Kindeswohl in Hamburg

Nach Abendblatt-Bericht: Behörde überprüft „Fall Linos“

Helene* auf einem
Spielplatz in Hamburg, auf dem sie mit
Linos* jahrelang gewesen ist

Helene* auf einem Spielplatz in Hamburg, auf dem sie mit Linos* jahrelang gewesen ist

Foto: Klaus Bodig / HA

Das Jugendamt soll die Fachaufsicht „detailliert unterrichten“. Unterdessen fordert die Politik Konsequenzen.

Hamburg.  Nach dem Abendblatt-Bericht über den 13-jährigen Linos (Name geändert) aus Hamburg, der ohne Besuchskontakt zu seiner alleinerziehenden Mutter seit zwei Jahren in Heimen außerhalb Hamburgs untergebracht ist, wird die Sozialbehörde den Fall umgehend überprüfen. „Im Rahmen unserer Fachaufsicht gehen wir jedem konkreten Hinweis zu Missständen in einem Einzelfall umgehend nach und lassen uns vom zuständigen Jugendamt detailliert unterrichten. Dies haben wir auch in diesem Fall umgehend veranlasst“, sagt Behördensprecher Marcel Schweitzer.

Unterdessen fordert die Politik Konsequenzen. „Es handelt sich in dem Fall um die vierte auswärtige Unterbringung innerhalb weniger Jahre“, sagt Sabine Boeddinghaus (Linke). „Das Schicksal dieses Jungen ist kein Einzelfall und steht exemplarisch für viele Kinder und Jugendliche, die aus ihren Familien herausgenommen werden, ohne dass ihr erklärter Wille berücksichtigt wird – obwohl das Gesetz die Beteiligung und Anhörung der Kinder und Jugendlichen zwingend vorsieht.“

Haltung einiger Mitarbeiter ist offenbar abfällig

Laut einem Bericht der „Zeitschrift für Kindschaftsrecht und Jugendhilfe“ waren 2014 besonders alleinerziehende Frauen (48 Prozent) betroffen, wenn Kinder aus Familien genommen wurden. „Ich fordere ein sofortiges Moratorium mit dem Ziel, dass die Fachbehörde zumindest alle Fälle prüft, in denen Kinder alleinerziehender Mütter fremd untergebracht wurden. In der Sozialbehörde fehlt es hier an fachlicher Steuerung.“

In den Jugendämtern sei die Haltung einiger Mitarbeiter gegenüber Familien in Not zudem nicht immer hilfeorientiert, sondern nahezu abfällig, so Boeddinghaus. „Damit schützen die Ämter die Systeme und nicht die Kinder und Jugendlichen. Hier bedarf es guter Konzepte für Supervisionen und Fortbildungen.“ Mitarbeiter müssten die Größe haben, von einer Entscheidung zurückzutreten und diese auch zu korrigieren. „Und zwar stets aus der Perspektive des betroffenen Kindes oder Jugendlichen.“

Inobhutnahmen nahezu verdoppelt

Innerhalb von zehn Jahren haben sich in Deutschland die Inobhutnahmen von Kindern und Jugendlichen durch Jugendämter von 25.664 (2005) auf 48.095 (2014) nahezu verdoppelt. Marcus Weinberg, familienpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, berichtet von 300 Fällen, die ihn innerhalb weniger Wochen erreicht haben. „Die Masse der Zuschriften und die Inhalte zeigen, dass wir eine öffentliche Debatte über das Kinder- und Jugendhilfesystem brauchen.

Die Berichte dieser Menschen kann man nicht einfach unter den Teppich kehren“, sagt Weinberg. Er fordert die Einrichtung einer unabhängigen Kommission. „Damit die Betroffenen eine strukturierte Stimme im politischen Diskurs bekommen, braucht es eine niedrigschwellige, unabhängige Anlaufstelle für all diejenigen, die in einem vertraulichen Rahmen direkt über ihre Erfahrungen mit dem Kinder- und Jugendhilfesystem und der Praxis der Familiengerichte berichten wollen.“

In nicht wenigen der ihm vorliegenden Fälle stelle sich die Frage, ob die staatlichen Eingriffe tatsächlich verhältnismäßig seien und es keine milderen Mittel gebe: „Die Aufgabe einer unabhängigen Kommission wäre es, für den Gesetzgeber solche Fälle zu sammeln und systematisch auszuwerten.“