Hamburgische Staatsoper

"Parsifal" berauscht als kunstvolle Bilderrätsel-Träumerei

Achim Freyers Inszenierung von Richard Wagners "Parsifal" begeisterte das Premieren-Publikum

Achim Freyers Inszenierung von Richard Wagners "Parsifal" begeisterte das Premieren-Publikum

Foto: Hamburgische Staatsoper

Achim Freyer inszeniert Richard Wagners Spätwerk neu und bringt das Premieren-Publikum in der Hamburgischen Staatsoper zum Jubeln.

Hamburg. Die Zeit werde zum Raum, heißt es in Wagners „Parsifal“, doch das war Regisseur Achim Freyer als konzeptionelle Absichtserklärung offenkundig nicht kompliziert genug. Deswegen verwandelte er für seine Version des in seinem Handlungsablauf eher zähflüssigen Spätwerks den Bühnenraum weiter: in eine Gedanken-Spirale, die – kunstvoll verlängert durch ihr Spiegelbild – im schwarzen Nichts des Bühnenrahmens schwebte. Ohne Anfang, ohne Ende, mitunter auch ohne schnell erkennbaren tieferen Sinn bei der szenischen Möblierung.

Um klarzumachen, dass man in diesem Umfeld, bei diesem Thema mit Realität und Bodenhaftung nicht weit kommen würde, blieb kein Gesicht unmaskiert, kein Kostüm unverfremdet. Ein typisches Freyer-Schauwert-Spektakel also, bei dem virtuos eingesetzte High-Tech-Mechanik in Verbindung mit Kindergeburtstagsverspieltheit federleicht wirkende Wunder-Momente hervorzaubern konnte.

Freyer hat an der Hamburgischen Staatsoper bei der Urauführung von Helmut Lachenmanns „Mädchen mit den Schwefelhölzern“ Operngeschichte mitgeschrieben, sein „Parsifal“, der am Sonnabend Premiere an der Dammtorstraße hatte, löst die ästhetisch beispielhafte, strengst abgezirkelte Zeitlupen-Inszenierung von Robert Wilson ab. Die Messlatte für diesen Saisonstart hing also hoch, sehr hoch; am Ende war die Begeisterung des Premierenpublikums so groß, dass einige Buh-Rufe beim Anblick des Regieteams nicht weiter ins Gewicht fielen.

Mythenpüree gewürzt mit Situationskomik

Und dem Bühnen-Gesamtkunstwerker Freyer ist es gelungen, all diesen Erwartungen gerecht zu werden, indem er, 83 Jahre jung und naivweise geblieben, das Mythen- und Religionsanspielungs-Püree des Librettos mit Situationskomik würzte, wo es ging, und mit erhabenem Pathos, wo es unabdingbar und bewusstseinserweiternd war. Alle der vielen von Wagner vorgeschriebenen Längen konnte selbst er nicht ausbeulen, doch die gut vier Stunden reine Spielzeit vergingen, verglichen mit anderen Interpretationen, geradezu wie im Flug.

Generalmusikdirektor Kent Nagano grundierte diese fantasievolle Bilderrätsel-Träumerei mit einem oft sympathisch sachdienlichen Dirigat, das sich im Zweifel für schnellere Tempi entschied und dabei das verlockende knietiefe Schwelgen im andächtigen Wohlklang vermied. Den zweiten Akt mit Klingsors Zaubergarten nahm Nagano fast schon im Spurt. Aus dem Sängerensemble ragten neben dem heldisch auftrumpfenden und konditionsstarken Andreas Schager in der Titelpartie auch Wolfgang Koch als wuchtiger Amfortas, Kwangchul Youn als satt orgelnder Gurnemanz und Claudia Mahnke als eindringliche Kundry heraus.

Weitere Termine: 24./27./30.9., 17.00 Uhr, 3.10., 16 Uhr. Infos unter staatsoper-hamburg.de

Eine ausführliche Kritik lesen Sie in der Montag-Ausgabe des Hamburger Abendblatts.