Hamburg

Einkaufen – ganz ohne Verpackung

Gegen die Plastikflut: Läden, die ihre Waren lose anbieten, haben Konjunktur – neuerdings auch im Alstertal

Hamburg. Schon im Grundschulalter lernen die Kinder: Plastik verrottet nicht. Bilder von Plastikschwemmen im Meer erschüttern nicht nur sie. Doch was dagegen tun, wenn im Supermarkt beispielsweise Tomaten in Plastikbecherchen verpackt sind und selbst die Bio-Gurke einen schützenden Überzug hat?

Maren Schöning und Peymaneh Nottbohm, zwei Mütter aus dem Norden Hamburgs, haben sich entschlossen, die Initiative zu ergreifen: Gemeinsam eröffneten sie im August am Tannenhof in Lemsahl-Mellingstedt ein Geschäft, in dem es alles gibt, nur kein Plastik: Lebensmittel und Getränke, Drogerieartikel und Haushaltswaren bieten sie unverpackt an. Ihre wachsende Kundenschar bringt sich entweder selbst verschließbare Gefäße, Flaschen, Gläser, Dosen und Beutel mit oder kann sie im Laden zum Selbstkostenpreis kaufen. „Wir wollten etwas gegen den Plastikwahn unternehmen“, sagt Maren Schöning (44).

Sie ist eigentlich Soziologin und hat lange in Marktforschung und PR gearbeitet, ihre Geschäftspartnerin Peymaneh Nottbohm (42) ist ursprünglich Controllerin. Nachdem beide Kinder bekommen hatten, wuchs bei ihnen einerseits das ökologische Bewusstsein, andererseits die Lust auf einen beruflichen Neustart. Die beiden verstehen sich als eine Art „Gegenbewegung“ zur bisherigen Konsumgesellschaft, die wenig auf Natur und Umwelt achtet. Sie wollen mit ihrem Geschäft, das auch Mode anbietet, die Plastikflut eindämmen, zugleich aber auch dazu beitragen, dass Lebensmittel und die Arbeit, die dahinter steht, mehr gewertschätzt werden.

Discounterpreise gibt es hier nicht; aber das, was bei der Verpackung eingespart wird, geben die beiden an die Käufer weiter. Die Kunden im Alstertal und den Walddörfern hätten das neue Geschäft gut angenommen, sagen die Inhaberinnen. „Sie freuen sich, dass es hier oben jetzt auch so etwas gibt – und nicht nur in Ottensen oder Altona“, sagt Maren Schöning.

„Stückgut“ hat schon 48.000 Verpackungen eingespart

Dort hat Insa Dehne im Januar zusammen mit drei Partnern das „Stückgut“ eröffnet, sie sind in Hamburg die Pioniere der Unverpackt-Bewegung. Seit dem Start wurden bei ihnen nach eigenen Angaben mehr als 48.300 Einwegverpackungen eingespart. Das Konzept scheint aufzugehen – auch anderswo ziehen immer mehr Läden nach: So gibt es auf St. Pauli das ­„Twelve Monkeys“ und in Eimsbüttel das „Bio.lose“.

„Gerade im Bio-Bereich ist es manchmal absurd, wie die Produkte verpackt werden“, sagt Insa Dehne. Deshalb rechnet die gelernte Speditionskauffrau mit BWL-Studium heute aufs Gramm genau ab: ein Einmachglas voll Nudeln, eines voll mit roten Linsen, dazu ein paar Brocken Schokolade und zu guter Letzt noch eine hölzerne Klobürste – so sieht ein ganz normaler Einkauf im „Stückgut“ aus. Extrem beliebt bei den Kunden: Hülsenfrüchte. In großen Spendern hängen sie neben Reis, Nudeln oder Hirse. Der Kunde holt sich so viel davon aus den großen transparenten Säulen, wie er möchte, anschließend wird gewogen und kassiert. „Idealerweise bringt der Kunde sein Gefäß selbst mit“, sagt Insa Dehne, die mittlerweile drei weitere Mitarbeiter hat. Für Kurzentschlossene hat sie aber ebenso wie das „Ohne Gedöns“ auch Gläser und Baumwollbeutel vorrätig.

So funktioniert es auch im „Twelve Monkeys“ an der Hopfenstraße. Brotdosen, Gläser oder Tüten können an der Kasse zunächst gewogen, dann gefüllt und erneut gewogen werden. Auf 70 Quadratmetern werden zwar nicht nur verpackungsfreie Waren angeboten, doch an den Wänden hängen lange Reihen mit Spendern und Gläsern, aus denen sich Kunden bedienen. Auch bei Bio.lose an der Osterstraße gibt es zahlreiche Müslis, Nüsse und Saaten, Nudeln, Reis, Getreide, Trockenfrüchte, Getreide, Süßigkeiten, Gewürze, Backzutaten oder Reinigungsmittel ohne Verpackung. Das Ziel sei nicht nur, Hausmüll zu vermeiden, sondern auch, dass Kunden nur so viel einkaufen, wie sie wirklich brauchen, und so keine Lebensmittel mehr wegschmeißen.

Verbraucherschützer finden den neuen Trend gut

Hamburgs Verbraucherzentrale lobt den neuen Trend, der laut Experte Armin Valet durch den Druck von Kunden wächst: „Viele wollen eben keine abgepackte Gurke kaufen, können sich aber eben nur den Einkauf beim Discounter leisten. Das ist ein Problem.“ Gerade bei den großen Ketten gebe es auch Vorschriften, die den Unmut der Kunden wecken würden, und das auch zu Recht. „Biologische Lebensmittel müssen klar unterscheidbar von Nicht-Biologischen sein“, ergänzt Valet. Aber da die Bio-Gurke eben nicht in den direkten Kontakt mit der konventionellen Schwester kommen soll – Spuren von Pestiziden könnten sich dabei nämlich übertragen – packt man sie in eine transparente Folie. So gibt es beispielsweise auch bei Bio.lose zahlreiche Bio-Produkte, die verpackt sind.

Dabei sind auch die hauchdünnen Plastiktüten, die aus der Gemüseabteilung von Supermärkten bekannt sind, problematisch. Würde man jede von ihnen, die jährlich in Deutschland verbraucht wird, offen ausbreiten, könnten sie die Stadt Hamburg komplett bedecken, haben Verbraucherschützer kürzlich berechnet.