Hamburg

Sonnabend oder Samstag? Über das Nord-Süd-Gefälle

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Peter Schmachthagen
Autor Peter Schmachthagen

Autor Peter Schmachthagen

Foto: Klaus Bodig

Offenbar meint man bei der ARD Aktuell, den Süddeutschen nichts Norddeutsches zumuten zu können.

Hamburg. Die Schleswig-Holsteiner sind die glücklichsten Menschen in Deutschland, und zwar bereits seit fünf Jahren. Das ist kein Wunder, denn schließlich leben sie dort, wo andere Leute Urlaub machen. Die Hamburger müssen deshalb nicht traurig sein. Laut dem aktuellen Glücksatlas der Deutschen Post folgen sie an zweiter Stelle auf der Skala der Zufriedenheit mit ihrem Wohnort, jedenfalls für die Zeit, in der nicht gerade ein G-20-Gipfel oder eine sonstige nervige Großveranstaltung stattfindet. Das mag mit dem besonderen heimatverbundenen Lebensgefühl der Norddeutschen zusammenhängen, mit der Fähigkeit, es sich selbst und anderen gemütlich zu machen.

Dies spüren auch die Touristen, die 2017 trotz des missratenen Sommers wieder zahlreich an die Elbe, Alster und die Waterkant geströmt sind. Wer verreist, will Land und Leute kennenlernen. Urlauber aus Bayern schmunzeln, dass der Bungsberg mit gerade einmal 167,4 Metern als Hochgebirge gilt, dass die Menschen hier edle Schollen mit Speck braten, der jeden Fischgeschmack zerstört, dass sie Pökelfleisch und saure Heringe durch den Wolf drehen und das Ganze dann als Labskaus zur Delikatesse erklären oder dass sie sich nach zusammengekochten Birnen, Bohnen und durchwachsenem Speck die Lippen lecken.

An die Sprache müssen sich Fremde erst gewöhnen

Auch an die Sprache und die Schnacks müssen sich Fremde erst einmal gewöhnen. Zur Begrüßung heißt es „Moin!“, und zwar zu jeder Tageszeit, und zum Abschied sagt man „Tschüs!“, das hinten mit nur einem einfachen „s“ geschrieben wird. Und dann treffen die Besucher aus Süd- und Westdeutschland, die den Ausdruck „Samstag“ gewohnt sind, hier im Norden überraschend auf die Bezeichnung „Sonnabend“ für den sechsten Wochentag.

Verleger Axel Springer (1912–1985), der 1948 mit dem Hamburger Abendblatt endlich seine erste Tageszeitung herausgeben durfte, erklärte damals in der Redaktionskonferenz: „In Hamburg heißt der Samstag Sonnabend!“ Das war mehr als ein Gebot, das war quasi ein Glaubensbekenntnis des Mannes, der mit dem Abendblatt zwar „die Welt umfassen“ wollte, aber das nur „mit der Heimat im Herzen“, wie Sie heute noch im Titelkopf auf der Seite 1 lesen können.

Doch nicht nur für Springer, nicht nur für Hamburg sowie für Schleswig und Holstein galt und gilt der Sonnabend wie ein Lackmustest der Heimatverbundenheit, auch im Norden und Osten über Berlin und Leipzig bis nach Dresden heißt es „Sonnabend“. Der Sonnabend war die amtliche Bezeichnung in der DDR und kommt sogar im BGB und in einigen Ladenschlussgesetzen vor, während der Samstag im Süden und Westen, in Österreich und der Schweiz vorherrscht.

Diese Vorherrschaft droht zuzunehmen. Deutschlandweite Publikationen sprechen vom Samstag, und die „Tagesschau“ aus Hamburg, die seinerzeit mit dem Sonnabend begonnen hat, ist im Gegensatz zum NDR zum Samstag übergelaufen. Warum nur? Verrat an der Herkunft? Offenbar meint man bei der ARD Aktuell, den Süddeutschen nichts Norddeutsches zumuten zu können, während den Norddeutschen dauernd Südliches aufgetischt wird. Doch wollen wir Deutschland nicht an dem Namen eines Wochentages spalten.

„Sonnabend“ ist ein Anglizismus

Die Bezeichnung „Samstag“ ist die ältere, geht auf den althochdeutschen sambaztac zurück und enthält das vulgärgriechische Lehnwort *sámbaton (für griech. sábbaton), das aus dem hebräischen šabbat entlehnt ist, mit dem der Sabbat, der nach jüdischem Glauben von Freitagabend bis Samstagabend dauernde geheiligte wöchentliche Feiertag, bezeichnet wird.

Der Name „Sonnabend“ ist ein Anglizismus, wenn auch ein sehr alter. Der in England geborene Missionar Bonifatius, der von 672 bis 754 gelebt hat und „Apostel der Deutschen“ genannt wird, wollte dem jüdischen Sabbat eine christliche Bezeichnung entgegensetzen und übertrug das altenglische sunnanæfen als sunnunaband ins Althochdeutsche. Der „Sonnabend“ war ursprünglich nur der Vorabend des Sonntags, später dagegen der ganze Tag davor. Die Bedeutung Vorabend (eines Fes­tes) gründet sich in der alten Auffassung, dass ein solcher Tag schon nach der Vesper des vorangehenden Abends beginne (3. Mose 23, 32). Das Weihnachtsfest beginnt danach mit dem Heiligen Abend am Vortag, mit dem 24. Dezember.

Die Engländer selbst hielten sich später an die lateinische Bezeichnung Saturni Dies („Tag des Saturns“, Satertag), weshalb jener Wochentag heute Saturday heißt. Tödliches Pech hatte Bonifatius auch bei den Friesen, die partout keine Christen werden wollten. Sie erschlugen ihn nahe dem heutigen niederländischen Dokkum, weshalb dort der Sonnabend nicht eingeführt werden konnte. In den Niederlanden heißt es noch heute zaterdag.

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