Ernst Deutsch Theater

Verloren im Überwachungsstaat: Big Brother – das Original

Die Schauspieler Alexander Finkenwirth und Luisa Taraz in einer Szene der Bühnenfassung von George Orwells Roman "1984", die am 31. August im Hamburger Ernst-Deutsch-Theater Premiere hat). Regie: Elias Perrig. Foto: Christian Fürst [ Rechtehinweis: picture alliance ]

Die Schauspieler Alexander Finkenwirth und Luisa Taraz in einer Szene der Bühnenfassung von George Orwells Roman "1984", die am 31. August im Hamburger Ernst-Deutsch-Theater Premiere hat). Regie: Elias Perrig. Foto: Christian Fürst [ Rechtehinweis: picture alliance ]

Foto: dpa Picture-Alliance / Christian Fürst / picture alliance / Christian Für

Die gelungene Bühnenfassung von George Orwells „1984“ im Ernst Deutsch Theater ist harte Kost. Das Ensemble ist stimmig besetzt.

Hamburg.  Was ist Wahrheit? Und wie sehr sind Fakten – im Zeitalter der Digitalisierung und öffentlicher Überwachung – manipulierbar? Diese Fragen stellen sich in Zeiten von Herrschern wie Trump, Putin, Erdogan oder Kim mit alternativen Fakten, aber auch im Bundestagswahlkampf. Insofern hat das Ernst Deutsch Theater zum Auftakt der Spielzeit 2017/18 mit „1984“ fortan ein hochaktuelles Stück auf dem Spielplan.

Und doch ist es ein Wagnis, eine deutsche Bühnenfassung der 1946 bis 1948 von George Orwell verfassten Dystopie eines Überwachungsstaates herauszubringen, wie vereinzelte Reaktionen einer mit lang anhaltendem Beifall bedachter Premiere zeigten: Einige Besucher verließen den Saal. Das Stück ist eben alles andere als leichtes Unterhaltungstheater, und für einige war die Folterszene mit dem Protagonisten Winston Smith im zweiten Teil offenbar zu starker Tobak. Dabei trägt Robert Ickes und Duncan Macmillans Fassung, die im englischen Original lange erfolgreich am Londoner West End lief, dort dem Vernehmen nach noch härter auf.

"1984": Um Unterdrückung und Manipulation geht es

Unterdrückung und Manipulation, darum geht’s. Auch Regisseur Elias Perrig erzählt dies nach einem für manche etwas zu langatmigen Einstieg exemplarisch an Winston Smith (Alexander Finkenwirth). Dieser arbeitet in einem totalitären Staat im Jahr 1984 als Mitarbeiter des Ministeriums für Wahrheit, „entpersont“ Menschen und deren Biografien, beginnt aber Zweifel am System zu hegen und Tagebuch zu führen. Als er noch die Liebe – und damit ein zweites „Gedankenverbrechen“ – zur Parteigenossin Julia (Luisa Taraz) entflammt, ist er total gefährdet. Big Brother sieht – dank Kameraüberwachung – alles.

Finkenwirth nimmt man den Wandel vom nachdenklichen, dann aufsässigen und nach Folter gebrochenen Winston durchaus ab. Man leidet mit ihm. Luisa Taraz als Julia berührt nicht ganz so stark, was sich indes auch optisch ändert, wenn sie in beider heimlichem Versteck, einem Hinterzimmer, in ein rotes Kleid schlüpft. Die von Petra Winterer (Ausstattung) überwiegend hellgrau gestaltete und von Perrig geschickt genutzte Drehbühne steht sinnbildlich nicht bloß dafür, was sich alles in Winstons Kopf dreht, es lässt die Übergänge von der Ministeriums-Kantine ins private Hinterzimmer bis hin zum Folterzimmer „101“ nahezu fließend erscheinen.

Ein fast versöhnliches Ende

Im bis in die Nebenrollen stimmig besetzten Ensemble überzeugen An­dreas Seifert und Christoph Tomanek. Seifert als vermeintlich verbündeter Parteifunktionär O’Brien gibt den Folteragenten der Gedankenpolizei unter scharfem blonden Scheitel betont schmallippig mit unterkühlter Stimme. Tomanek ist als gefolterter, aber überzeugter System-Konformist Parsons am meisten Mensch in diesem „1984“

Und es klingt beinahe versöhnlich, wenn die Schauspieler am Ende über Winstons Tagebuch, sprich den Roman, und dessen Thema reflektieren. Wie bei einem heutigen Small Talk.

„1984“ bis 30.9., Ernst Deutsch Theater, Karten zu 22,- bis 42,-: T. 22 70 14 20, Abendblatt-Abonnenten erhalten beim EDT bis zu 25 % Rabatt, je nach Treuekarte