Wintersemester

WG-Zimmer für Studenten in Hamburg so teuer wie noch nie

Die Studentinnen Zarah Kresenszky (23), Lena Petzke (21) und Mascha Wieckhorst (v. l., 21) wollen zusammen eine WG gründen

Die Studentinnen Zarah Kresenszky (23), Lena Petzke (21) und Mascha Wieckhorst (v. l., 21) wollen zusammen eine WG gründen

Foto: Amin Akhtar

93 deutsche Uni-Städte untersucht. In manchen hat sich die Wohnungssituation sogar etwas entspannt. Experte fordert mehr BAföG.

Hamburg. Schlechte Nachrichten für Hamburger Studenten zu Beginn des Wintersemesters: Das Wohnen in Hamburg ist für sie wieder teurer geworden, die Suche nach einer Unterkunft ist mittlerweile ähnlich schwierig wie in München. Im bundesweiten Städteranking von 93 deutschen Hochschulen ist Hamburg nach der bayerischen Metropole die Stadt mit den teuersten Wohnverhältnissen für Studierende. Hamburg verschlechterte sich damit um zwei Plätze. Vergangenes Jahr kam noch Platz vier auf dem sogenannten Anspannungsindex heraus.

Der Platz in einer Hamburger Wohngemeinschaft, der günstigsten Wohnform für Studeneten nach dem geförderten Wohnheim, kostet hier mittlerweile durchschnittlich 420 Euro. Der bundesweite Schnitt liegt bei 353 Euro – und im BAföG-Satz beträgt die offiziell angesetzte Wohnkostenpauschale 250 Euro.

93 deutsche Uni-Standorte untersucht

Untersucht wurden alle deutschen Hoschschulstandorte mit mehr als 5000 Studenten. Das Moses Mendelssohn Institut (MMI) mit Sitz in Berlin ermittelt dabei einen Anspannungsindex für den jeweiligen Wohnungsmarkt. Die theoretisch erreichbare höchste Indexzahl liegt bei 100. Im Bundesdurchschnitt liegt der Index bei 37,7 Punkten. In München erreicht der Anspannungsindex 78 Punkte, in Hamburg 76. Die Macher der Studie fordern, die im BAföG-Satz für das Wohnen angesetzte Pauschale den tatsächlichen Verhältnissen anzupassen und deutlich zu erhöhen.

„Wir messen auch im fünften Jahr der Untersuchung einen Anstieg des bundesweiten Durchschnittswertes, der sich nicht allein durch die allgemeine Teuerungsrate erklären lässt“, sagt Stefan Brauckmann, Direktor des MMI. „Diesmal lag der Anstieg jedoch lediglich bei 0,7 auf nun 37,7 Punkte.“ Allerdings entwickelten sich die Hochschulstädte höchst unterschiedlich: Während der Index in Hamburg um zwei Punkte stieg und damit stärker wuchs als im Bund, sind die Anspannungswerte etwa in Köln (-5), Frankfurt (-7) oder Heidelberg (-5) zurückgegangen.

Nachhaltige Entspannung nicht absehbar

„An solchen Standorten von einer nachhaltigen Entspannung der Lage zu sprechen, wäre aber verfrüht“, sagte Brauckmann. „Denn die Werte sind nach zuletzt erheblichen Steigerungen immer noch spürbar höher als 2013. Dennoch ist der Wachstums-Trend hier erst einmal gebrochen, so dass von einer leichten Erholung gesprochen werden kann.“ Die Nord-Standorte Bremen (Platz 21, Index 47), Kiel (Platz 31, Index 44) und Lüneburg (Platz 39, Index 41) hielten in etwa das Vorjahresniveau.

Hamburg schließt zu München auf

Am schwierigsten ist die Suche nach der Unterkunft laut MMI-Studie in München (78 Punkte), mit nur noch geringen Unterschieden zu Hamburg (76 Punkte). Die Hansestadt verdrängte Frankfurt damit von Position zwei. Auf Platz drei liegt Stuttgart (74 Punkte). Berlin liegt mit einem Index von 63 Punkten (-1) auf Platz 9 des MMI-Rankings. „Während der Anspannungsindex in München sich seit 2013 kaum geändert hat, waren deutliche Aufholeffekte zum Beispiel in Hamburg zu beobachten“, sagte Brauckmann. Hier erhöhte sich der Index-Wert im gleichen Zeitraum um zehn Punkte.

Auch in Tübingen (+3), Nürnberg (+6), Leipzig (+5), Rostock (+6), Kassel (+6), Fulda (+8), Oldenburg (+6), Essen (+8) und Marburg (+6) hat sich die Situation zum Teil deutlich verschärft. „Selbstverständlich sind an solchen Standorten die Bedingungen objektiv immer noch besser als in großen Metropolen“, sagte Brauckmann: „Doch die Studierenden, die in ostdeutschen Städten wie Rostock oder Leipzig oder an hessischen Uni-Standorten wie Kassel oder Fulda lange Jahre gar keine oder nur geringe Probleme hatten, eine dem studentischen Budget angepasste Unterkunft zu finden, machen jetzt ganz andere Erfahrungen bei der Wohnungssuche.“

Im Bundesdurchschnitt kostet ein WG-Zimmer 353 Euro

Um solche Entwicklungen früh zu erkennen, wurden für die Analyse des MMI erneut jeweils 23 Faktoren detailliert untersucht. Dazu gehören vor allem die Immobilienpreise, insbesondere für Zimmer in Wohngemeinschaften (WG), die Entwicklung der Studierenden- und Erstsemester-Zahlen, die Altersstruktur der Bewohner, die Quote geförderter Wohnheime sowie die Attraktivität von Universität und Stadt für in- bzw. ausländische Studierende.

Wie teuer das Wohnen in den 93 Studentenstädten ist, zeigt eine Analyse, die das MMI in Kooperation mit dem Immobilienportal „WG-Gesucht.de“ zusammengestellt hat. Bereits der Platz in einer Wohngemeinschaft – der eigentlich günstigsten Wohnform nach dem geförderten Wohnheim – kostet danach im bundesweiten Durchschnitt 353 Euro. Die im BAföG-Satz offiziell angesetzte Wohnkostenpauschale liegt bei 250 Euro.

München kostet im Schnitt 570, Cottbus 208 Euro

Teuerster Standort ist München mit durchschnittlich 570 Euro. In Cottbus hingegen – dem günstigsten Standort in der 93-Städte-Liste – werden für ein WG-Zimmer 208 Euro verlangt. In Hamburg werden im Schnitt 420 Euro fällig. „Wer in den Hochschulstädten eine eigene Wohnung für sich alleine sucht, muss in der Regel überall deutlich mehr bezahlen“, sagte Annegret Mülbaier von „WG-Gesucht.de“. „Denn hier haben Studierende bei der Wohnungssuche noch mehr Nachfrage-Konkurrenz, sodass es teilweise erhebliche Preisaufschläge gegenüber dem WG-Preis gibt.“

Neben Cottbus gibt es laut MMI-Studie nur vier weitere, ebenfalls in den neuen Bundesländern liegende Städte, in denen die durchschnittlichen WG-Mieten unter 250 Euro liegen – den laut BAföG-Satz angesetzten Wohnkosten. Brauckmann: „Diese Pauschale spiegelt die Situation gerade in nachgefragten Hochschulstädten in keiner Weise wider.“

Besondere Wohnformen als Ausweg aus der Misere

Ausnahmen gibt es, wenn man zum Beispiel in eine lange bestehende WG mit einem alten Mietvertrag oder in Sonderformen wie „Wohnen für Hilfe“ ziehen kann. Dort unterstützen die Studenten als Gegenleistung etwa andere Bewohner oder vorgegebene Projekte. Auf dem freien Wohnungsmarkt ist es jedoch nahezu unmöglich, mit dem im BAföG angesetzten Budget eine Bleibe zu finden. Brauckmann: „Besonders schwierig ist die Situation jetzt zum Wintersemester-Start für Studierende, die in der bisher fremden Hochschulstadt noch gar nicht vernetzt sind und nur wenig Zeit zwischen Studienplatzzusage und Semesterbeginn haben.“

Auch Wohnheime der lokalen Studierendenwerke können nur wenig Abhilfe schaffen. Für nicht einmal jeden zehnten Studierenden (genau 9,7 Prozent) steht eine subventionierte Unterkunft zur Verfügung. In Hamburg wohnt nur jeder 13. Student (7,7 Prozent) in einem Wohnheim. „Gerade in Städten mit einem hohen Gefälle zwischen Wohnheimkosten und den Neuvermietungs-Preisen sind die Wartelisten besonders lang“, sagte Brauckmann. Die Schaffung zusätzlicher Wohnheimplätze durch die Ausweitung der Wohnbauförderung könne das Problem nur teilweise lösen. Laut MMI ziehen im Schnitt jährlich 18.204 junge Erwachsene nach Hamburg, im Schnitt der deutschen Hochschulstädte sind es 3405 pro Jahr.

Studentenwohnheime können das Problem nicht lösen

„Da die Mehrheit der Studierenden auf dem freien Wohnungsmarkt nach einer Bleibe für sich allein oder in Gemeinschaft sucht, sollte die BAFöG-Wohnkostenpauschale endlich an die lokalen Gegebenheiten angepasst werden“, sagte Brauckmann. „Außerdem brauchen wir schlichtweg mehr Wohnraum, der die Bedürfnisse junger Menschen bezüglich Lage, Preis und Konzept erfüllt.“ Interessant wäre auch die Überlegung, welche Optionen man älteren, alleinstehenden Menschen bieten könnte, damit sie ihre relativ großen Bestandswohnungen wieder für Haushalte mit mehreren Personen zur Verfügung stellen.

Brauckmann: „Wir sollten uns von der Vorstellung verabschieden, dass in den Metropolen die Nachfrage nach Unterkünften insbesondere durch Menschen mit geringen Wohnkostenbudgets in den nächsten Jahren bedarfsgerecht gedeckt werden kann. Selbst rückläufige Erstsemesterzahlen sind nicht gleichzusetzen mit einem Rückgang des Unterkünftebedarfs Studierender und anderer Personen.“