Generalstaatsanwalt

Jörg Fröhlich: Vom Feldjäger zum Chefankläger

Jörg Fröhlich in
seinem Büro vor
einem Foto, das
eines seiner
Schlagzeuge zeigt

Jörg Fröhlich in seinem Büro vor einem Foto, das eines seiner Schlagzeuge zeigt

Foto: Roland Magunia / HA

Hamburgs Generalstaatsanwalt legt besonderen Wert auf Fleiß und Disziplin. Beides braucht er bei seinem Tagespensum auch.

Hamburg. Von nix kommt nix. Vier Worte, schlicht und ergreifend, und eigentlich ist damit alles gesagt. Nichts großartig Philosophisches, ganz ohne Pathos, und vielleicht zögert Jörg Fröhlich deshalb, diesen Satz sein „Lebensmotto“ zu nennen. Aber es ist etwas, womit er sich identifiziert. „Von nix kommt nix. Das trifft es“, sagt Hamburgs oberster Ankläger. Früher, als er noch bei der Staatsanwaltschaft in Verden war, hätten seine Mitarbeiter ihm ein anderes Motto angedichtet, erzählt der 57-Jährige: „Leicht kann jeder. Schwer macht Fröhlich.“ Er sagt es mit einem Schmunzeln. Daraus lässt sich einiges schließen: Der Jurist ist ehrgeizig, diszipliniert und mit hohen Ansprüchen. Er ist zur Selbstironie fähig. Und ihm ist bewusst, dass seine Anforderungen in seinem Umfeld nicht nur auf positives Echo stoßen.

„Erster Beamter der Staatsanwaltschaft“

Seit Anfang 2016 ist Jörg Fröhlich Generalstaatsanwalt in Hamburg und damit „erster Beamter der Staatsanwaltschaft“, unter anderem zuständig für sachgerechte Rechtsanwendung sowie für Personalangelegenheiten. So eine Position als „General“ muss man sich hart erarbeiten. Bevor er nach Hamburg kam, eilte Fröhlich sogar der Ruf voraus, er sitze täglich 16 Stunden am Schreibtisch. Doch das stimme nicht, winkt der Mann ab. „Ich versuche aber, möglichst viel unter einen Hut zu bringen. Und ich habe eine gewisse Arbeitsdisziplin.“ Wer etwas erreichen wolle, müsse sich anstrengen. „Genauso erwarte ich von meinen Mitarbeitern, dass sie sich Mühe geben. Wenn ich sehe, einer kann es besser, tut es aber absichtlich nicht, das kann ich nicht leiden. Was ich auch nicht mag, ist Rosinenpickerei: Wenn jemand bei Premiumaufgaben ,hier‘ ruft, aber abwinkt, wenn es mal schwierig wird.“

Wurzeln bei der Bundeswehr

Die Staatsanwaltschaft arbeite im „roten Bereich“, hieß es vor einiger Zeit. Wie sieht Fröhlich die Situation heute? „Es gibt nach wie vor Bereiche, in denen die Mitarbeiter hoch belastet, wenn nicht sogar überlastet sind. Es gibt aber auch andere Abteilungen, wo ich das nicht sofort erkennen kann.“ Eine Forderung nach mehr Personal müsse man „mit angezogener Handbremse stellen“, meint Fröhlich. „Das kann jedenfalls nicht die einzige Lösung sein. Man muss zunächst ermitteln, warum man mit der Arbeit nicht hinterherkommt“, ob jemand etwa seinen Tagesablauf ändern müsse, die Erledigungsweise. „Im Übrigen versuchen wir, mit Bordmitteln viel zu erreichen, etwa mit einem kooperativen Führungsstil und konstruktiven Gesprächen statt langem Schriftverkehr. Und wir schneiden alte Zöpfe ab.“

Dass Jörg Fröhlich Staatsanwalt wurde, hat seine Wurzeln bei der Bundeswehr. „Ich wollte zum Heeresmusikkorps, aber man steckte mich zu den Feldjägern, also der Militärpolizei. Wir hatten neun Monate Grundausbildung, mit hartem Training und rechtlicher Schulung. Da habe ich Feuer gefangen. Vor der Bundeswehr hatten wir lange Haare und gingen auf Rockkonzerte, plötzlich gab es Drill, und wir mussten um 5 Uhr aufstehen. Das war ein sehr markanter Einschnitt, da habe ich Disziplin gelernt.“

Stets das Beste rausholen

Es ist eine Eigenschaft, die ihm auch bei seinem intensivsten Sport, dem Marathonlauf, hilft: „Was ich an diesem Sport schätze, ist das Durchhaltevermögen, das man braucht, die Disziplin. Es beginnt eine lange Leidenszeit, und oft habe ich auch keine Lust, mich beim Training so anzustrengen. Wenn es regnet zum Beispiel, und die Familie sitzt vor dem Fernseher und isst Chips. Dann verteufelt man die Situation, wenn man sich zum Laufen zwingen muss. Mein Anspruch ist aber, unter den gegebenen Umständen stets das Beste rauszuholen“, sagt der 57-Jährige. Bei einem Marathon im vergangenen Jahr war er nach drei Stunden 50 Minuten im Ziel, „eine Stunde über meiner Bestzeit“.

Zunächst war er Richter

Nach seinem Studium war Fröhlich zunächst Richter, unter anderem für Jugendrecht, war Haft- und Ermittlungsrichter. „Das habe ich sechs Jahre lang mit großer Leidenschaft getan.“ Dann wechselte er zur Staatsanwaltschaft, von Beginn an sein eigentliches Ziel als Jurist. Als er nach Stationen in Celle, Verden und Hannover gefragt wurde, „ob der Posten des Generalstaatsanwalts in Hamburg nicht was für mich wäre, musste ich lange nachdenken. Aber seit die Entscheidung gefallen war, habe ich es keine Sekunde bereut.“ Gleichwohl hat der gebürtige Hannoveraner einen Umzug in die Hansestadt nicht geplant. „Mein Hauptwohnsitz bleibt Hannover. Weiterhin gut könnte ich mir jedoch eine Hamburger Zweitwohnung vorstellen“, sagt der „General“. „Ich betrachte Hamburg als Deutschlands heimliche Hauptstadt. Was hier geschieht, ist relevant. Die Stadt hat eine unglaubliche Professionalität und Dynamik. Alles erscheint größer, schöner und schneller als anderswo.“

Von Hannover nach Hamburg und zurück

Auch nach G20? „Nach meiner Wahrnehmung spürt man, dass die natürliche Ungezwungenheit und Unbekümmertheit gelitten hat“, meint Fröhlich. „Jetzt sind Sicherheit und Ordnung stärker im Fokus. Man merkt, dass das selbstbewusste ,Wir schaffen das‘ eventuell zu forsch war und nicht eingelöst werden konnte. Bei G20 haben gewaltbereite Krawallmacher und Randalierer ungezügelt agiert, aber es gab auch viele Tausend andere, die mitgemacht haben, also Gaffer, Event-Krawaller und Hobby-Autonome. In diesem Bereich gab es auch eher Festnahmen, aber der harte Kern der Randalierer ist abgereist. Das kann einen nicht zufriedenstellen, ebenso wenig wie die Anzahl der Festnahmen insgesamt. Es wurden tausendfach schwere Straftaten begangen, und wir haben gerade mal 51 Haftbefehle erwirkt.“

Natürlich ist diese unerfreuliche Bilanz für einen Mann wie Fröhlich auch Ansporn, sich noch mehr reinzuknien. Ohnehin lebt er für seinen Beruf, wie der Jurist bekennt. „Ich stehe um 5.15 Uhr auf und bin als Pendler von Hannover nach Hamburg hin und zurück mindestens fünf Stunden unterwegs.“ Auf dem Weg ist er immer in Akten oder Zeitungen vertieft, der Arbeitstag ist straff durchgetaktet; was er geplant hat, wird auch durchgezogen. „Da ist es erfrischend, wenn man nach Hause kommt, nach tollen Erfolgen, auf Wolke sieben – und wenn man dann der Familie davon erzählt, heißt es vielleicht: ,Das ist langweilig.‘ Oder: ,Du bist peinlich.‘ Das erdet einen“, weiß Fröhlich. „Man landet in der Realität und wird wieder Mensch.“

Landesmeister im Rock-’n’-Roll-Tanz

Da hilft auch, dass seine Frau als Vermessungsingenieurin in einer ganz anderen Sparte tätig ist. „Und sie ist zu Hause diejenige, die hämmert, klopft und die Wände streicht. Ich bin nicht der Heimwerker.“ Auch unter Fröhlichs drei Söhnen, 17, 19 und 22 Jahre alt, ist niemand, der eine juristische Karriere anstrebt. „Ich bin keineswegs der gestrenge Vater oder einer, der auf Leistung dringt“, betont Fröhlich. „Wir lassen den Kindern viele Freiheiten, und ich bin stolz, was für eigenständige Prachtkerle das geworden sind.“ Als einer der Söhne in der achten Klasse hängen blieb, „stellt man sich schon die Frage: Hat man selber Fehler gemacht? Aber ich kam zu dem Ergebnis: Ich propagiere Eigenständigkeit. Vorübergehendes Scheitern muss man überstehen und daran wachsen. Im Übrigen: Hätte ich versuchen sollen, meinen Sohn an den Schreibtisch zu zwingen? Wenn ich eine Schlacht schlage, will ich sie auch gewinnen. Und die hätte ich verloren.“

Wenn Fröhlich abends gegen 20 Uhr wieder zurück in Hannover ist, bleibt noch etwas Zeit für die Familie, für Sport, den er möglichst jeden Tag treibt, vor allem das Laufen, an den Wochenenden zwei bis drei Stunden, „da wird der Kopf durchgespült“. Früher hat er auch Fußball gespielt, erzählt der Hannover-96-Fan, und Turniertanzsport betrieben, wo er es beim Rock-’n’-Roll-Tanzen zum mehrfachen Landesmeister brachte. Zudem fährt Fröhlich Rennrad, geht ins Fitnesscenter.

Warum Japaner nach seinem Geschmack sind

„Ansonsten bleibt nicht mehr viel Zeit, außer dass ich manchmal im Keller auf dem Schlagzeug rumrühre.“ Tatsächlich besitzt er drei dieser Instrumente; ein riesiges Foto eines der Schlagzeuge hängt in seinem Büro. Er spiele aus „Liebe zur Musik und auch als Konzentrationsübung“, sagt der 57-Jährige. Er habe „kein schlechtes Niveau“. Bei Fröhlichs Ansprüchen kann man davon ausgehen, dass das bedeutet, dass er ein ausgezeichneter Drummer ist. Als Schlagzeuger in einer Band hat sich der Jurist teilweise auch sein Studium finanziert. „Ich kann mir vorstellen, irgendwann wieder in einer Band zu spielen“, überlegt er.

Und der Urlaub? „Ich mache immer Aktivurlaub. Still sitzen und in den Sonnenuntergang gucken, das kann ich nicht.“ Lieber reist er durch unterschiedliche Länder. Zuletzt war Fröhlich mit seiner Familie in Japan. „Dieses Land ist das Dorado für jeden Strafjuristen“, schwärmt er. „Es gibt keinen Dreck. Keiner grölt. Sie nehmen als Tourist keine Kriminalität wahr.“ Wichtig in Japan seien Rücksichtnahme, Harmonie und Fleiß, und man achte sehr auf seine Gesundheit. „Disziplin, Sauberkeit, Gesundheitsbewusstsein, Leistungsfixierung: Das ist ganz nach meinem Geschmack.“

Nächste Woche: Georges Delnon, Intendant der Hamburgischen Staatsoper