Hamburg

Früher beten, heute ausbeulen – die Geschichte eines Tempels

Die Apsis der ehemaligen Synagoge steht noch – wo heute eine Kfz-Werkstatt ist

Die Apsis der ehemaligen Synagoge steht noch – wo heute eine Kfz-Werkstatt ist

Foto: Michael Rauhe

Das Liberale Judentum hat seine Wurzeln in einer Hamburger Autowerkstatt in der Neustadt. Am Montag steht ein Jubiläum an.

Hamburg. Wer sein Auto in der Kfz-Werkstatt „Stern“ in der Poolstraße abgibt, steht vor den Resten eines Sakralbaus. Während die Autos auf dem schmalen Innenhof abgestellt werden, geht der Blick auf eine Ruine mit einer noch immer erhaltenen, imposanten Apsis. Hier befand sich einst der Tempel der liberalen Juden in Hamburg, bis das Gebäude während des Zweiten Weltkriegs weitgehend zerstört wurde.

Die Wurzel des liberalen Judentums

In diesen Tagen bekommt die Autowerkstatt in der Neustadt jüdische Gäste. Liberale Juden kehren damit gleichsam zu ihren religiösen Wurzeln zurück. Denn es ist am 11. Dezember exakt 200 Jahre her, dass 65 jüdische Hausväter den Hamburger „Israelischen Tempelverein“ gründeten, der damals sein erstes Bethaus am Alten Steinweg/Brunnenstraße hatte.

Die Gründungsväter des Liberalen Judentums waren allesamt vom Geist der Aufklärung geprägt und vom Wunsch beseelt, „den fast erkalteten Sinn für die ehrwürdige Religion der Väter zu beleben“, wie es in der Urkunde vom 11. Dezember 1817 heißt. Der Hamburger Tempelverein gilt deshalb als Wurzel des liberalen Judentums, zu dem sich heute etwa 1,7 der weltweit 14 Millionen Juden zugehörig fühlen. Besonders in den USA sei diese Strömung weit verbreitet, schreibt der Evangelische Pressedienst.

Das Judentum in Hamburg

In Hamburg wird das Jubiläum bis zum kommenden Montag mit Vorträgen, Konzert und Gottesdienst gefeiert. Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) lädt zum Senatsempfang ins Rathaus. Hamburgs liberale Juden nannten in der Zeit ihres religiösen und kulturellen Aufbruchs die Synagogen „Tempel“, grenzten sich gegen die orthodoxen Juden mit Predigten in deutscher Sprache, Orgelmusik und deutschen Chorälen ab.

Wichtig war ihnen die Gleichberechtigung von Mann und Frau. „Sie wollten ihr Judentum bewahren, indem sie es mit den Anforderungen der modernen, säkularen Gesellschaft zu einer liberalen Einheit verschmolzen“, schreibt die „Jüdische Allgemeine“. Die Anhänger waren in Hamburg vor allem Mitglieder der bürgerlichen Oberschicht.

Wie die religiöse Reform zu Konflikten führte

1844 konnte der Tempel in der Poolstraße eingeweiht werden, ein weiteres Bethaus entstand in den 1930er Jahren in der Oberstraße. „In Hamburg gelang es, die religiöse Reform erstmals dauerhaft institutionell zu verankern“, sagt Privatdozent Andreas Brämer vom Institut für die Geschichte der deutschen Juden.

Allerdings führte diese Reformbewegung zu Konflikten mit der jüdischen Orthodoxie. Die erste Auseinandersetzung mit der Jüdischen Gemeinde entzündete sich an einem neuen Gebet- und Gesangbuch: Weil viele der Gründerväter sich in Hamburg heimisch fühlten, beteten sie nicht mehr für eine Rückkehr nach Palästina, ins „Gelobte Land“.

Heinrich Heine war einer von ihnen

Auch Heinrich Heine (1797-1856), selbst jüdischer Abstammung, wurde auf das liberale Judentum aufmerksam. Schließlich wohnte er als junger Mann zeitweise bei seinem Onkel, dem Bankier Salomon Heine, in der Hansestadt. Mit markigen Worten wetterte der Dichter über das „verluderte Kaufmannsnes“, die „Stadt der Pfeffersäcke“ und die „getauften und ungetauften Juden (alle Hamburger nenne ich Juden). “Aber in seinem „Wintermärchen“ von 1843 findet er über den „Israelischen Tempel“ diese Worte: „Die Juden teilen sich wieder ein - In zwei verschiedene Parteien. Die Alten gehen in die Synagog, und in den Tempel die Neuen.“

Als die Synagogen brannten

Während der Reichspogromnacht am 9. November 1938 wurde der Tempel in der Oberstraße verwüstet. Dass die Nazis kein Feuer legten, ist der dichten Bebauung an der Oberstraße zu verdanken: Offenbar befürchteten die Nationalsozialisten, das Feuer könnte auf die Nachbarhäuser übergreifen.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mietete der damalige Nordwestdeutsche Rundfunk (NWDR) das Gebäude und ließ es zu einem Konzertsaal und Studio umbauen. 1953 kaufte der NWDR das Haus von der Jewish Trust Corporation. Seit 1982 steht der ehemalige Tempel unter Denkmalschutz. Nach umfangreichen Renovierungsarbeiten wurde das Haus am 6. März 2000 nach dem früheren Intendanten der Hamburgischen Staatsoper und ehemaligen Leiter der Hauptabteilung Musik des NDR in Rolf-Liebermann-Studio umbenannt.

Hamburg feiert Jubiläum der Tempel

Zum „Tempel“-Jubiläum in Hamburg erwartet die Union Progressiver Juden gemeinsam mit dem Institut für die Geschichte der deutschen Juden und dem Abraham-Geiger-Kolleg zahlreiche Gäste. Neben der Tagung und dem Senatsempfang wird im ehemaligen Tempel Oberstraße, dem heutigen NDR-Studio, ein Kantorenkonzert zu hören sein. Am kommenden Montag findet in der Poolstraße, dem Standort des Hamburger Israelischen Tempels aus dem Jahr 1844, eine Gedenkveranstaltung statt. In Hamburg gibt es eine liberale Gemeinde erst wieder seit dem Jahr 2004. Die Gemeinde im Karo-Viertel zählt rund 300 Mitglieder und strebt an, das „Reformjudentum“ wieder bekannter zu machen.