Wohnungsbau

Wie Hamburg an den großen Hauptstraßen wachsen soll

An der Hoheluftbrücke ist ein Wohn- und Geschäftshaus entstanden. Es liegt direkt an einer viel befahrenen Straße

An der Hoheluftbrücke ist ein Wohn- und Geschäftshaus entstanden. Es liegt direkt an einer viel befahrenen Straße

Foto: Klaus Bodig / HA

Zehntausende Wohnungen könnten entstehen. Opposition und Naturschützer finden das gut: Familien statt Arztpraxen in der Belle Etage.

Hamburg.  Die Pläne von SPD und Grünen, Zehntausende neue Wohnungen an den Hauptverkehrsstraßen zu bauen, stoßen auf ein vorwiegend positives Echo – auch bei Opposition und Naturschützern. „Damit eine Bebauung des wertvollen Hamburger Grüns verhindert werden kann, haben wir schon vor mehr als einem Jahr ein sogenanntes Magistralenkonzept für Hamburg gefordert, das nach Ansicht von Fachplanern Potenziale für mehr als 120.000 neue Wohnung entlang der Hauptverkehrsachsen eröffnet“, sagte CDU-Fraktionschef André Trepoll dem Abendblatt.

„Damit die Bebauung der Magistralen auch gelingen kann, müssen im Vorwege die entsprechenden Angebotsbebauungspläne durch die Bezirksämter erarbeitet und verabschiedet werden. Dafür muss die Stadt endlich die entsprechenden zusätzlichen Ressourcen- und Personalkapazitäten zur Verfügung stellen, da die Bezirksämter derzeit ausschließlich vorhabenbezogene Bebauungspläne bearbeiten. Auf Grundlage der Angebotsbebauungspläne kann gemeinsam mit den jetzigen Grundeigentümern eine Realisierung erreicht werden.“

Familien statt Arztpraxen

Der Naturschutzbund Nabu begrüßte das Vorhaben. „Dass riesige Supermarktparkplätze oder frei stehende Tankstellen unnütz Fläche fressen oder ganze Straßenzüge nur zweigeschossig bebaut sind, während wertvolle Grünflächen mit neuen Quar-tieren bebaut werden sollen, war und ist nicht sinnvoll“, sagte Malte Siegert, Leiter Umweltpolitik beim Nabu Hamburg. Bei den „anstehenden Diskussionen mit Hauseigentümern“ solle der Senat laut Nabu auch darauf hinwirken, dass „Arztpraxen und Rechtsanwaltskanzleien, die großzügige Belle-Etage-Wohnungen mit Gartenzugang belegen“, künftig „besser von Familien mit Kindern bewohnt werden“ könnten. Der Nabu plant parallel eine Volksinitiative zum Schutz des Hamburger Grüns (siehe Artikel rechts).

Kommentar: Rot-grüne Baupläne mit Öko-Risiken

Auch der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) sieht „ein enormes Potenzial für zusätzlichen Wohnraum“. Eine Untersuchung in Altona hatte allein in diesem Bezirk ein Potenzial von bis zu 20.000 Wohnungen an den Magistralen ergeben. „Konsequenterweise sind dann aber auch ab sofort alle strittigen Planungen in Landschaftsschutzgebieten wie etwa in Hummelsbüttel oder im Öjendorfer Park einzustellen“, forderte BUND-Chef Manfred Braasch. „Jetzt wird klar: Hamburgs Wohnungsbau braucht keine grüne Wiese.“

Allerdings: Lärm und Dreck

Allerdings müsse „bei aller Euphorie“ auch gewährleistetet sein, „dass die Luftschadstoff- und Lärmbelastung für die Anwohner reduziert wird“. Gerade an vielen Hauptverkehrsstraßen gebe es „eine massive Überschreitung der Grenzwerte für Stickoxide und Lärm. Mehr attraktiver Wohnraum an den Magistralen geht nur bei weniger Verkehrsbelastung.“

Intelligenter mit vorhandenen Flächen umgehen

Der Antrag mit dem Titel „Stadtplanung von heute für die Stadtentwicklung von morgen: Potenziale entlang der Magistralen identifizieren und planerisch vorbereiten“ soll am morgigen Mittwoch in der Bürgerschaft debattiert und beschlossen werden. „Unser Ziel ist, dass Wohnen in einer attraktiven, wachsenden Metropole bezahlbar sein muss“, sagte SPD-Stadtentwicklungspolitiker Dirk Kienscherf. „Damit Hamburg weiterhin grün und lebenswert bleibt, müssen wir intelligenter mit den vorhandenen Flächen umgehen.“ Viele Areale an den Hauptverkehrsstraßen seien bisher „eher in geringem Umfang bebaut“, so Kienscherf. „Sie verfügen daher über Potenziale für zusätzlichen Wohnraum in erheblichem Umfang. Durch moderne Bautechnik könnten hier attraktive neue Orte für Wohnen und Arbeiten entstehen. Diese Potenziale sollten jetzt planvoll erschlossen werden.“

Die Grünen verstehen den Plan ebenfalls als Beitrag zum Schutz des Hamburger Grüns auch in Zeiten starken Zuzugs. Den Wohnungsbau müsse man zwar „auf dem bundesweit einmalig hohen Niveau halten und vorantreiben“, sagte Grünen-Stadtentwicklungspolitiker Olaf Duge. „Dabei ist uns wichtig, dass Hamburg nachhaltig und nicht zulasten der Grünbereiche wächst. Das Forschungsprojekt in Altona hat gezeigt, was für ein großes Nachverdichtungspotenzial in den Magistralen steckt“, so Duge. „Um den Prozess zu beschleunigen, sollen auch die anderen Bezirke untersucht und die notwendigen Maßnahmen eingeleitet werden. Es gilt also: Wachstum ja, aber der Charakter der grünen Metropole muss dabei gewahrt werden.“