Hamburg

Unter den Wolken – wie sich Advent am Airport anfühlt

Abendblatt-Chefredakteur Lars Haider in der Weihnachtszeit am Flughafen

Abendblatt-Chefredakteur Lars Haider in der Weihnachtszeit am Flughafen

Foto: Andreas Laible

Am Flughafen geht es um Freuden- und Abschiedstränen, um starke Männer und Maschinen. Lars Haider hat am Terminal mal zugehört.

Hamburg. Es begab sich aber zu der Zeit, dass ich nicht verreisen wollte, und abholen musste ich ausnahmsweise auch niemanden. An solchen Tagen ist es im Flughafen am schönsten. Wenn du das Terminal in dem Bewusstsein betrittst, dass du mit all dem Gewusel nichts zu tun haben wirst. Wenn du all die Leute laufen und warten und warten und laufen siehst und einfach nur dasitzen kannst und zuschaust.


Ich liebe diese Momente inmitten der Hektik, die im Flughafen vor Weihnachten noch größer ist als sonst. Selten lässt sich in so kurzer Zeit so viel erleben wie hier, vor den Check-in-Schaltern oder den Sicherheitskontrollen, auf der Aussichtsplatzform oder in einem der Sitze im Ankunftsbereich.

Hier findet Welt statt

Hier ist Hamburg nicht nur Weltstadt, hier findet Welt statt, in jeder Minute, mit jedem Gesicht, das an einem vorüberhuscht.

Auf wen freut sich der bärtige Mann mit den Blumen in Klarsichtfolie? Für wen hat die junge Frau das Bild gemalt, das sie in ihrer Hand hält? Wer sind die beiden alte Leute, die eine Mitarbeiterin des Deutschen Roten Kreuzes in Rollstühlen zum Gate schiebt, wo wollen die hin? Und wird es in den nächsten Stunden tatsächlich irgendjemanden geben, mit dem der Kreditkarten-Typ ins Geschäft kommt? Ob er mich mal kurz …? Natürlich nicht, ich habe es eilig, ich muss mir einen Platz suchen, um mir die Geschichten anzusehen, die der Flughafen erzählt.

Auch wenn ich nur so hierherkomme, ohne Ziel im wahrsten Sinne des Wortes, macht der Airport etwas mit mir. Eben war es noch ein ganz normaler, eher trister Tag in Hamburg, jetzt ist es so, als wäre ich woanders. Eben war ich noch ein handverlesener Spaziergänger in Fuhlsbüttel, jetzt bin ich Teil einer Menschenmenge, die durchein­anderrennt, sich in die Arme fällt, die lacht und weint, schreit und schwitzt. Sosehr ich ausnahmsweise auf die anderen achte, so wenig achten sie auf mich.

Niemand will hier länger bleiben

Wahrscheinlich könnte man sich am Airport langsam ausziehen, und bis auf die Sicherheitskräfte würde es niemand bemerken, so konzentriert sind die Leute auf ihre Flüge. Das ist vielleicht das Absurdeste: dass alle schnell wieder wegwollen, ob nun zu Lande oder in der Luft. Niemand will hier länger bleiben. Außer mir.

Es gibt Menschen, meist sind es Journalisten oder Schriftsteller, die freiwillig tagelang auf Flughäfen leben und danach abenteuerliche Geschichten aufschreiben, obwohl sie nicht mit einem einzigen Menschen gesprochen haben. Das ist die Magie dieses Ortes: dass er dir ununterbrochen Geschichten erzählt, vor allem jene vom Wiedersehen und Abschiednehmen, aber auch die von der weiten Welt da draußen.

Du siehst zum Beispiel ein junges Mädchen mit einem herzförmigen Luftballon in der Hand, das abwechselnd auf sein Handy und die Anzeigetafel mit den Ankunftszeiten guckt, und du fragst dich, auf wen es wartet. Auf den Freund, den es im Urlaub kennengelernt hat und der es jetzt zum ersten Mal besucht? Auf seine Schwester, die ein Jahr als Au-pair im Ausland war und die es so vermisst hat? Auf seinen Lebensgefährten, den es bei der Weihnachtsfeier mit einem Kollegen betrogen hat, aber was soll’s, warum ist er auch andauernd auf Geschäftsreise?

Erwartet wird zweimal Mr. Brown – das wird lustig

Oder zum Beispiel der Mann Mitte 40, der die ganze Zeit zwischen Buch- und Blumenladen hin- und herpendelt, erst diese Zeitschrift und dann jenen Strauß in die Hand nimmt, unentschlossen, was er kaufen soll. Offensichtlich muss/darf er jemanden abholen, hat aber nichts, was er ihm/ihr in die Hand drücken kann. Jetzt holt er seine Geldbörse hervor, zählt Münzen und Scheine, aber zu spät. Er wird gerufen, dreht sich blitzschnell um, drückt eine junge Frau an sich. Ein Kuss, „gib mir den Koffer und dann nichts wie raus hier“.

Viele andere bleiben zurück: Familien mit Kindern, die ganz vorn stehen, dort, wo die Schiebetüren immer mal wieder den Blick auf die Gepäckbänder freigeben. Weiter hinten, auf den Schalensitzen, Männer und Frauen, die meist auf Handys starren, eine trinkt um kurz vor zehn Uhr am Morgen eine Flasche Bier. Und dahinter, aufgereiht wie Perlen, die Taxi- und Limousinenfahrer, mit kleinen Schildern vor dem Bauch. Erwartet werden Mr. Brown, Mr. Vonk und noch mal Mr. Brown, das verspricht lustig zu werden.

Ach ja, und ein Fahrer von Ruegentaxi.de ist da. Für ihn dürfte sich die heutige Tour richtig lohnen. Wenn ich mit Gepäck am Flughafen ankomme, ist es mir jedes Mal peinlich, in ein Taxi zu steigen und meine Adresse zu sagen. Die Strecke ist so kurz, dass die Rechnung nicht einmal zweistellig wird. Ich gebe aber mindestens fünf Euro Trinkgeld.

Fast allein auf der Aussichtsplattform

Für jemanden, der in ziemlicher Nachbarschaft wohnt, ist der Flughafen Fluch und Segen zugleich. Fluch, weil man die Motorengeräusche irgendwie immer zu hören glaubt und weil man morgens viel zu oft von startenden Flugzeugen geweckt wird, manchmal riecht es sogar nach Kerosin. Segen, weil ich notfalls auch zu Fuß zum Flughafen laufen könnte, so wie heute. Ein Freund, bekennender Flugreisenangsthase, hat mir einmal erzählt, dass ihn wenig so entspannt, wie landenden Maschinen zuzusehen. Was wahrscheinlich daran liegt, dass er nicht drinsitzt.

Ich bin fast allein auf der Aussichtsplattform. Im Sommer kann es hier voll werden, dann sitzen Familien zum zweiten Frühstück oder Picknick auf der Terrasse, Kinder staunen über jedes Flugzeug, das kommt und geht. Ich staune über zwei Maschinen, die wenige Hundert Meter von mir entfernt stehen. Sie gehörten zu einer Fluggesellschaft, die es nicht mehr gibt, vielleicht gehören sie inzwischen zur Lufthansa, vielleicht warten sie hier in Hamburg nur auf einen neuen Besitzer. Air Berlin ist eine dieser traurigen Vorweihnachtsgeschichten, die Flieger mit dem roten Schriftzug wirken schon jetzt wie ein Relikt aus einer längst vergangenen, einer besseren Zeit. Berlin und Flugzeuge oder Flughäfen, das passt nicht.

Jahrzehnte hat das Unternehmen tapfer gegen die große Lufthansa gekämpft und am Ende alles verloren. Und an wen? Natürlich an Lufthansa, auch wenn in diesem einen Moment nur zwei Maschinen von Deutschlands größter Fluggesellschaft auf dem Vorfeld rangieren. Die meisten anderen hören auf den Namen Eurowings, wenn Sie verstehen, was ich meine.

Wer sich mit Mitarbeitern des Bodenpersonals unterhält, hört an diesen wie an anderen Tagen, dass gerade die großen Gesellschaften, wie eben Lufthansa und ihre Tochterfirmen, versuchen, Preise zu drücken, bis es nicht mehr geht. Und dass die nicht nur nicht besser sind als andere Billigflieger, sondern manchmal sogar schlimmer.

Gepäckentlader haben eigenes Fitnessstudio im Airport

Von der Aussichtsterrasse sieht man Männer mit gelben Warnwesten um verschiedene Flugzeuge flitzen, nur Männer. Einmal war ich in diesem Jahr mitten unter ihnen. Es war die Zeit, als der Ärger über die Verspätungen bei der Gepäckausgabe in Hamburg am größten war, als nahezu jeder, den man kennt, eine Horrorgeschichte erzählen konnte. So was wie: „Der Flug hat eine Stunde gedauert, auf meinen Koffer habe ich zwei Stunden gewartet.“ Oder: „Nach Hamburg reise ich nur noch mit Handgepäck.“

Ich bin damals selbst in den Bauch eines Flugzeugs gekrabbelt, auf allen Vieren, und hatte nach wenigen Minuten Mühe, mich wieder aufzurichten. Die Koffer müssen dort oft, viel zu oft, einzeln und per Hand verladen werden, in Körperhaltungen, die schwer zu beschreiben sind. Die, die das machen, haben ein eigenes Fitnessstudio in den Katakomben des Airports, sie haben Trainer, mit denen sie die richtigen Handgriffe üben.

Unglaublich anstrengend ist der Job trotzdem, die Bezahlung könnte besser sein. Weil zudem immer nur Männer beschäftigt werden dürfen und die Sicherheitsanforderungen streng sind, tut sich der Flughafen schwer, ausreichend Personal zu finden. Aktuell hofft man, dass sich die Situation bis kommenden Sommer verbessert, vielleicht kann der Bürgermeister helfen. Olaf Scholz hat eine Schwäche für die Sorgen der Männer am Flughafen, man trifft sich, spricht miteinander. Weder der eine noch die anderen machen darum viel Aufhebens.

Aber wer über den schwierigen Transport von Koffern nachdenkt, so wie ich bei vier Grad an diesem Morgen, der erhält ein Gespür dafür, um was es in den kommenden Jahren in Deutschland gehen wird. Nämlich zum Beispiel um die Frage, ob es überhaupt noch genügend Menschen gibt, die wichtige und schwere Arbeiten machen wollen.

Maschinen ersetzen Menschen

Der Flughafen erzählt auch den zweiten Teil dieser Geschichte. Denn um Passagiere abzufertigen, bräuchte man hier eigentlich kaum Personal. Wer mit Air France oder Easyjet oder KLM fliegt, kann nicht nur selbst einchecken und sich die Bordkarte ausdrucken lassen.

Er kann auch sein Gepäck allein aufgeben, vollautomatisch. Zehn Stationen gibt es dafür; wo früher zehn Mitarbeiter gesessen haben, sind jetzt noch zwei, die in Notfällen helfen. Ansonsten macht man hier alles selbst und erhält einen Vorgeschmack auf die nahe Zukunft, nicht nur im Flughafen. Maschinen ersetzen Menschen, wo es nur geht, selbst bei der Passkontrolle. Wer beispielsweise aus London nach Hamburg kommt, hat es mit einem Scanner und einer Kamera zu tun, das ist Science-Fiction und Gegenwart zugleich. Wie lange werden in Flugzeugen noch Piloten sitzen?

Ich sitze nicht mehr, ich laufe an den vielen Geschäften vorbei Richtung Ausgang. Vor mir geht ein Mann mit einem Colt, er hat gerade Geld in einen Volksbank-Automaten gebracht. In der winzigen Haspa-Filiale brennen drei Kerzen am Adventskranz, eine Mitarbeiterin wartet auf Kunden. Der Edeka-Markt hat den Kassenbereich umgebaut, jetzt kann man hier noch schneller bezahlen. Auch zu Weihnachten. Geöffnet ist von 6 bis 16 Uhr am Heiligen Abend und von 8 bis 20 Uhr am ersten und am zweiten Weihnachtstag.

Aber das ist eine andere Geschichte.