Bodyhacking

Dieser "Cyborg" öffnet Türen mit einem Chip unter der Haut

Patrick Kramer trägt ein Implantat, mit dem er unter anderem seine Haus- und Autotür öffnet

Patrick Kramer trägt ein Implantat, mit dem er unter anderem seine Haus- und Autotür öffnet

Foto: Marcelo Hernandez

Der Hamburger Patrick Kramer ist einer von rund 4000 deutschen Bodyhackern. Statt Schlüssel trägt er einen Mikrochip in seiner Hand.

Hamburg.  In einer Einfamilienhaussiedlung in Bergstedt wohnt die Zukunft. Jedenfalls wohnt dort Patrick Kramer, und der nennt sich selbst einen Cyborg – eine Mischung aus Mensch und Maschine. Denn er lebt mit einem Implantat, das unter anderem seinen Haustür- und seinen Autoschlüssel ersetzt.

Zwischen Daumen und Zeigefinger, dort, wo das Gewebe weich ist, ist eine kleine Delle zu spüren. Unter der ersten Hautschicht liegt parallel zur Hautoberfläche der nur wenige Millimeter große Mikrochip, eingefasst in eine gläserne Hülle. Klein, aber oho: Hält Patrick Kramer die linke Hand über den Sensor an seiner Haustür, öffnet sich diese. Das Gleiche macht er mit seiner Autotür. Schlüssel benötigt er keine mehr. Außerdem hat er auf dem Implantat seine digitale Visitenkarte, sein Social-Media-Profil, einen medizinischen Notfallpass mit Adressen, Blutgruppe, Krankenkasse, er kann Dateien auf dem Implantat hinterlassen, sie öffnen und aktivieren. Seit drei Jahren schon lebt er damit. Körperliche Nebenwirkungen: keine.

Hamburger Cyborg öffnet Türen per Chip
Hamburgs "Cyborg" Patrick Kramer

3000 bis 4000 Cyborgs in Deutschland

Seine Frau Birthe trägt auch ein Implantat, darauf hat sie unter anderem das Ehegelübde gespeichert. Ablesen lassen sich diese Daten mit einem NFC-fähigen Handy. NFC steht für Near Field Communication, also Nahfeldkommunikation, einem Übertragungsstandard zum drahtlosen Austausch von Daten über kurze Distanzen (zehn bis 20 Zentimeter). Inzwischen sind viele Smartphones mit der Technologie ausgestattet. Und die Bandbreite an Implantaten ist groß. So gibt es auch welche, die die Körpertemperatur messen und so der Empfängnisverhütung dienen.

Ein Mikrochip unter der Haut, das klingt dennoch sehr seltsam. Doch „Cyborg“ Kramer, Vater von zwei Söhnen (drei und fünf Jahre alt), scheint einfach jemand zu sein, der sich mit Zukunfts­visionen beschäftigt und der Zeit voraus ist. So vertreibt er mit seiner Firma Digiwell unter anderem Implantate. Sich das Leben auf diese Weise zu vereinfachen sei im Kommen, und der 47-Jährige ist nicht der Einzige mit eingesetztem Chip. Das Interesse daran wachse. 3000 bis 4000 „Cyborgs“ wie ihn, schätzt Kramer, gibt es in Deutschland. Keine Freaks, sondern Ärzte, Unternehmer, Rechtsanwälte, Menschen aus allen sozialen Milieus, die überzeugt seien von dieser Technik, die unter die Haut geht. Seinen Söhnen aber setzt er kein Implantat ein. "Das würde ich vor dem 14. Lebensjahr auch nicht machen, solange sich die Kinder im Wachstum befinden."

50 bis 200 Euro für ein Implantat

Wenn Patrick Kramer davon redet, den Menschen „upzugraden“, klingt das etwas verschroben, aber es ist vor allem das Vokabular, das den Laien irritiert, weil es ihm so fremd ist. Es geht um „Ich 2.0“, sagt der Diplom-Kaufmann, der 15 Jahre als Unternehmensberater weltweit unterwegs war, ehe er darauf kam, sich beruflich mit zukünftigen technischen Möglichkeiten zu beschäftigen. Es geht darum, wie sich Menschen verändern in einer Welt, die zunehmend digitalisiert wird. „Implantate sind das polarisierende Thema dabei“, sagt er.

Eine digitale Schnittstelle im Körper, das ist noch fremd. Und doch kommen Menschen zu ihm, um sich ein Implantat per Spritze einsetzen oder unter die Haut schieben zu lassen. Die Implantate lassen sich wie ein Splitter auch wieder entfernen.

Sich einen Mikrochip einsetzen zu lassen oder es per Do-it-yourself-Kit selbst zu machen, fällt unter Piercing. Je nachdem, welches Modell es ist und was es leistet, kostet das 50 bis 200 Euro. Dabei ist dieser Schritt ein Männerding: Zwei Drittel seiner Kunden sind Männer, ein Drittel Frauen. Da ist zum Beispiel der Arzt, der mit seinem Implantat einen sensiblen Bereich in seiner Praxis auf- und abschließen möchte oder der seinen Alzheimer-Patienten anbietet, sich einen Chip mit ihren Daten einsetzen zu lassen – falls sie sich verlaufen und verloren gehen.

Kramer ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass das kein Datenschutzproblem sei: „Es geht nicht um hochsensible Daten.“ Die Implantate enthielten dieselben Daten, die auf den Karten in unseren Portemonnaies ohnehin gespeichert sind. Bezahlen sei damit (noch) nicht möglich.

Cyborg Patrick Kramer öffnet die Haustür
Cyborg Patrick Kramer öffnet die Haustür

Die totale Überwachung ist damit nicht möglich

Kramer hatte auch schon Anfragen aus Saudi-Arabien: Ein Mann wollte ein Implantat für seine Frau, damit er sie per GPS verfolgen kann. „Das geht technisch gar nicht. Die Implantate arbeiten ohne Strom, sie sind passiv, und man braucht ein Lesegerät von außen für die Daten.“ Für einen GPS-Sender müsste man immer einen Akku dabeihaben. Ist das die totale Überwachung? Wieder so ein Vorurteil. „Das Lesen der Daten geht nur per Hautkontakt mit dem Sender, die Antennen in den Implantaten sind so klein, dass niemand aus großer Entfernung an meine Daten kommt.“ Der Metallanteil sei geringer als bei jedem Ohrring. Körperscanner an Flughäfen würden die Implantate gar nicht aufspüren, das können lediglich Röntgengeräte. Bei Haustieren, sagt Patrick Kramer, ist das übrigens selbstverständlich. Sie werden gechippt und tragen ihre Daten unter dem Fell.

Info: Cyborgs e.V.

Schöne neue Welt? Für Patrick Kramer auf jeden Fall. „Der Trend geht zur schüchternen Technik, also einer Technik, die wir gar nicht wahrnehmen. So wie wir das WLAN um uns herum nicht mehr wahrnehmen.“ Genauso selbstverständlich, davon ist er überzeugt, wird es mit Implantaten sein. Große Firmen zeigen bereits Interesse: Implantate können auch Firmenausweise ersetzen. „Da muss man behutsam vorgehen. Das geht nur auf freiwilliger Basis“, sagt Kramer.

Mit Mikrochip den HVV nutzen

Er wünscht sich, dass deutsche Unternehmen visionärer sind, dass der HVV beispielsweise ähnlich wie Verkehrsbetriebe in Schweden Implantate per Lesegerät scannen und so den jeweiligen Fahrpreis vom Kundenkonto abbuchen. „Die Fahrkarte kann dann, genau wie der Haustürschlüssel, nicht mehr vergessen werden. Das wäre innovativ.“

Als Kramer beim Abschied noch sagt, dass die Menschen in Zukunft von Gehirn zu Gehirn miteinander kommunizieren werden und keine Sprache mehr benötigen, klingt das hanebüchen. Aber wer weiß? Vor 20 Jahren hätte wohl kaum jemand gedacht, dass Computer, die als Telefone daherkommen, einmal unsere Leben bestimmen werden.