Unwetter in Hamburg

Sturm fordert Todesopfer – Bahnstrecken bis Montag gesperrt

Ein Camper ertrank am Jadebusen, eine Frau starb bei einem Motorboot-Ausflug. Hunderte Reisende sitzen fest. 1000 Helfer im Einsatz.

Hamburg. Sturmtief „Herwart“ ist über Norddeutschland hinweggezogen, hat zahlreiche Schäden angerichtet und mindestens zwei Todesopfer gefordert. Ein 63-jähriger war am Jadebusen an der niedersächsischen Küste ertrunken. Eine Frau war mit einem Motorboot auf dem Peenestrom gekentert und ertrunken. Allein in Hamburg musste die Feuerwehr bis zum Abend rund eintausendmal ausrücken. "Die meisten Einsätze betreffen umgestürzte Bäume, die Straßen, Wege und Bahnlinien versperren", teilte die Feuerwehr mit. Auch eingestürzte Baugerüste, vollgelaufene Tiefgaragen oder vom Wasser eingeschlossene Fahrzeuge hätten die nahezu 1000 Helfer von Feuerwehr und THW beschäftigt.

Auch die Leitstellen in Schleswig-Holstein berichteten in der Nacht zum Sonntag von umgekippten Bäumen, eingestürzten Baugerüsten und weggeflogenen Trampolinen. In den Kreisen Pinneberg, Dithmarschen und Steinburg kam die Feuerwehr laut einer Mitteilung bisher auf insgesamt 230 Einsätze. Im nordfriesischen Oldenswort fiel eine historische Mühle dem Sturm zum Opfer. Auf der B75 im Landkreis Harburg wurde eine Person verletzt als ein Baum auf ein Auto fiel. In Nordfriesland überschlug sich ein Autofahrer beim Ausweichen vor umgestürzten Ästen und verletzte sich.

Sturm fordert Todesopfer

Zwei Camper wurden in der Nacht zum Sonntag am Jadebusen von der Sturmflut überrascht. Die beiden 59 und 63 Jahre alten Brüder aus Nordrhein-Westfalen hatten versucht, sich zu Fuß vor den Wassermassen in Sicherheit zu bringen. Der jüngere konnte sich noch an einem Mast festklammern und wurde von einem DLRG-Schlauchboot gerettet, der ältere konnte nur noch tot aus der Nordsee geborgen werden. Die Männer hätten ein großes Warnschild mit der Aufschrift „Überflutungsgebiet“ ignoriert, sagte ein Polizeisprecher. Der Jadebusen ist eine Meeresbucht im Landkreis Wesermarsch in Niedersachsen.

Auf dem Peenestrom in Mecklenburg-Vorpommern war am Sonntag ein Motorboot mit drei Urlaubern aus Sachsen gekentert. Eine ins Krankenhaus gebrachte Frau starb inzwischen, wie ein Polizeisprecher in Neubrandenburg am Abend mitteilte. Rettungskräfte hatten die Frau und einen Mann in der Nähe von Wolgast zunächst bergen können. Die beiden waren trotz Sturmwarnung auf den Peenestrom, der zur Ostsee führt, hinausgefahren. Die Suche nach einem dritten Passagier blieb nach Angaben der Beamten auch nach rund fünf Stunden erfolglos.

Nordbake vor Neuwerk zerstört

Sie galt neben dem Leuchtturm als Wahrzeichen der Nordseeinsel: Bereits vor mehr als zehn Jahren hatte Sturm "Kyrill" die Ostbake der Insel Neuwerk, die formell zum Bezirk Hamburg-Mitte gehört, zerstört. Nun ist offenbar auch die marode Nordbake unweit des Leuchtturms von Sturmtief "Herwart" zerstört worden. Sie galt als eines der ältesten Seezeichen an der deutschen Küste und wurde erstmalig um 1568 kartiert.

Frachter vor Langeoog auf Grund gelaufen

Bei starkem Seegang durch Sturm hat sich in der Nordsee am Sonntagmorgen ein Frachter losgerissen und liegt in der Deutschen Bucht vor Langeoog auf Grund. Mehrere Versuche, die 225 Meter lange, unbeladene „Glory Amsterdam“ zu bergen, blieben zunächst erfolglos. Nach bisherigen Erkenntnissen seien die 22 an Bord befindlichen Menschen unverletzt, hieß es.

Aufgrund des starken Seegangs konnten die Anker zunächst nicht gehievt werden, wie das deutsche Havariekommando mitteilte. Das Lagezentrum hat die Einsatzleitung übernommen. Ein Hochseeschlepper sollte das havarierte Schiff sichern, doch Leinenverbindungen brachen. Auch Spezialisten, die per Hubschrauber bei Windstärke 8 bis 9 bei Wellen bis zu sieben Metern auf das Schiff gelangten, konnten wenig ausrichten.

Die „Glory Amsterdam“ habe gut 1800 Tonnen Schweröl und 140 Tonnen Marinediesel als Betriebsstoffe an Bord. Ein Ölüberwachungsflugzeug des Haveriekommandos überflog das Gebiet. Bislang sei kein Austritt von Schadstoffen festgestellt worden, sagte eine Sprecherin des Lagezentrums am späten Abend. Die Situation werden als „prinzipiell stabil“ eingeschätzt.

Fernbahnverkehr weitgehend eingestellt

Der Zugverkehr im Norden ist wegen des Sturmtiefs am Sonntag in weiten Teilen zum Erliegen gekommen. Die Städte Hamburg, Bremen, Kiel, Hannover und Berlin können nach Angaben der Bahn bis Betriebsschluss mit dem Fernverkehr nicht erreicht werden. Wegen der schweren Schäden könne man den Betrieb wichtiger Strecken im Fernverkehr erst am Montag wieder aufnehmen. Zunächst hatte die Bahn geschätzt, dass nur bis Sonntagnachmittag voraussichtlich keine Züge im Fernverkehr fahren.

Weiterhin fahren auf folgenden Strecken keine Züge im Fernverkehr:

- Kassel-Wilhelmshöhe–Hannover

- Bremen–Hannover

- Bremen–Norddeich

- Münster (Westf.)–Norddeich

- Dortmund–Bremen–Hamburg

- Hamburg–Westerland

- Hamburg–Kiel

- Hamburg–Lübeck–Puttgarden

- Hamburg–Rostock–Stralsund

- Hamburg–Berlin

- Berlin–Stralsund

- Dortmund–Hannover–Berlin

- Berlin–Leipzig

- Berlin–Dresden

- Frankfurt am Main–Berlin

Am Sonntag war noch nicht abzusehen, wann die genannten Strecken wieder voll befahrbar seien. „Entstörtrupps sind mit Kettensägen und anderem schweren Gerät vor Ort und arbeiten fieberhaft an einer Beseitigung der Hindernisse“ sagte ein Bahn-Sprecher. Vor dem Reisezentrum in der Hamburger Wandelhalle und dem Informationsschalter der Bahn am Südsteg bildeten sich am Sonntag lange Schlangen von teilweise mehr als einer Stunde Wartezeit. An Gleis 13 stellte die Bahn einen Hotelzug bereit.

Die Bahn empfiehlt allen Reisenden, die auf den betroffenen Strecken reisen wollen, ihre Fahrt heute nicht mehr anzutreten. Auch außerhalb der direkt betroffenen Gebiete könne es zu Auswirkungen auf den Bahnbetrieb kommen. Für die von den Sturmschäden betroffenen Strecken behalten alle Tickets für den Fernverkehr ihre Gültigkeit, teilte das Unternehmen weiter mit. Fahrkarten könnten demnach entweder kostenfrei storniert oder bis eine Woche nach Störungsende flexibel genutzt werden.

Zahlreiche Reisende versuchten am Sonntag, sich privat zu organisieren und vor dem Bahnhof Mitfahrer für Taxis zu finden. Andere suchten über Internetplattformen nach Mitfahrgelegenheiten. Auch die Fernbusse waren auf vielen Strecken nahezu ausgebucht, darunter vor allem die Verbindung zwischen Hamburg und Berlin.

Metronom fährt auf vielen Strecken wieder

Auch bei anderen Verkehrsunternehmen kam es am Sonntag zu Einschränkungen. Die Eisenbahngesellschaft Metronom hat den Zugverkehr inzwischen wieder auf einem Großteil der Strecken aufgenommen, teilweise aber mit verzögerten Abfahrten oder einer längeren Taktung. Am Morgen hatte das Unternehmen den Bahnverkehr auf allen Strecken aus Sicherheitsgründen eingestellt. Zuvor war ein Zug bei Suderburg südlich von Uelzen mit einem Baum kollidiert. Der Zug wurde dabei stark beschädigt, sagte ein Metronom-Sprecher. Verletzt wurde niemand.

Schwere Sturmflut erreicht Hamburg

Im Hamburger Hafen hat es am Vormittag eine Sturmflut gegeben. Der Wasserstand der Elbe im Stadtteil St.-Pauli lag drei Meter über dem mittleren Hochwasser, wie aus einer Beobachtung des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie hervorgeht. Bereits um 8.30 Uhr war der Hamburger Fischmarkt komplett überflutet. Zahlreiche anliegende Straßen wurden gesperrt. Die Elbchaussee entlang des Hamburger Hafens ist einem Polizeisprecher zufolge ebenfalls überspült worden. Sie wurde teilweise gesperrt.

Auch in der HafenCity und der historischen Speicherstadt wurden Straßen von Helfern abgeriegelt. Dort waren aufgrund der Sturmflut einige Tiefgaragen vollgelaufen, sagte ein Feuerwehrsprecher. Offenbar hätten die Flutschutztore nicht ausreichend funktioniert. Unterstützt werden die Helfer der Feuerwehr von Mitarbeitern des Technischen Hilfswerks (THW).

Mitarbeiter des bekannten Lokals Oberhafenkantine posteten am Sonntag ein Video auf Facebook, das das Ausmaß der Schäden erahnen lässt. "Wir saufen ab", so eine Mitarbeiterin. "Die Küche ist hochgeräumt. Eigentlich geht hier gar nicht mehr."

Feuerwehr rettet Kuhherde

Am Altengammer Elbdeich musste die Feuerwehr am Vormittag ausrücken, um eine Herde Kühe vor dem Ertrinken zu retten. Die Herde war beim Grasen im Stadtteil Neuengamme von den Fluten eingeschlossen worden. Die Feuerwehrleute trieben die Tiere von Booten aus ans Land. Die Aktion im Elbvorland dauerte fast drei Stunden, wie ein Sprecher sagte.

Queen Mary 2 muss warten

Wegen des Sturms verzögert sich auch die für geplante Ankunft der Queen Mary 2 in Hamburg. Wie die Cunard-Reederei auf ihrer Facebookseite aktuell mitteilte, wird sich daher auch die Einschiffung um 24 Stunden auf Montag verschieben. Zunächst wartete das Passagierschiff offensichtlich den Sturm in der Nordsee ab und dampfte mit geringer Geschwindigkeiten gegen die Windrichtung, wie auf Schiffsportalen im Internet zu sehen war. Aktuell ist die Queen Mary nach Abflauen des Sturm in die Elbe eingelaufen und wird gegen 21 Uhr Hamburg erreichen. Im Hamburger Hafen wurde der Schiffsverkehr am Sonntag nach Information der nautischen Zentrale zeitweise komplett eingestellt.

So schlimm wie bei „Xavier“ vor gut drei Wochen waren die Folgen aber nicht. Am Sonntagmittag flaute „Herwart“ vielerorts langsam wieder ab. Das Fortschreiten des Herbstes könnte zudem dazu beitragen, dass er weniger zerstörerisch wirkt als sein Vorgänger: Die Bäume tragen weniger Laub als vor vier Wochen und bieten damit weniger Angriffsfläche. Vor allem im Norden und Osten Deutschlands sind Spaziergänge oder Frühsport im Wald dennoch gefährlich.