Kriminalität

Hamburgs überlastete Polizei: Lohnt sich eine Anzeige noch?

Christoph Heinemann
Jan Reinecke ist Hamburger Landesvorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK)

Jan Reinecke ist Hamburger Landesvorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK)

Foto: picture alliance / Eventpress

Die Vertretung der Kripobeamten schlägt Alarm. Polizeipräsident Meyer im Interview: „Es gilt jetzt, die Ärmel hochzukrempeln."

Hamburg.  Bei der Hamburger Polizei brodelt es: Wegen Überlastung wurden Tausende Straffälle zunächst zurückgestellt, es herrscht Personalmangel. Der Notstand sei noch größer als angenommen, sagte Jan Reinecke, Landeschef des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK). „Die Bekämpfung der Alltagskriminalität ist massiv betroffen. Für den Normalbürger kommt die Frage auf, ob Strafanzeigen überhaupt noch bearbeitet werden.“

Nachdem der Gewerkschaftschef bereits in drastischen Worten („Wir sind am Ende“) kritisiert hatte, dass etwa im Betrugsdezernat Hunderte Fälle pro Woche einfach liegen blieben, meldeten sich Beamte aus anderen Dienststellen. Allein im Bereich der Polizeikommissariate Hamm und Billstedt seien 800 Fälle von Ausländerkriminalität zurückgestellt sowie 112 Fälle von Beziehungsgewalt und Körperverletzung. „Eine mangelnde Bekämpfung einfacher Delikte ist Gift für das Vertrauen in die Polizei – und aus häuslicher Gewalt können etwa Kapitalverbrechen entstehen“, sagt Reinecke.

Beamte abkommandiert

Zudem lägen ganze Abteilungen wie die Korruptionsbekämpfung brach, da alle Beamten zur Aufarbeitung des G20-Gipfels abkommandiert worden seien.

Polizeipräsident Ralf Martin Meyer räumte im Gespräch mit dem Abendblatt ein, dass die Personaldecke bei der Kripo dünn ist: „Es gilt, die Ärmel hochzukrempeln und sich durch diese Situation durchzuarbeiten.“ Von „Halden“ an unbearbeiteten Fällen könne aber kaum die Rede sein. Meyer verweist auf eine Ausbildungsoffensive, Erfolge bei Diebstählen und Einbrüchen sowie auf Bemühungen, die Ermittlungen effizienter zu machen.

In jüngerer Zeit kamen die Ermittlungen bei Alltagsdelikten auch wegen interner Abstimmungsprobleme kaum voran – wie etwa im Fall einer Kinderbuchautorin, deren Identität für einen Internet-Betrug gestohlen wurde.

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