Terrorgefahr

Wie man Hamburger Schüler vor dem radikalen Islam schützt

| Lesedauer: 6 Minuten
Christoph Heinemann
Ein Salafist bei der Verteilung von Mohammed-Biografien in der Hamburger Innenstadt. Aktionen wie diese gelten als Anwerbungsmittel der dschihadistischen Szene

Ein Salafist bei der Verteilung von Mohammed-Biografien in der Hamburger Innenstadt. Aktionen wie diese gelten als Anwerbungsmittel der dschihadistischen Szene

Foto: Michael Arning

Islamismus-Experte Kurt Edler rechnet mit weiterem Zuwachs der Szene. Die Schulen seien gefragt – aber Lehrer bislang überfordert.

Hamburg.  Die Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS) ist militärisch auf dem Rückzug – dennoch haben Islamisten in Hamburg weiter Zulauf. Knapp 400 Dschihadisten leben nach Angaben des Verfassungsschutzes in Hamburg; derzeit stehen sechs junge Männer, die erst im April versuchten, in die Kampfgebiete zu reisen, vor dem Landgericht.

Wie groß ist die Gefahr, dass Islamisten weitere Soldaten in Hamburg rekrutieren? Und woran erkennen Eltern und Lehrer, dass sich Kinder verändern? Das Abendblatt sprach mit Kurt Edler, Ex-Landeschef der Grünen, ehemaliger Referatsleiter am Landesinstitut für Lehrerbildung, Buchautor und anerkannter Islamismus-Experte.

Hamburger Abendblatt: Hätte man die Radikalisierung der sechs angeklagten IS-Heimkehrer verhindern können?

Kurt Edler: Dafür hätte man sie erkennen müssen. Der Dschihadismus ist sehr schwer auszumachen, durch Lehrer kaum, durch die betroffenen Eltern meist überhaupt nicht. Gefährlich ist aber auch zu glauben, dass sich die Radikalisierung nicht mehr aufhalten lasse. Wir dürfen nicht faul werden.

Wie sehen Sie die dschihadistische Szene in Hamburg aktuell?

Edler: Zu beurteilen, wie hoch die Gefahr von Anschlägen ist, ist Sache des Verfassungsschutzes. Aber die Aktivität und Anzahl dieser Menschen sprechen für sich. Es gibt in Hamburg eine Subkultur des Dschihad, die sich gefestigt hat. Unsere Demokratie muss ihre gesamten Abwehrkräfte dagegen mobilisieren.

Mit Blick auf die Situation in Syrien und dem Irak könnte man denken: Der IS ist auf dem Weg in den Niedergang.

Edler: In Bezug auf Dschihadisten in Deutschland wäre das ein Trugschluss. Aus der Geschichte aller Formen des Extremismus ist herauszulesen, dass gerade der Zusammenbruch einer Bewegung einen Mythos hervorbringt. Für die Gruppe IS bedeutet das, dass sich die Anhänger in Deutschland deutlich radikalisieren und vermehren könnten. Wir werden die Wirkung des IS noch auf Jahre spüren.

Woran sollen Eltern und Lehrer die Radikalisierung junger Menschen erkennen?

Edler: Das erste Anzeichen ist fast immer, dass Jugendliche nicht mehr lachen, sie oft tiefernst werden und bei weltanschau­ichen Themen gereizt reagieren. Außerdem gibt es optische Veränderungen, etwa den verzweifelten Versuch, sich einen Kinnbart wachsen zu lassen. Die Kunst besteht darin, richtige Argumentationstechniken zu benutzen, damit man die Jugendlichen nicht verliert.

In der Debatte steht die Leitkultur, die stärker vermittelt werden soll.

Edler: Das ist mit Verlaub Blödsinn und wird von den Lehrern auch nicht praktiziert – weil es in der Realität unmöglich ist, „Leitkultur“ schlüssig zu definieren. Wir leben in einer pluralistischen Gesellschaft, in der jeder nach seiner Fasson selig wird.

Woher sollen Eltern oder Lehrer wissen, was religiöser Eifer oder nur pubertäres Verhalten – und was schon Islamismus ist?

Edler: Die Grauzone ist in der Tat groß. Gefährlich wird es, wenn die Menschenrechte anderer infrage gestellt werden und Gewalt gerechtfertigt wird.

Von Hamburger Schulen ist bekannt, dass junge Männer etwa Klassenkameradinnen nahelegen, sich ein Kopftuch aufzuziehen.

Edler: Das ist nach der Definition noch kein Extremismus – aber bereits ein Eingriff in die elementaren Frauenrechte, den wir nicht tolerieren dürfen. Bereits an dieser Stelle müssen die Abwehrmechanismen greifen.

Sind Eltern oder Lehrer besser geeignet, um die Betroffenen auf den richtigen Weg zurückzubringen?

Edler: In der Realität wissen Lehrer nicht selten mehr über die Jugendlichen als ihre Eltern. Das müssen sie sich aber auch bewusst machen. Wir haben in Hamburg viel auf den Weg gebracht, um dafür zu sorgen, dass die Lehrer eine Radikalisierung viel sensibler erkennen und darauf eingehen können­ …

Die Lehrer haben aber auch einen Haufen anderer Aufgaben, die sie gleichzeitig bewältigen müssen.

Edler: Die Bedingungen sind in der Tat schwierig. Der Königsweg wäre, den Schülern einerseits genau bewusst zu machen, wie gesteuerte Radikalisierung und Beeinflussung abläuft – und systematisch das Wesen der Demokratie und unserer Verfassung zu lehren. Sie können aber leider als Schüler nicht nur in Hamburg durch die Oberstufe kommen, ohne einmal mit dem Grundgesetz in Berührung gewesen zu sein. Das ist ein Skandal und der Nährboden für extreme Ideologien.

Fehlt es also an genügend Politik und Geschichte auf dem Stundenplan?

Edler: Ja. die Fixierung auf Deutsch, Mathe, Englisch ist ein Riesenproblem. Viele Lehrer können gar nicht erklären, was unveräußerliche Menschenrechte sind. Darauf liegt kein Augenmerk im Alltag. Dabei sind das genau die Argumente, um sich radikalisierende Jugendliche zum Nachdenken zu bringen.

Wie soll das konkret in einem Gespräch mit einem Jugendlichen funktionieren?

Edler: Wir müssen die richtigen Fragen stellen: Was ist die Religion für dich? Was ist dir heilig? Willst du Krieg gegen alle Anders- und Nichtgläubigen führen? Ist ein Weltkrieg um Religion wirklich der Auftrag des Gottes, an den du glaubst?

Was treibt die Betroffenen zum IS?

Edler: Es sind sehr oft Frusterfahrungen, schlechte Leistungen in der Schule, eine Orientierungslosigkeit, die den Drang nach etwas extrem anderem auslösen. Bei Mädchen können auch gescheiterte Liebesbeziehungen ein Boden für diesen Wunsch sein. Auffällig ist, dass wir keinen Fall kennen, in dem sich ein Jugendlicher aus einem gebildeten muslimischen Elternhaus radikalisiert hat. Diese Jugendlichen lassen sich einen „Fake-Islam“ nicht andrehen.

Wie erklären Sie, dass viele Islamisten bereits Anfang oder Mitte zwanzig sind?

Edler: Es handelt sich oft um gescheiterte Existenzen. In der Szene erfahren sie aber eine neue Art der Anerkennung.

Bei den Angeklagten handelt es sich um eine Gruppe von 17- bis 26-Jährigen.

Edler: Erfahrenere Dschihadisten dienen oft als Vaterersatz. Ein bitterer, aber wahrer Satz lautet, dass sich kein Junge radikalisiert, der eine funktionierende Vaterbeziehung in seinem Leben hat. Daran dockt der Dschihadismus an.

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