Konzert

Glanzleistung der Hamburger Camerata in der Elbphilharmonie

Simon Gaudenz dirigierte das Konzert
in der Elbphilharmonie

Simon Gaudenz dirigierte das Konzert in der Elbphilharmonie

Foto: Lucian Hunziker

In der Elbphilharmonie debütierte das Ensemble mit einem packenden Programm. Werke aus dem Halbschatten der Orchesterliteratur.

Hamburg.  Das hätte auch schiefgehen können, diesen Gedanken kann man spüren beim Debüt der Hamburger Camerata am Dienstag im Großen Saal der Elbphilharmonie. Aber zum Glück, wie bei den meisten gelungenen Konzerten: erst in dem Moment, als der Abend schon nicht mehr schiefgehen kann. Am Dienstag ist es der Augenblick nach dem Schlussakkord des Violinkonzerts von Robert Schumann mit dem Geiger Albrecht Menzel als Solist. In dieser Sekunde kann man sehen, wie die Befangenheit weicht, die sich allein in ihrem Verschwinden bemerkbar macht. Und also ist der Abend mit der Camerata, dirigiert von Simon Gaudenz, weit entfernt von jeglicher Unsicherheit. Aber eben doch ein Konzert, dessen Gelingen nicht schon vom ersten Takt an feststeht.

Das Programm: Die Musique Fu­nèbre von Witold Lutoslawski, danach die Sinfonie Nr. 90 in C-Dur von Joseph Haydn und das Concert Românesc von György Ligeti, Werke aus dem Halbschatten der Orchesterliteratur, Stücke, die man nicht ständig hört. Und es ist ein dramaturgischer Trick, die Trauermusik - ein komplexes Klanggemälde aus geometrisch verschalteten Disharmonien - an den Anfang zu stellen. Dafür nämlich braucht es eine Spur Befangenheit, hochgedrehte Konzentration, abgesoftete Dramatik. Ein wenig Nervosität vor dem Debüt im spannendsten Konzerthaus mindestens im deutschsprachigen Raum kann diesem Stück nur helfen.

Geifbare Freude

Das Schumann-Violinkonzert macht es Albrecht Menzel nicht nur wegen der hineinkomponierten technischen Vertracktheiten nicht leicht. Es hat auch nicht ganz zu Unrecht den Ruf, kein Geniestreich zu sein, sondern „nur“ ein Werk nach den Regeln der Kunst, technische Finessen, gutes Material, die Summe seiner Teile, aber nicht mehr. Man muss, um damit abzuheben, sehr viel Energie ins Flügelschlagen stecken, und das gelingt mit Bravour: eine exzellente und hochvirtuose Leistung, nicht alle Töne strahlen gleich hell, das ist hier und heute aber keineswegs ein Makel, sondern lässt Menzels Vortrag auf gute Art wahrhaftig wirken, nicht glatt gebügelt und hochgeföhnt, sondern so ehrlich, wie er gemeint ist.

Menzel schiebt dann noch zwei Zugaben nach, die Konzertetüde „Der Erlkönig“ von Heinrich Wilhelm Ernst, danach ein Largo von Johann Sebastian Bach, und das ist der Moment, in dem die Musik aufblüht, und zwar unisono mit ihren Interpreten. Haydn und Ligeti spielen die Musiker mit so greifbarer Lust und Freude, dass es fast schade ist, die Musik an dieser Stelle wie immer nur nacherzählen zu können.

Eine Glanzleistung

Dieses Konzert ist auch für die Musiker zweifellos ein besonderes, zum ersten Mal in diesem Saal, einem Saal, der das Kunststück fertigbringt, nagelneu zu sein und aber dennoch schon eine Aura zu haben, so, als hätte jeder Ton aus der ersten Saison in einem Winkel einen kleinen Abdruck hinterlassen. Genau das ist ja, am Rande bemerkt, der leise Humor der Innenraumverkleidung: dass sie aussieht, als wäre sie vor dem ersten Konzert glatt gewesen und hätte ihre Falten und Dellen durch die Tausende Töne bekommen, die im Laufe des ersten Jahres auf ihr gelandet sind.

Man muss das Konzert aber gar nicht mit der Bedeutung aufladen, die sich aus Zeit und Ort ergibt, um beim Verlassen des Saals nur noch einen Halbsatz im Kopf zu haben: eine Glanzleistung.