Othmarschen

Überfall als Paketbote – Angeklagter schämt sich

Der Angeklagte im Prozess wegen schweren Raubes hält sich  im Strafjustizgebäude in Hamburg neben seiner Anwältin Astrid Denecke eine Jacke vor sein Gesicht

Der Angeklagte im Prozess wegen schweren Raubes hält sich im Strafjustizgebäude in Hamburg neben seiner Anwältin Astrid Denecke eine Jacke vor sein Gesicht

Foto: Axel Heimken / dpa

Zwei Männer überfallen eine Frau und erbeuten Schmuck und Bargeld im Wert von 400.000 Euro. Ein 30-Jähriger gesteht die Tat

Hamburg.  Der Albtraum begann mitten am Tag. Das Böse kam in Gestalt von Männern, die vermeintlich bei einem Paketdienst arbeiteten. Doch statt einer sehnlichst erwarteten Sendung hatten die Männer eine Waffe dabei – und sie drohten mit dem Tod, um möglichst fette Beute zu machen.

Wenn Erhan S. heute von dem Verbrechen vom 10. November 2015 spricht, für das er sich als Angeklagter vor dem Landgericht verantworten muss, dann redet der 30-Jährige von „Scham“ und dass er für seine Tat „geradestehen“ wolle. Und er spricht bewundernd von jener Frau, der er eine Pistole an den Kopf gehalten und sie ausgeraubt hat. „Ich habe darüber nachgedacht, wie viel Mut und Stärke sie aufgebracht hat“, sagt der drahtige, dunkelhaarige Mann über die 52-Jährige, die durch ihn und einen Komplizen zum Opfer wurde. Der Mittäter wurde bereits in einem gesonderten Verfahren wegen des Verbrechens zu acht Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Erhan S. war nach der Tat zunächst in die Türkei geflohen, stellte sich dann aber später der Polizei und kam in Untersuchungshaft.

Er habe sich für das Verbrechen ködern lassen

Schwerer Raub wird dem bereits wegen ähnlicher Delikte vorbestraften 30-Jährigen von der Staatsanwaltschaft vorgeworfen. Demnach hatten sich die beiden Männer Westen eines Paketdienstes angezogen und zur Tarnung ein Päckchen dabei, als sie an einer Wohnung in Othmarschen klingelten. Als die Hausherrin die Tür öffnete, hielten sie ihr eine mit Pfefferspray geladene Schreckschusspistole an den Kopf und forderten, sie müsse den Tresor öffnen. „Sonst töten wir dich und deine Familie“, drohten die Verbrecher laut Anklage. Sie wüssten auch, wo die Tochter des Opfers zur Schule geht. Die verängstigte 52-Jährige öffnete daraufhin den Safe. Die Täter erbeuteten Geld, Gold und Schmuck im Wert von rund 400.000 Euro. Die Geschädigte folgte den Männern und konnte Erhan S. noch auf dem Wohngrundstück eine der Taschen entreißen. Doch der Mann brachte sie mit einem Faustschlag zu Boden und entkam.

Ein Bekannter von ihm habe die Tat geplant und ihm von einer angeblich besonders guten Gelegenheit für einen Raubzug vorgeschwärmt, erzählt der 30-Jährige. Er habe sich für das Verbrechen ködern lassen, weil er gerade nach mehreren Jahren im Gefängnis nur eine mäßig dotierte Arbeit hatte und es „finanziell ziemlich eng war“. Der Komplize erzählte demnach, sie hätten über Mittelsleute einen Schlüssel für die Wohnung bekommen und könnten Beute im Wert von mehreren Hunderttausend Euro erwarten. Zudem sei die Frau vormittags allein zu Hause, der Ehemann sei bei der Arbeit und die Tochter in der Schule. Der Kumpel habe die Weste eines Paketdienstes besorgt und ein Päckchen, um eine Tarnung zu haben. Zudem habe er die Schreckschusspistole beschafft.

Nun will der Angeklagte reinen Tisch machen

Es sei geplant gewesen, die Frau mit der Waffe zu bedrohen, um von ihr den Code für den Tresor zu erpressen, es habe aber keine körperliche Gewalt angewandt werden sollen, betont Erhan S. Als das Opfer nach dem Klingeln die Tür öffnete, „hielt ich ihr die Waffe an den Kopf. Sie fing an zu schreien“. Sie zwangen die Frau, ihren Safe mithilfe eines Codes zu öffnen. „Wir drohten, wir bringen sonst ihre Familie um und wissen auch, wo ihre Tochter zur Schule geht.“

Dann rafften die Verbrecher Uhren, Schmuck und Goldbarren zusammen und verstauten ihre Beute in zwei mitgebrachten Taschen. Sein Komplize flüchtete, „ich bin hinterher“. Er sei damals übergewichtig gewesen und außer Form. „Ich war nicht sehr schnell“, und seine Tasche mit der Beute sei „schwer wie Blei“ gewesen, also habe er den Beutel fallen gelassen. Das Opfer nahm die Verfolgung von Erhan S. auf und konnte ihn einholen. Um sich ihr zu entwinden, habe er „blindlings nach hinten geschlagen“ und die Frau dabei im Gesicht getroffen. „Ich wollte nur noch weg. Die Beute war mir in dem Moment egal.“ Er sprang zu seinem Komplizen ins Fluchtauto. Doch weit kamen die Räuber nicht. Nach wenigen Kilometern raste ihr Wagen in einen an der Straße geparkten Autotransporter. Nun flohen die Männer zu Fuß weiter.

"Die Frau war vollkommen aufgelöst und weinte"

Nach Darstellung des Angeklagten sind die Täter bei ihrem Raub letztlich leer ausgegangen. Die eine Tasche mit Beute ließ er zurück, die zweite hätten sie in einem Gebüsch versteckt, doch später sei der Beutel nicht mehr zu finden gewesen. Bei der Planung habe die Tat „noch so einfach geklungen. Und doch ist so vieles schiefgegangen“, zieht der 30-Jährige Bilanz. Nun wolle er reinen Tisch machen – auch indem er die Namen seiner Mittäter nenne und damit zur Aufklärung des Falls beitrage. „Ich erhoffe dadurch eine geringere Strafe.“ Außerdem habe er durch den Verkauf von geerbtem Schmuck 10.000 Euro zusammenkratzen können. Die wolle er dem Opfer als erste Entschädigung anbieten.

Doch wie soll Geld das wieder gutmachen, was die Frau durchlitten hat, die Ängste durch die Bedrohungen und das Gefühl, dass einem eine Waffe an den Kopf gedrückt wird? Eine Polizistin, die unmittelbar nach der Tat am Einsatzort war, erzählt als Zeugin: „Die Frau war vollkommen aufgelöst und weinte.“

Der Prozess wird fortgesetzt.