Prozess der Woche

Der Flirtversuch, der in die (Unter-)Hose ging

Symbolbild Justiz

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Foto: picture alliance / Bodo Marks/dpa

Vielleicht hätte Max R. einen Ratgeber konsultieren sollen, bevor er selbst sehr kreativ versuchte, bei einer Frau zu landen.

Hamburg. „Ich starre dich nicht an. Ich genieße die schöne Aussicht.“ Oder: „Hallo, ich bin Möbelpacker. Kann ich dir beim Ausziehen helfen?“ Das Internet, als virtueller Ratgeber bei fast allem von A(utopanne) bis Z(off) in der Ehe geschätzt, hat natürlich auch zahlreiche Anmach-Sprüche parat, zum Teil sortiert in vermeintlich beste, dümmste oder lustigste. Vielleicht hätte Max R. (Name geändert) einen solchen Rat­geber konsultieren sollen, bevor er selbst sehr kreativ versuchte, bei einer Frau zu landen – und dabei heftigst auf die Nase fiel. Oder war es am Ende gar kein Flirtversuch, sondern ein mehr schlecht als recht getarnter Diebstahl?

Als solchen jedenfalls qualifiziert die Staatsanwaltschaft ein Szenario, bei dem Max R. in einer Bar zu einer Frau auf ungebührliche Weise Kontakt gesucht haben soll. Laut Anklage griff er im Dezember vergangenen Jahres in die Einkaufstasche der Ahnungslosen und schnappte sich deren Geldbörse. Um das „Stehlgut für sich zu verwenden“, so die Vorwürfe weiter, habe er das Portemonnaie in seine Unterhose geschoben.

Anspannung ist in seinem Gesicht zu lesen

Vor dem Amtsrichter auf der Anklagebank sitzt nun ein fülliger 33-Jähriger, der sehr nervös erscheint. Die Anspannung ist in seinem Gesicht zu lesen, seine Gestik wirkt fahrig. Nach seiner Darstellung verlief der Abend zunächst ganz vielversprechend. Er war zusammen mit einem Freund in der Bar und stand mit ihm und der Frau an einem Tisch. Sie unterhielten sich nett und angeregt. Plötzlich, so erzählt der Schifffahrtskaufmann, sei ihm als Raucher ein Missgeschick passiert. Versehentlich sei eine Kippe in die auf dem Boden stehende Tasche der 42-Jährigen gefallen.

Er habe überlegt, ob er die Frau darauf aufmerksam machen solle. „Aber dann beschloss ich, die Kippe selber herauszunehmen, bevor noch etwas ansengt.“ Bei dieser so wohlgemeinten Aktion habe er zufällig das Portemonnaie der Frau entdeckt. „Ich habe überlegt, es herauszunehmen. Ich wollte damit einen Spaß machen“, erzählt er. Deshalb habe er die Geldbörse in seinen Hosenbund gesteckt.

Sein Plan funktionierte nicht

Der Amtsrichter wundert sich ob des ungewöhnlichen „Scherzes“. „Ich habe damit bewirken wollen, dass das Gespräch wieder lustiger wird“, ringt der 33-Jährige nach einer Erklärung. Doch als Stimmungsmacher funktionierte sein Plan nun gar nicht. Im Gegenteil. Sein Griff in die Tasche wurde von Security-Mitarbeitern beobachtet, die ihn zur Rede stellten und die Polizei verständigten, weil sie von einem Diebstahl ausgingen. Da Max R. sich nicht ausweisen konnte oder wollte, führten die Beamten den Verdächtigen schließlich ab.

In einem Schriftsatz an das Gericht hat der Verteidiger versucht, den Verdacht des Portemonnaie-Klaus abzuwenden. Es habe sich zwischen seinem Mandanten und der Frau „eine gewisse erotische Spannung entwickelt“, heißt es in dem Schreiben, das der Amtsrichter im Prozess verliest. Max R. sei dann „auf die bizarre Idee“ gekommen, die Geldbörse in seine Hose zu stecken und die 42-Jährige „danach suchen zu lassen. Dazu kam es nicht mehr, weil die Zeugin in ihm einen Dieb wähnte und der gewollte Spaß zu einem bösen Ernst wurde.“ Was er denn glaube, hakt der Vorsitzende beim Angeklagten nach, „welche Frau so etwas anturnt?“ Eine Antwort bleibt der Hamburger schuldig. Beschämt blickt er zu Boden.

Den Diebstahl hat das Opfer nicht bemerkt

Ein Barkeeper erzählt als Zeuge, er habe sicher geglaubt, einen Diebstahl beobachtet zu haben. Als er den Verdächtigen damit konfrontierte, habe der ihm gesagt, es sei ein „Joke“ gewesen. Ein Polizeibeamter kann sich indes nicht erinnern, dass Max R. ihm gegenüber von einem „Suchspiel“ gesprochen hat. „Wenn das so gewesen wäre“, sagt er, „hätte ich das sicher notiert.“

Und auch die Frau in der Bar kann einer solchen Erklärung nicht viel abgewinnen. Sie war mit Freundinnen unterwegs, als sich der ihr Unbekannte zusammen mit seinem Freund zu ihnen gesellte, erzählt die zierliche, blonde 42-Jährige. Den Diebstahl habe sie gar nicht bemerkt; erst als der Barkeeper sie darauf ansprach, was er beobachtet hatte, entdeckte sie, dass ihre wertvolle Prada-Geldbörse mit etwa 300 Euro Bargeld sowie Kreditkarten, Führerschein und Krankenkassenkarte nicht mehr in ihrer Tasche war. Sie habe zuvor mit den Männern ein „nettes Gespräch“ geführt und im Laufe des Abends vier Weinschorlen getrunken. „Ich war aber noch klaren Sinnes“, betont die Hamburgerin.

Sie könne sich nicht vorstellen, dass sie dem Angeklagten Hoffnung auf ein erotisches Abenteuer gemacht habe. Sie sei lediglich von den Männern zu einem Drink eingeladen worden. Ob sie geflirtet habe? Nein, versetzt die Zeugin entschieden. Sie habe an Max R. „überhaupt kein Interesse“ gehabt. „Er ist gar nicht mein Typ. Ich stehe nicht auf dicke Männer.“

Am Ende wird das Verfahren gegen den nicht vorbestraften Angeklagten gegen eine Geldzahlung in Höhe von 2500 Euro eingestellt. Max R. wirkt erleichtert, mit diesem Denkzettel davonzukommen. Er lebe in einer festen Beziehung und habe „überhaupt keinen One-Night-Stand im Sinn gehabt“, betont der 33-Jährige noch. „Es war wirklich nur ein Scherz!“ Die Frau, die das so gar nicht lustig fand, zog wenig später in eine andere Bar weiter – in Begleitung des Freundes von Max R. Wie der Abend endete, ist nicht überliefert.