Hamburger Modehändler

Sechs Schritte, bis das Kleid im Onlineshop ist

Stylistin Julia Otto drapiert ein Kleid an der Büste und macht Fotos

Stylistin Julia Otto drapiert ein Kleid an der Büste und macht Fotos

Foto: Andreas Laible

Zehntausende Textilien bietet Hamburger Modehändler About You an. Alles wird fotografiert. Abendblatt hat Kleid "Anna" begleitet.

Hamburg.  Ein Bild von einem Kleid. Mintgrün mit Pünktchen und Rüschenvolants, luftig-leicht gehalten von einem Tunnelzug an der Taille. Auf eine herbstliche Party würde es passen, oder für einen Trip in die Sonne. Zu sehen ist das Modell, Name Anna, im Onlineshop des Hamburger Modehändlers ­About You. Damit Anna per Mausklick ins Wohnzimmer kommt, betreibt das zur Otto Group gehörende Unternehmen beachtlichen Aufwand. Erst kürzlich ist das firmeneigene Fotostudio in größere Räume gezogen. In der ehemaligen Fabrikhalle in Ottensen beginnt für alles, was auf der About-You-Seite zu sehen ist, der Weg in die virtuelle Welt.

Es blitzt. Ab und zu hört man leise Kommandos. „Jetzt mal von rechts. Dann drehen.“ Tastaturen klicken, von irgendwo dudelt Musik. Die Atmosphäre ist konzentriert. Überall stehen Kleiderstangen. Glamour, Jetset, künstlerische Pose? Fehlanzeige. „Das hier hat weniger mit klassischer Modefotografie zu tun. Wir fotografieren Produkte“, sagt Dorian Kautz, als Lead-Fotograf für die Technik zuständig. Oder, wie er es sagt, „fürs rechte Licht“. Farbe, Struktur, Passform, die Bedingungen für eine optimale Wiedergabe sind maximal justiert. Bis Ende des Jahres werden in dem 1400-Quadratmeter-Studio 29.000 neue Artikel fotografiert: vom Gürtel bis zum Wintermantel.

Onlineshop hat sechs Millionen Nutzer am Tag

Zurück zu Anna, dem Kleid aus der aktuellen Herbst/Winter-Kollektion der Marke Edited. Erste Station ist bei Laura Rawe in der Logistik. In ihrer Abteilung kommen alle Waren aus den bundesweiten Lagern an, bis zu 35 Pappkartons am Tag. Das mintfarbene Pünktchen-Kleid liegt in Plastik verpackt gleich obenauf. Mit routinierten Handgriffen packen Rawe und ihre Mitarbeiterinnen Stück für Stück aus, entfernen die Verkaufsetiketten. „Die würden bei den Fotoshootings stören“, sagt die 25-Jährige. Stattdessen bekommt das Kleid Anna eine Art Laufzettel mit Strichcode, damit es auf dem Weg ins Internet nicht verloren geht. Dann hängt Laura Rawe es auf eine der langen Stangen und schickt es weiter.

Vor einem der Monitore sitzt Lara Hannemann. Ihr Job ist es, jeden Artikel möglichst genau zu erfassen. Ist der Ausschnitt rund oder eckig, welches Material wurde verwandt, wie sind die genauen Maße, was kostet es? „Man muss sich in die Käufer hineinversetzen“, sagt die 18-Jährige, die neben ihrem Studium bei About You jobbt. 100 Produktbeschreibungen schafft sie am Tag, macht rechnerisch knapp fünf Minuten pro Teil. Es ist viel Routine, aber manchmal sieht die Texterin auch etwas, was ihr besonders gefällt. Kein Problem, in der Regel sind die Sachen sechs Tage später über den About-You-Shop bestellbar.

Nach Unternehmensangaben klicken sechs Millionen Nutzer am Tag in den Onlineshop. Tendenz steigend. Das Statistikportal Statista meldet für den Online-Umsatz im Modehandel eine Steigerung von 2,81 Milliarden Euro im Jahr 2006 auf 14,75 Milliarden Euro im vergangenen Jahr. Inzwischen stöbern 29 Prozent der Kunden in Online-Portalen nach neuen Kleidungsstücken. Das hat eine Studie des Instituts für Handelsforschung im Auftrag der HSH Nordbank ergeben. In der Generation bis 25 Jahre ist es schon mehr als jeder Dritte. Genau auf dieses Gruppe zielt About You. Seit der Gründung vor gut drei Jahren legte Ottos Online-Tochter mit innovativen Ideen ein rasantes Wachstum hin. Im Geschäftsjahr 2016 fuhr das Unternehmen mit 350 Mitarbeitern einen Umsatz von 135 Millionen Euro ein. Schwarze Zahlen schreiben die Hamburger, die großen Playern wie Zalando den Kampf angesagt haben, allerdings bislang nicht.

Station vier auf dem Weg ins Internet ist der erste Fototermin

Für das Kleid Anna geht es jetzt weiter zum Bügeln. In der Abteilung von Claudia Beier kommt alles unters heiße Eisen: von der Daunenjacke bis zum Plissee-Rock. Die 29-Jährige und ihre drei Mitarbeiterinnen stehen zwischen vollen Kleiderstangen. Zeitweise kommen noch freie Büglerinnen dazu. „Gerade hat es sich etwas gestaut“, sagt Beier, die eine kaufmännische Ausbildung gemacht hat und über Umwege an ihren Arbeitsplatz gekommen ist. Falten, selbst die allerkleinsten, haben bei ihr keine Chance. „Das macht die Übung“, sagt sie und lacht.

Denn jetzt kommt es darauf an: Station vier auf dem Weg ins Internet ist der erste Fototermin für den Artikel mit dem Code EDT 097001000002-M. Zwischen weißen Wänden steht Stylistin Julia Otto und zupft das mintfarbene Kleid an einer Kleiderpuppe zurecht. „Es muss alles symmetrisch aussehen“, sagt die studierte Modejournalistin. Sie macht die ersten Fotos, überprüft auf dem Monitor das Ergebnis. „Die Schleife sitzt auch nicht richtig,“ sagt sie und kontrolliert auch Ärmellänge und Faltenwurf, bevor sie weitere Fotos macht. „Es sind Kleinigkeiten, aber die machen den Gesamteindruck aus“, sagt Fotograf Alex Csorba, der für die vier sogenannten Büsten-Sets zuständig ist. Der Kunde entscheidet in ein bis zwei Sekunden, ob ein Kleidungsstück für ihn interessant ist. Dafür werden pro Artikel bis zu 20 Fotos gemacht. 50 Produkte schafft Julia Otto am Tag.

Zwischen 110.000 und 120.000 Kleidungsstücke von 800 Marken sind im Webshop von About You online, natürlich ständig wechselnd. Jeder Artikel wird einmal an einer Büste gezeigt, vier Ansichten werden am Model fotografiert. In der Summe werden jeweils bis zu 100 Aufnahmen für jedes Produkt gemacht. Eine gigantische Datenmenge. Aktuell arbeiten 40 Mitarbeiter im Fotostudio, im nächsten Jahr soll die Zahl auf 52 steigen. Auch die Zahl der Produkte, die für den Shop fotografiert werden, wird sich deutlich erhöhen: auf 42.000. „Wir produzieren mittlerweile den Großteil der Produktbilder von ­About You selbst. Dadurch stellen wir die Effizienz unserer Fotoproduktionen sicher. Es ermöglicht uns Flexibilität im Hinblick auf neue Anforderungen an Bildsprache und Bildformate, sodass wir hier auch kurzfristig reagieren können“, sagt Jörg Clobes, der als Director Pro­curement & Merchant Management für das Fotostudio zuständig ist.

Von jedem Produkt werden bis zu 100 Fotos gemacht

Von der Galerie hat man den besten Überblick auf die vier Foto-Sets des Studios. In einem posiert gerade ein Model mit elegant geschlungenem Haarknoten im blauen Dirndl. Nebenan steht Barbora Uhrova vor der Leinwand, umgeben von einem About-You-Team. Uhrova, 1,80 Meter groß, braune Haare, blaue Augen, ist Profi und Freundin von Eintracht Frankfurts Torwart Heinz Lindner. In Sekundenschnelle hat sie das mintfarbene Pünktchenkleid Anna für den Abendblatt-Besuch übergestreift, dazu holt Stylistin Nora Dumont Stiefeletten aus dem Fundus. Dann beginnt Roman Asmus zu fotografieren, fast in Echtzeit landen die Fotos auf dem Monitor der Art-Direktorin Christine Benecke. „Wir brauchen eine Vorder-, eine Rücken-, eine Detail- und eine Gesamtansicht“, erklärt sie die Kriterien für die finale Auswahl. Um Kreativität geht es da nur am Rand.

Im Onlineshop von About You bleibt nichts dem Zufall überlassen, sondern folgt einem streng regulierten System. Den letzten Schliff bekommen die Produktfotos bei Lisa Bötel und ihren Kollegen. Vorher verlassen sie allerdings noch einmal das Unternehmen, um bei einem externen Dienstleister so vorbereitet zu werden, dass sie bearbeitet werden können. „Wir bekommen sie innerhalb von 24 Stunden fertig zurück“, erklärt die ausgebildete Fotodesignerin. Sie gibt den Artikeln den richtigen Hintergrund, passt die Hautfarbe der Modelle an, retuschiert auch mal Augenringe oder kleine Falten in einem Fotobearbeitungsprogramm. „Es ist wie Make-up am Bildschirm“, sagt Bötel. Vier Minuten hat sie pro Bild, also insgesamt 20 Minuten pro Produkt.

Während im Ladengeschäft zwischen Auspacken und Aufhängen auf einem Bügel nur Minuten liegen, durchläuft das Kleid Anna sechs Stationen, bis es im Onlineshop landet. 85 Euro kostet das im Schnitt. Drei Wochen dauert es in der Regel, bis Logistikerin Laura Rawe und ihre Kolleginnen die Kleidungsstücke wieder einpacken. Auch das mintgrüne Pünktchenkleid geht zurück ins Lager. Da bleibt es, bis es jemand bestellt – und vielleicht kauft. Inzwischen zum reduzierten Preis.