Vox-Show

„Höhle der Löwen“: Warum die Hamburger Deals platzten

Hamburger Kandidaten bei "Die Höhle der Löwen": Links das Team der Social-Dining-App Chef.One, rechts die Köpfe hinter der Tastillery

Hamburger Kandidaten bei "Die Höhle der Löwen": Links das Team der Social-Dining-App Chef.One, rechts die Köpfe hinter der Tastillery

Foto: Andreas Laible/Marcelo Hernandez / HA

Social-Dining-App Chef.one und Spirituosen-Heimtest Tastillery bekamen Deals – beide entschieden sich für den Alleingang.

Hamburg.  Erdal Alim kann nicht kochen. Das sagt er selbst. Aber er sitzt gern mit anderen Menschen um den Tisch und isst etwas Gutes. Eigentlich ist das schon der Grundgedanke für das Start-up, mit dem sich die drei Gründer von Chef.one bei der TV-Show „Die Höhle der Löwen“ beworben haben.

Social Dining heißt der Trend hinter dem Onlineportal, das Unbekannte zum Essen und Trinken zusammenbringt. „Es funktioniert wie Airbnb. Nur statt Schlafplätzen werden Dinnerplätze vermittelt“, sagt Erdal Alim, der schon viel in der Welt unterwegs war und den die meisten Eddi nennen. Der Gastgeber wird zum Koch, die Wohnung zum Restaurant. Seit März 2016 gibt es Chef.one, das der 33-Jährige zusammen mit Philipp Benseler und Dogan Ayhan managt. „Chef“ steht dabei für das englische Wort „ Koch“.

Warum Chef.one ohne „Höhle der Löwen“-Deal weitermacht

Schon im vergangenen November hatten sie sich beim quotenstarken Fernseh-Wettstreit beworben, ein Casting durchgestanden und den Telefoncheck. „Dann haben wir nichts mehr gehört“, sagt Philipp Benseler, der auch noch im Personalmanagement einer großen Hamburger Firma arbeitet. Im März kam der Anruf, zehn Tage vor dem Drehtermin. „Man weiß, man hat nur eine Chance“, sagt der 32 Jahre alte Betriebswirt. Ihr Ziel: 100.000 Euro für 15 Prozent der Unternehmensanteile. Sie bekamen sogar 150.000 Euro, die Investoren Frank Thelen und Judith Williams stiegen ein – für 25 Prozent.

Aber der Jubel wich schnell der Ernüchterung. „Es gab teilweise dann doch bei den drei Parteien leicht unterschiedliche Ansichten darüber, wie Chef.one strategisch weiterentwickelt werden kann. Daher haben wir uns dann letztlich gemeinsam entschieden, den Deal nicht zu machen“, sagt Eddy Alim. Dabei könnte auch die Analyse der Konkurrenz eine Rolle gespielt haben. Die Plattformen EatWith oder VizEat sind bereits seit Längerem erfolgreich auf dem internationalen Markt. Auch in Deutschland gibt schon diverse Angebote. Bedauern? Kopfschütteln. Eher: Jetzt-erst-recht-Stimmung. Schon im vergangenen Jahr war die Hamburger Beteiligungsgesellschaft Primera mit 20 Prozent bei Chef.one eingestiegen.

So funktioniert die Social-Dining-App Chef.one

Vegan, Wild, Beef oder doch lieber ein Korean BBQ mit Reiswein? Ein gutes Dutzend Dinner stehen in den kommenden Wochen in Hamburg zur Auswahl. Die Gäste können sich durch Fotos und Vorstellung von Gastgeber und Dinner sowie bisherige Bewertungen scrollen. Gebucht wird über Chef.one. Je nachdem, wie aufwendig gekocht wird, kann die Teilnahme 10 Euro kosten oder auch 50 Euro. „Wenn man zum Essen kommt, ist alles geregelt. Das macht es einfacher und zugleich verbindlich“, sagt Philipp Benseler. Chef.One verdient an einer Servicegebühr vom Gastgeber. Aktuell sind es 15 Prozent.

Bislang haben sie 6000 Menschen bei 1000 Essen an einen fremden Tisch gebracht. Viele Junge, aber auch Senioren der Generation 60+. „Anfangs waren die Gastgeber eher Profis, die sich ausprobieren wollten. Langsam wird es breiter“, sagen die Macher, die Chef.one mit 50.000 Euro aus den Ersparnissen gestartet hatten. Auch in anderen Großstädten gibt es die ersten Gastgeber. Die Resonanz ist positiv. Um davon zu leben, reicht es noch nicht.

Das Ziel von Chef.one: „eine automatisierte Plattform“

2016 nahmen sie gerade mal 1500 Euro ein. „In diesem Jahr ist es schon deutlich mehr. Wir sind in der Aufbauphase“, sagt Plattform-Architekt Alim, der als Informatiker Erfahrungen bei der Betreuung von Start-ups für ein amerikanisches Unternehmen sammelte. Inzwischen ist Chef.one auch eine Familienfirma. Alim, gebürtiger Celler mit kurdischen Wurzeln, holte vor Kurzem seinen Cousin Dogan Ayhan. Der Psychologe ist für das Marketing zuständig.

„Unser Ziel ist eine automatisierte Plattform“, sagt Philipp Benseler. Im Moment ist der Kontakt zu den Gast­gebern und Gästen noch intensiv. „So bekommen wir natürlich auch schöne Geschichten mit“, sagt Dogan Ayhan. Zum Beispiel die von einer jungen Frau aus Holland, die an ihrem Geburtstag allein in Hamburg war und sich bei einem Dinner anmeldete. „Wir haben dem Gastgeber einen Hinweis gegeben, und der hat ihr eine kleine Torte gebacken“, erzählt Erdal Alim. So können aus Fremden Freunde werden.

Auch die Tastillery möchte lieber ohne "Löwen" weitermachen

Carsten Maschmeyer winkte gleich ab. Alkohol? Nicht sein Ding, nicht sein Business. Und auch die meisten anderen Löwen waren zwar freundlich gestimmt, konnten sich für das Geschäftsmodell des Hamburger Start-ups Tastillery aber nicht erwärmen. Dagmar Wöhrl aber war begeistert – und machte den Deal. Genau so, wie Waldemar (35) und Andreas (28) Wegelin ihn angeboten hatten: 100.000 Euro für 20 Prozent der Anteile an Tastillery.

Das Kunstwort aus Tasting (probieren, verkosten) und Distillery (Brennerei) beschreibt schon das Geschäftsmodell: Die Wegelins verschicken kleine Alkoholproben an Kunden, die sich allein oder mit Freunden einen netten Probier-Abend machen wollen.

Intensive Gespräche mit Dagmar Wöhrl – aber kein Deal

Gut sieben Monate nach Aufzeichnung der Sendung, die am Dienstagabend ausgestrahlt wurde, sitzen die Cousins in ihrem Büro in St. Georg – und sind immer noch zu je 50 Prozent Inhaber ihres 2016 gegründeten Unternehmens. Der Deal ist dann doch nicht zustande gekommen.

„Wir hatten mit den Wöhrls sehr intensive Gespräche, haben über ein riesiges Vertragswerk diskutiert. Die Chemie hat gestimmt, aber letztendlich haben wir als Gründer uns dagegen entschieden“, sagt Andreas Wegelin. Sein Cousin betont, der Kontakt zu dem Doch-nicht-Teilhaber aus Bayern sei weiter gut. „Wir telefonieren immer mal wieder, die Wöhrls haben uns interessante Kontakte verschafft.“ Auch in einer zum Wöhrl-Imperium gehörenden Hotelkette werden die Tasting-Sets der Hamburger jetzt verkauft.

3500 Probierboxen hat die Tastillery bereits verkauft

Im Oktober 2016 startete der Tastillery-Onlineshop mit zwei von diesen Sets, die Whisk(e)y, Gin oder Rum-Proben enthalten. Als die Cousins im Frühjahr zur Aufzeichnung nach Köln fuhren, waren es vier Sets. 1400 hatten sie verkauft. Mittlerweile haben sie mehr als 3500 der Boxen zum Preis von 39 bis 48 Euro abgesetzt, und es gibt sechs unterschiedliche Varianten: je zwei mit Whisky und Gin, eine mit Rum, eine mit Bourbon, Scotch, japanischem Whisky, Cognac und Rum.

Je fünf 0,05-Liter-Fläschchen mit unterschiedlichen Spirituosen enthält ein Set. Es sind Marken und Abfüllungen, von denen eine 0,7-Liter-Flasche im Handel 30, 40 und manchmal auch 60 Euro kostet. Hochgerechnet auf den Literpreis sind die Portionen sehr teurer. Wer kauft denn so was?

Tastillery: Orientierung für Leute, die sich nicht auskennen

„Unsere Zielgruppe sind Leute, die sich für hochwertige Spirituosen interessieren, sich aber noch nicht auskennen; die nicht sehr viel Geld für eine große Flasche Whisky ausgeben wollen, der ihnen dann vielleicht gar nicht schmeckt. Wir geben ihnen Orientierung, wählen für sie aus, sagen ihnen, was gut ist und was sie mal probiert haben sollten. Wir wollen Inspiration geben“, sagt Waldemar Wegelin. Er hat viele Jahre als Werber gearbeitet. Sein Cousin hat Management studiert.

Dass ihr Weg in die Selbstständigkeit führt, war klar, dass er ins Spirituosen-Geschäft führt, lag nahe: Die Väter der Wegelins kamen vor fast 30 Jahren mit ihren Familien aus Kasachstan nach Deutschland. Erst exportierten sie von hier aus Wein in die frühere Sowjet­republik, jetzt gehören sie dort zu den größten Weinproduzenten.

Die Cousins hoffen darauf, die Tastillery 2017 profitabel zu machen

Die Söhne lassen Hochprozentiges im eigenen Abfüllraum in Hammerbrook in die Fläschchen füllen. Anfangs oft aus 0,7-Liter-Flaschen, inzwischen häufig aus – im Einkauf günstigeren – Kanistern oder Fässern. „Viele Großhändler und Importeure waren zunächst zurückhaltend, mittlerweile kommen sie selbst auf uns zu“, sagt Andreas Wegelin.

„Zurzeit zahlen wir uns selbst kaum etwas aus, hoffen aber, dass wir das Unternehmen noch dieses Jahr profitabel machen“, sagt sein Cousin. Trotzdem haben die beiden in den vergangenen Monaten erheblich investiert: in die Infobroschüren mit Tipps und Anregungen für das private Tasting, die zu jedem Set gehören, und in die aufwendig gestalteten Boxen und in ihren Onlineshop.

Er wurde wenige Tage vor der Sendung neu gestaltet und zeigt, wie die Wegelins expandieren wollen: Verkauf auch von großen Flaschen, nun gibt es einen Tastillery-Club und Sets mit drei Minis im Monats-Abo. „Insgesamt haben wir bislang einen sechsstelligen Betrag investiert“, sagt Waldemar Wegelin. Statt Dagmar Wöhrl gibt es andere Geldgeber. Sie gaben Privatdarlehen.