Polizei

Mein Smartphone, der Dieb und das Video

Viele Schalterräume in Banken werden mit Videokameras überwacht

Viele Schalterräume in Banken werden mit Videokameras überwacht

Foto: HA

Ein Mann stiehlt ein Smartphone. Kameras zeichnen alles auf. Der Fall dürfte einfach zu lösen sein, denkt man als Opfer. Ein Irrtum.

Hamburg. Das Wichtigste für die Aufklärung einer Straftat ist, dass sich Opfer und Zeugen an möglichst viele Details erinnern. So etwas weiß man als verantwortungsvoller Bürger natürlich, und deshalb war ich fast ein wenig stolz, als ich mich nach dem Diebstahl meines Smartphones auf den Weg zur Polizei machte. Denn ich hatte alles: die minutengenaue zeitliche Abfolge, einen Film, auf dem die Tat zu sehen ist, und den Täter, mit Namen und Kontostand. Mehr geht nicht, dachte ich, und dass es jetzt ganz einfach sein müsste, mein Handy zurückzubekommen. „Solche Opfer wie dich kann man sich nur wünschen“, sagte eine Kollegin noch. „Du lieferst den Behörden den Täter ja quasi auf dem Silbertablett.“

Dies ist eine Geschichte, die wirklich jedem passieren kann und die in dieser Stadt täglich ungezählten Menschen passiert. Und die zeigt, wie komplex und langwierig die Aufklärung einer Straftat selbst dann ist, wenn alles, was man dazu braucht, vorhanden zu sein scheint. Aber der Reihe nach. Es ist Donnerstag, 21. September, drei Tage vor der Bundestagswahl. Ich bin auf dem Weg zur Filiale meiner Bank, um an einem Terminal Kontoauszüge auszudrucken.

Eine Ortung über das Internet scheitert

Es ist 17.12 Uhr, was ich deshalb so genau weiß, weil ich um diese Zeit meine Frau angerufen habe – es sollte das letzte Telefonat mit meinem Smartphone sein. Nachdem ich aufgelegt habe, stecke ich meine EC-Karte in den Automaten und fordere die Auszüge an. Der Vorgang ist um 17.16 Uhr beendet. Ich nehme die Papiere, verlasse die Filiale, gehe 50, 60 Meter, um dann festzustellen, dass mein Handy weg ist. Habe ich es etwa neben dem Kontoauszugsdrucker liegen lassen?

Ich laufe zurück, sehe mich hektisch im Schalterraum um und frage laut: „Hat jemand ein Smartphone gesehen?“ Zwei Bankangestellte kommen, einer fragt, wann ich denn hier gewesen sei. Ich schaue auf die Uhr, es ist 17.19 Uhr – also vor drei Minuten. Der freundliche Herr bietet mir an, auf meinem Handy anzurufen. Gute Idee! Doch: Es springt nur die Mailbox an. Wer immer mein Smartphone hat, er hat es ausgeschaltet. Auch der Versuch, das Gerät übers Internet zu orten, scheitert. Ich lasse meine Handy-inhalte via Apple löschen und die SIM-Karte über den Telefonanbieter sperren. Dauert 30 Minuten.

Selbstbedienungsraum wird überwacht

Nächster Schritt: der Anruf bei der Polizei. Ich schildere den Fall und will wissen, ob ich ihn zur Anzeige bringen muss. Der freundliche Beamte sagt: „Können Sie, wenn Sie es für die Versicherung brauchen, müssen Sie aber nicht.“ Dann eben nicht. Hört und liest man ja oft, dass man gestohlene Handys, Fahrräder oder Kreditkarten sowieso nur sehr, sehr selten wiedererhält. Und dass sich der ganze Aufwand nicht lohnt.

Oder doch? Ich gehe noch einmal in die Filiale meiner Bank, gucke in jede Ecke und hinter jeden Computer – und dann: in eine Kamera. Natürlich! Der Selbstbedienungsraum wird per Video überwacht, der Diebstahl muss auf dem Band irgendwo zwischen 17.12 Uhr und 17.19 Uhr zu sehen sein. Ich rufe meinen Bankberater auf dem Handy an, ob er vielleicht versuchen könne, sich die Aufzeichnungen anzusehen.

Er kann, allerdings erst am nächsten Morgen. An dem Tag, an dem ich dann doch zur Polizei gehen und eine Anzeige erstatten sollte. Denn auf den Videoaufzeichnungen war alles zu sehen: wie ich die Bank betrete, das Smartphone neben das Terminal lege und Kontoauszüge hole. Ich gehe raus, das Handy bleibt liegen. Ein anderer Mann kommt, sieht das Handy, nimmt es (macht es offensichtlich aus) und steckt es in dem Moment in seine Tasche, in dem ich erneut in die Filiale komme und frage, ob jemand ein Smartphone gesehen hat. So weit, so gut das Video. Aber es wird noch besser: Als wäre nichts gewesen, geht der Täter zum nächsten Geldautomaten, steckt seine EC-Karte hinein – und hebt Geld ab …

Das klingt jetzt nicht nach einem professionellen Dieb, eher nach einem Gelegenheitstäter. Aber das ist mir egal: Mein Bankberater sagt, dass er den Namen des Herrn natürlich ermitteln könne, diesen aber genau wie den Film nur an die Polizei herausgeben dürfe. Wenn ich dort Anzeige erstatten würde, müsste die Tat sehr schnell und einfach aufzuklären sein.

Gut für die Polizeistatistik

Ein schneller, einfacher (Fahndungs-)Erfolg – gut für mich, gut für die Polizeistatistik. Am Freitag, 22. September, gut 17 Stunden nach der Tat, sitze ich im Polizeikommissariat und habe Mitleid mit den beiden Opfern, die vor mir auf die Aufnahme ihrer Anzeige warten. Einer Frau ist die Kreditkarte gestohlen worden, einem Mann sein teures Fahrrad. „Gibt es irgendwelche Videoaufnahmen?“, frage ich ihn. „Leider nein“, sagt er. Was habe ich nur für ein Glück.

Der Polizeibeamte, der meinen Fall zu Protokoll nimmt, ist trotz der Videoaufnahme und der Telefonnummer meines Bankberaters, die ich natürlich mitliefere, nicht so euphorisch. „Sie müssen doch nur den Film anfordern und den Namen des Mannes, der Geld abgehoben hat“, sage ich. Er sagt nur: „Wenn das so einfach wäre. Datenschutz.“ „Datenschutz?“, frage ich zurück. „Bei einer Straftat?“ „Datenschutz geht über alles“, sagt er und dass es sich formal nicht um einen Diebstahl, sondern um eine Unterschlagung gemäß Paragraf 246 Strafgesetzbuch handeln würde. Dafür können aber auch bis zu drei Jahre Haft verhängt werden.

„Die Tathandlung ist klar zu sehen“

Ich bin so gespannt, wie es weitergeht, dass ich am Mittwoch, fünf Tage nach der Anzeige, bei der Kripo anrufe. Ob sie den Täter inzwischen gestellt haben? Wie muss das wohl für ihn gewesen sein, als es plötzlich an seiner Tür klingelte, und die Polizei stand davor? Wie dämlich kann man sein, ein Handy zu klauen, Verzeihung: zu unterschlagen, und dann Geld abzuheben? So viele Fragen, aber nur eine Antwort: Es war noch gar keiner bei dem Täter. Dabei hat die Polizei genau das getan, was ich als Bürger erwartet habe. Noch am Freitag, also direkt nach meiner Anzeige, wurde, wie es heißt, „die Sicherung der Aufzeichnungen“ bei der Bank veranlasst.

„Die Tathandlung ist klar zu sehen“, sagt mir eine Kripobeamtin. „Sie sind der Person auch im Selbstbedienungsbereich begegnet.“ Und: „Die Anzeige wurde Montag bereits mit der Bitte an die Staatsanwaltschaft Hamburg übersandt, ein Ersuchen an die Bank zu stellen, um die Kontodaten des Beschuldigten zu erhalten. Diese werden der Polizei nicht ohne staatsanwaltschaftliches Ersuchen übermittelt.“ Datenschutz, siehe oben. Immerhin scheint die Kripo den Fall ähnlich einzuordnen wie ich: „Ich bin zuversichtlich, dass wir so den Täter ermitteln können.“ Das war am 27. September.

Ist das Smartphone schon weiterverkauft?

Am 6. Oktober frage ich noch mal nach. Es gibt nichts Neues: „Die Akte ist nach wie vor bei der Staatsanwaltschaft“, heißt es von der Kripo. „Erfahrungsgemäß stellt die Staatsanwaltschaft die Anfrage dann direkt an die Bank, die wiederum an die Staatsanwaltschaft Auskunft erteilt.“ Dann ginge die Akte zurück an die Polizei: „Es kann dahingehend aber noch dauern.“

Ich bedanke mich für die Information und schreibe: „Als Laie ist es ja interessant zu verfolgen, wie so etwas läuft. Zumal ich gedacht habe, dass ich angesichts der ganzen Beweise mein Handy vielleicht wiedersehe. Aber wenn die Staatsanwaltschaft so lange braucht, ist es sicher schon weiterverkauft. Wie lange dauert denn so was?“ Antwort: „Ich denke, mit vier Wochen muss gerechnet werden. Vom Optischen her würde ich den Täter nicht als denjenigen bezeichnen, der typisch für diese Delikte ist, aber man weiß ja nie.“

Ermittler: Es ist manchmal zum Verzweifeln

Inzwischen weiß ich: Der Mann ist ein Typ wie ich, Mitte 40, im Anzug. Ein Gelegenheitsdieb? Aus meinem Fall beginnt eine Geschichte für die Zeitung zu werden, zumal es bei Recherchen in der Kripo heißt, dass der Verlauf so ungewöhnlich nicht sei. Es sei manchmal zum Verzweifeln, sagen Ermittler, „da stehen wir so oft mit so vielen Beweisen da, und die Mühlen der Staatsanwaltschaft mahlen langsam“.

Ich warte weitere zehn Tage, bevor ich am 16. Oktober noch einmal bei der Kripo nachfrage: „Leider gibt es keine Neuigkeiten.“ Ich solle es vielleicht einmal bei der Staatsanwaltschaft versuchen. Also los. Die Auskunft dort: Am 4. Oktober sei eine Anfrage nach den Daten des mutmaßlichen Täters bei der Bank gestellt worden – aber die habe bisher nicht geantwortet.

Es bleibt spannend

Die Tat ist inzwischen vier Wochen her. Ich rufe erneut meinen Bankberater an: Ob er vielleicht recherchieren könnte, warum die Bank so lange braucht, um die benötigten Informationen an die Staatsanwaltschaft zu schicken? Er recherchiert, mit einem interessanten Ergebnis: Die Bank hat der Staatsanwaltschaft bereits am 5. Oktober, einen Tag nach der Anfrage, die IBAN-Nummern von zwei Menschen geschickt, die als Täter infrage kommen. Es handele sich um Kunden von anderen Banken, deshalb habe man Namen und Adressen nicht ermitteln können.

Mal sehen, was die Staatsanwaltschaft dazu sagt. Neue Anfrage am gestrigen Mittwoch. Nun wird bestätigt, dass die Bank „mit Schreiben am 5. Oktober, eingegangen am 9. Oktober“ geantwortet hat. „Die Akte wurde der zuständigen Dezernentin am 10. Oktober vorgelegt, vom 16. bis 20. Oktober war diese urlaubsbedingt nicht im Dienst.“ Am 24. Oktober seien dann sogenannte Bankauskunftsanfragen an die zwei Institute gestellt worden, mit der Bitte „um vorrangige Beantwortung“. Das alles geschieht übrigens per Fax. Antwort Nummer eins sei am 27. Oktober bei der Staatsanwaltschaft eingetroffen – es ist eine Frau, die als Täter ausscheidet. Die Antwort von Bank Nummer zwei „steht noch aus“: Das muss mein Dieb sein.

Es bleibt spannend, auch im November. Als Laie kommen einem die Ermittlungen unendlich lange vor, gerade angesichts der Indizienlage. Aber sind sie das wirklich, auch im Vergleich zu anderen Fällen? Auch diese Frage geht an die Staatsanwaltschaft. Die Antwort: „Es ist in diesem Fall zu keinen nennenswerten Verfahrensverzögerungen gekommen.“

Fortsetzung folgt.