Ausstellung

Eine erstaunliche Schau: Die besten Fotos von Madame d’Ora

Die Tänzerin Josephine Baker anno 1928: Madame d’Oras berühmtestes Foto

Die Tänzerin Josephine Baker anno 1928: Madame d’Oras berühmtestes Foto

Foto: Nachlass d’Ora/Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg

Bis März zeigt das Museum für Kunst und Gewerbe das Werk der Fotografin, die Josephine Baker ablichtete, aber auch Schweineköpfe.

Hamburg.  Es ist beinah die größtmögliche Distanz, die zwischen Motiven liegen kann. Hier die Reichen und Schönen, aufgebrezelt und in Pose, dort Blutlachen, Schweineköpfe, Tierkadaver. Wobei die toten Kreaturen im Schlachthof genauso inszeniert wirken wie die Comtesse auf der Hochzeit des ungarischen Regenten oder der Fin-de-Siécle-Dichter in Wien: Die Herrichtung von Objekten für die Öffentlichkeit folgte bei der Fotografin Madame d’Ora (1881– 1963) immer ästhetischen Gesichtspunkten. Im Museum für Kunst und Gewerbe (MKG) ist nun die bislang größte Schau zum Werk der jüdischen Österreicherin zu sehen, die als Dora Philippine Kallmus in Wien geboren wurde.

„Machen Sie mich schön!“, der Titel der Ausstellung, bezieht sich dabei eher auf den ersten Teil der Retrospektive, die wie d’Oras Leben durch den Bruch des Zweiten Weltkrieges in verschiedene Phasen getrennt ist. Der Nachlass der Kunstfotografin und Porträtistin, deren berühmteste Aufnahme das Aktfoto der Tänzerin Josephine Baker ist, befindet sich fast vollständig im Besitz des MKG. Aus dieser Sammlung von etwa 500 Originalabzügen, zusätzlichen Negativen, Kontaktbögen und schriftlichen Zeugnissen ist eine umfassende Schau entstanden; zu einer erstaunlichen Karriere.

Die Reichen, die Schönen – dann kam der Krieg

Die Ausstellung ist chronologisch angelegt und beginnt folglich mit den Arbeiten der Society-Fotografin. Scheu kannte sie dabei nicht: Madame d’Ora fotografierte sowohl die Künstlerboheme – Klimt, Kraus, Schnitzler – als auch die High Society, was im k.u.k. Reich weitgehend mit Aristokratie gleichzusetzen war. Wer sich von d’Ora ablichten ließ, der bekam stilistisch anspruchsvolle und mit klarer künstlerischer Signatur versehene Porträts. Die Fotos hatten eine malerische Anmutung, besonders wenn sie Frauen vor der Kamera hatte. Die Verwendung von Weichzeichnern und entsprechender Requisite besorgten hier die entsprechenden Effekte.

Die Laufbahn d’Oras spiegelte im folgenden schlüssig die Gesellschafts- und Mediengeschichte. Mit dem Aufkommen der Illustrierten seit 1910 fand sie ein Betätigungsfeld, in dem sie ihr Interesse für weibliche Fotoobjekte ausleben konnte. Dabei konzentrierte sich die Fotografin zunächst ganz auf die Modelle, auf die weibliche Prominenz aus Kunst und Oberschicht. Verglichen mit den heutigen Titeln wirken Zeitschriften wie „Die Dame“ und Kolumnen wie „Wiener Schönheiten“ übrigens erfrischend altbacken – was, genau, widersprüchlich klingt, aber die Bilder der Schau insgesamt gut trifft.

Flair vergangener Zeiten

Der historisch und altmodisch daherkommende Style der gezeigten Modefotografie transportiert nicht nur das längst Überholte, sondern das Flair vergangener Zeiten, ist also in einem Wort: charmant. Dennoch wird das Gesamt-kunstwerk d’Ora erst durch die Spaltung richtig interessant. So bemerkenswert vielschichtig sie auch als Modefotografin gewesen sein mag, der je nach Auftrag­geber die Kleidung irgendwann wichtiger war als die Bekleidete – eine natürlich nichts anderes als existenzielle Tiefe lotete ihr Schaffen erst nach dem Trauma von Weltkrieg und Holocaust aus.

Ihre Schwester wurde im KZ ermordet, der erzwungene Verkauf von Haus und Atelier ließ Madame d’Ora unbehaust zurück. Sie selbst entkam der Judenverfolgung, indem sie sich in Südfrankreich versteckte. Ihre Themen waren nach 1945 andere: Zunächst fotografierte sie Displaced Persons, also Flüchtlinge, die vorübergehend im Nirgendwo zu Hause waren, in Wien und Salzburg. „Menschlichen Menschen allein sollte das Recht zustehen, ein bleibendes Bild auf Erden zurückzulassen“, sagte sie 1942.

Später war sie zurück im Geschäft der Gesellschaftsfotografie, hielt legendäre Partys bildlich fest und porträtierte Stars wie Marc Chagall und Somerset Maugham. Aber der Angang war ein anderer, der Schönheit war nun deutlich der Verfall eingeschrieben. Und dann, als von ihr selbst proklamierter Abschluss ihrer Karriere, kamen die Schlachthof-Bilder: Zeugnisse einer brutalen Praxis, auf schaurige Weise schön und unbedingt Vegetarismus-fördernd.

„Madame d’Ora: Machen Sie mich schön“ bis 18. März 2018, MKG (S/U Hbf), Stein­torplatz, Eintritt 12, erm. 8, Do ab 17 Uhr 8 Euro, geöffnet Di–So 10–18 Uhr, Do 10–21 Uhr