Kampf. All das zur Musik der vier furiosen Livemusiker. Der Choreograf verbindet dabei erneut zeitgenössische Bewegungen mit dem traditionellen indischen Kathak-Tanz.

Wie eine Horde Kinder

Hatte er ursprünglich die Rolle des Bhishma selbst getanzt, hat er sie nun an den nicht minder ausdrucksstarken Tänzer Rianto weitergereicht. „Ich ziehe mich nach und nach zurück und werde eher anderen den Raum geben“, so Khan. „Aber ganz werde ich den Tanz niemals lassen. Ich muss die Bühne spüren.“ Bei den Proben hat das Team viel improvisiert, sich teilweise wie eine Horde Kinder im Studio bewegt. „Ich nehme viel von den Tänzern an, aber ich habe auch zum Beispiel japanische Fischermann-Folktänze transformiert und Tierbewegungen integriert“, so Akram Khan. „Wir glauben, Tiere sind primitiv, aber sie sind sehr klug. Sie wissen um die Vergangenheit und die Zukunft.“ Man spürt als Zuschauer das spirituelle Verhältnis Akram Khans zum Tanz. Einer bestimmten Religion fühlt er sich aber nicht zugehörig.

Einem großen Publikum wurde er mit der Choreografie der Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele 2012 in London bekannt. Hat das sein Leben beeinflusst? Eine große Erfahrung sei es gewesen, ohne sein Verhältnis zur Arbeit grundsätzlich zu ändern. Aber er habe dabei auch neue Dinge lernen müssen. „Die Bühne war 40-mal größer als sonst, und 40.000 Menschen schauten zu. Da muss man eine Performance ganz neu denken. 50 Tänzer wirken sonst wie Ameisen.“ Er sei dankbar dafür, aber in der Kunst gelte immer noch der Satz: „Du bist nur so gut wie deine letzte Arbeit.“ Die trägt den Titel „Until the Lions“, und sie zeigt einen Choreografen auf der Höhe seiner Kunst.

Akram Khan Company: „Until the Lions“ 25. bis 28.1., jew. 20.00, Kampnagel, Jarre­straße 20–24, Karten T. 27 09 49 49; Infos: www.kampnagel.de