Hamburg

Werbekampagne für Hamburgs Stadtteilschulen

Vor der Anmelderunde für die 5. Klassen betont der Senat die Vorteile der Schulform

Hamburg. In drei Monaten müssen die Eltern von 16.000 Viertklässlern in Hamburg eine wegweisende Entscheidung für ihr Kind treffen: Stadtteilschule oder Gymnasium? Für eine der beiden weiterführenden Schulformen müssen sie sich entscheiden. Angesichts der Tatsache, dass dabei die Gymnasien seit Jahren deutlich vorn liegen – zuletzt war das Verhältnis der Anmeldungen etwa 54 zu 46 Prozent –, hat Schulsenator Ties Rabe (SPD) am Dienstag eine Kampagne für die Stadtteilschulen gestartet.

Sie beinhaltet unter anderem ein gemeinsames Logo („Für alle, die mehr wollen“), ein Internet-Infoportal (www.hamburg.de/stadtteilschule), einen YouTube-Clip (www.hamburg.de/stadtteilschule/9819404/fuer-alle-die-mehr-wollen) sowie Plakate, auf denen Stadtteilschüler für ihre Schulform werben: „Ich will das Abitur. Mit 1,4“, sagt dort zum Beispiel Selina (19) von der Stadtteilschule Lohbrügge – und weist so nebenbei auf den vielen Eltern gar nicht bekannten Umstand hin, dass auch auf der Stadtteilschule das Abitur abgelegt werden kann.

„Der Schritt in die 5. Klasse will gut überlegt sein“, sagte Rabe. Eltern sollten sich gut über die Schulen und die Schulformen informieren. „Wichtig ist es, die Empfehlung der Grundschullehrkräfte sehr ernst zu nehmen“, sagte Rabe und betonte, dass sich „manche Schulwahl als falsch herausstellt“. So haben im vergangenen Schuljahr knapp 1500 Schüler das Gymnasium wieder verlassen, davon allein 865 nach Klasse sechs. Die Stadtteilschulen seien zwar darauf vorbereitet, diese Schüler aufzunehmen, dennoch bleibe eine „leidvolle Erfahrung des Scheiterns“, die er den Kindern ersparen wolle, sagte Rabe.

Opposition fordert mehr Unterstützung statt Werbung

Zumindest indirekt warb Rabe daher dafür, die Kinder gleich auf einer Stadtteilschule anzumelden. Die böten viele Vorteile: mit durchschnittlich 10,8 Schülern pro Lehrer die beste Personalausstattung der allgemeinen Schulen, kleine Klassen mit maximal 23 Schülern in den Stufen 5 bis 10 (Gymnasium: bis zu 28), alle Schulabschlüsse, ein Jahr länger Schulzeit bis zum Abitur (G9 statt G8 am Gymnasium), Ganztagsangebote an allen Schulen und viele neue Gebäude.

Vicky-Marina Schmidt, Leiterin der Goethe-Schule in Harburg, einer der größten und beliebtesten Stadtteilschulen Hamburgs, betonte einen weiteren Vorteil: Die Stadtteilschule „reagiere“ auf die Kinder, während diese sich am Gymnasium eher an eine relativ starre Organisationsform anzupassen hätten. Nach ihrer Beobachtung seien Eltern oft früh auf eine Schule festgelegt und wüssten wenig über die Stadtteilschulen. So werde sie manchmal gefragt, ob denn das Abi an ihrer Schule genauso viel wert sei wie an einem Gymnasium. Die Stadtteilschulen waren 2010 aus den früheren Haupt- und Realschulen sowie Gesamtschulen entstanden.

Sabine Boeddinghaus, Fraktionsvorsitzende der Linkspartei, kritisierte, dass die noch junge Schulform die Inklusion (also die Beschulung von Schülern mit Förderbedarf), den Ganztag und die Flüchtlingsbeschulung „fast alleine stemmen“ müsse: „Die Schulen brauchen endlich konkrete Unterstützungsmaßnahmen, keine Werbekampagne!“

FDP-Fraktionschefin Anna von Treuenfels-Frowein sagte: „Die Stadtteilschulen stehen nach sechs Jahren SPD-Bildungspolitik vor großen Herausforderungen. Statt die wirkungsvoll anzugehen, unternimmt Senator Rabe den Versuch, die eigentlichen Probleme durch eine dünne Informationskampagne zu verschleiern. Sinnvoller wäre eine ernst gemeinte Qualitätsoffensive.“