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Katholischen Schulen in Hamburg droht Schließung

Die Domschule St. Marien an der Schmilinskystraße in St. Georg ist eine von 21 katholischen Schulen in Hamburg

Die Domschule St. Marien an der Schmilinskystraße in St. Georg ist eine von 21 katholischen Schulen in Hamburg

Foto: Michael Rauhe

Erzbistum hat 80 Millionen Euro Schulden. Bis zu acht Einrichtungen in Hamburg betroffen. Generalvikariat verteidigt Pläne.

Hamburg. Viele Schüler und ihre Eltern sind in großer Sorge: Die prekäre Finanzsituation der katholischen Kirche in Hamburg könnte zur Schließung von bis zu acht der insgesamt 21 Schulen des Erzbistums in der Hansestadt führen. Welche Standorte gefährdet sind, lässt die Kirche bisher offen.

Bis Ende Januar will die Abteilung Schule & Hochschule im erzbischöf­lichen Generalvikariat zumindest Entwarnung für die Standorte geben, die auf jeden Fall bleiben werden. Der Fahrplan für Gespräche vor Ort stehe, sagte Christoph Schommer, Sprecher der Abteilung Schule & Hochschule.

Fünf Schulen „wirtschaftlich nicht tragbar“

Das Erzbistum Hamburg, zu dessen Gebiet auch Schleswig-Holstein und Mecklenburg gehören, hat aktuell knapp 80 Millionen Euro Schulden, die nach dem Bericht der Unternehmensberatung Ernst & Young bis 2021 auf bis zu 353 Millionen Euro anwachsen könnten, falls nicht umgesteuert wird.

Fünf Schulstandorte wurden von Ernst & Young als „wirtschaftlich nicht tragbar“ eingestuft, was meist bedeutet, dass die Gebäudesanierung nicht lohnt. Drei Standorte gelten als nur bedingt tragfähig, 13 als unbedenklich. Das Bistum unterhält in Hamburg elf Grundschulen, sechs Stadtteilschulen und drei Gymnasien mit insgesamt etwa 9200 Schülern und 850 Lehrern. Der Sanierungsstau an den Schulen wird auf etwa 157 Millionen Euro geschätzt.

In die Entscheidung, eine Schule zu schließen, sollen auch „seelsorgerische Argumente“ einfließen. Sie könnten dazu führen, dass wirtschaftlich als untragbar eingestufte Standorte erhalten bleiben, sagte Schommer. Der Fahrplan sieht vor, dass die Kirchenleitung zunächst Einzelgespräche mit den Schulleitern führt und dann mit den Gremien sowie dem „Schulumfeld“ spricht – also etwa mit Sponsoren und der Stadt.

Ziel sei es, spätestens zum Abschluss der Anmelderunde für das neue Schuljahr Ende Januar Klarheit zu haben, welche Perspektive die jeweilige Schule in etwa habe, sagte Schommer. Eine Entscheidung über Schließungen könne man aber in so kurzer Zeit nicht treffen, sodass für einige Schulen eine längere Zeit der Ungewissheit unvermeidbar sein könnte. Ob die Stadt kirchliche Standorte übernehmen wird, ist offen. Die Schul­behörde wollte sich dazu nicht äußern.

Schulleitungen sollen sich öffentlich nicht äußern

Die Betroffenen vor Ort reagieren gefasst. „Wir versuchen auch weiterhin, gute Arbeit zu machen. Denn das können wir selbst beeinflussen. Alles Übrige steuern eher andere“, hieß es aus Kreisen der Lehrer und Schulleitungen. Sie sind derzeit gehalten, sich nicht öffentlich zu äußern.

Sollte ein Schließungsbeschluss ergehen, werde er keinesfalls sofort, sondern gleitend und maßvoll umgesetzt, versprach Christoph Schommer, Sprecher der Abteilung Schule & Hochschule im erzbischöflichen Generalvikariat. Henrik Lesaar, ein Sprecher der Gesamtelternvertretung, lobte die transparente Informations- und Beteiligungspolitik im Bistum. „Wir vertrauen darauf, dass die bisher geübten Partizipationsprozesse auch bei den eigentlichen Entscheidungen noch praktiziert werden“, sagte er.

Mit der Debatte um Schulschließungen ist auch ein Streit um Prioritäten in der katholischen Kirche entbrannt. „Vielen Gläubigen fehlt das Verständnis dafür, wenn die Axt an die Schulen und Krankenhäuser gelegt werden soll. Denn diese beiden Bereiche sind der Kern der nachgehenden Seelsorge und damit der katholischen Kirche insgesamt“, sagte der Historiker Günter Dörnte, der ein Standardwerk über die Geschichte der katholischen Schulen in Hamburg geschrieben hat.

Er kritisierte die kirchliche Verwaltung als „aufgebläht“ und forderte das Bistum auf, das Vermögen des sogenannten bischöflichen Stuhls mit in die Schuldenrechnung aufzunehmen. Der Stuhl umfasst Vermögenswerte von 49,4 Millionen Euro.

„Werden nicht alle Angebote aufrechterhalten können“

Bistumssprecher Manfred Nielen wies das zurück. Ob Teile der Vermögenswerte des bischöflichen Stuhls zur Verringerung der Schuldenlast im Bistum verwendet werden oder nicht, sei noch offen. „Aber auch hinter dem bischöflichen­ Stuhl stehen kirchliche Einrichtungen wie z. B. Kinder- und Jugendheime, die man aufgeben müsste, wenn man die Vermögenswerte realisieren will“, sagte Nielen.

Das Bistum beschäftige sich schon lange mit dem Thema Sparen und halte sein Tun für verantwortlich. „Wer uns kritisiert, muss bessere Vorschläge machen“, sagte Nielen. Die Verwaltung sei schlank, und von der „Axt an der Seelsorge“ könne keine Rede sein. „Wir werden künftig nicht mehr alle Angebote aufrechterhalten können. Aber ich bin überzeugt, dass wir auch mit weniger Geld eine lebendige Kirche bleiben werden.“

Die Analyse der Unternehmensberater habe ergeben, dass die Kirche über ihre Verhältnisse gelebt und also schlicht zu lange am Status quo festgehalten habe, so Nielen. In manchen Bereichen seien Folgekosten, etwa für Instandhaltung und Lehrerpensionen, zu wenig bedacht worden.

Schulen haben Probleme Lehrer zu finden

Die Schulen fürchten indessen um ihre Konkurrenzfähigkeit. Während die Stadt den Sanierungsstau in ihren Schulen schon seit Jahren abarbeitet, sei das Erzbistum hier ins Hintertreffen geraten. Auch werde es zunehmend schwieriger, geeignete Lehrer zu finden.

Nachwuchskräfte könnten sich vielfach die Stellen aussuchen, und die Stadt Hamburg verbeamte sehr schnell. Die Kirchen haben da längere Vorläufe. Dabei sind die katholischen Schulen in Hamburg seit Jahren ein Erfolgsmodell mit hervorragenden Anmeldezahlen. Jetzt wird allerdings mit einer leichten Delle gerechnet.

Die Hamburger katholischen Schulen sind ein historisch gewachsener Kern der Seelsorge im Norden. Ende des 19. Jahrhunderts, als noch gar keine volle Glaubensfreiheit herrschte und die katholische Kirche in bitterer Armut mit Idealismus die Aufbauarbeit begann, waren die Schulbauten wichtiger als Gotteshäuser.

„Weil man in ihnen auch Gottesdienste abhalten konnte, umgekehrt aber die Kirchen für den Unterricht kaum geeignet waren“, sagte Dörnte. Da das Geld für beides nicht reichte und den Katholiken in Hamburg Sakralbauten nur ausnahmsweise erlaubt wurden, war die Prioritätensetzung einfach. Sie gehorchte der Not.

Die Gemeinden lebten von Spenden und Bettelpredigten der Pfarrer, die im Sommer bis nach Ungarn liefen, um mit Gottes Wort irdische Güter zu erlösen. Zahllose Ordensfrauen unterrichteten für „Gotteslohn“. Die Verwaltung machte damals ein Pastor nebenbei. Aber die Moderne hat die Räume dafür eng gemacht. „Wer heute in Deutschland Kirchen oder Immobilien unterhält, muss gesetzlichen Vorschriften genügen und fachkundiges Personal vorhalten“, sagte Nielen.